Zero-Künstler Heinz Mack gastiert in Siegburg

Von Peter Köster

Siegburg. Heinz Mack ist vor allem für seine Skulpturen und Reliefs bekannt. Am Anfang seiner Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen stand jedoch die Malerei. Erstmals dokumentiert eine Doppelausstellung im KSI und Stadtmuseum Siegburg (27. Januar bis zum 17. März) Macks malerisches Werk der ZERO-Jahre, das in seiner radikalen Farbreduktion und Konzentration auf Licht und Rhythmus bahnbrechend war. Insgesamt mehr als 500 Gemälde produzierte Mack in jungen Jahren, es sind seine Frühwerke, die gleichzeitig symptomatisch für einen avantgardistischen Teil der jüngeren deutschen Kunstgeschichte stehen.

Abgrenzung zum Informel

Wie zwei magische Pole ziehen sich zwei als Struktur angelegte Hauptfarbfelder aus kräftigem Rot und pastelligem Orange in Heinz Macks neuester Grafik „Die Temperatur der Farben“ aus dem Jahre 2017 zueinander an und werden von mattsamten blau, grün und gelb Tönen umkreist. Dabei wirken die im Mittelpunkt stehenden, pastelligen Hauptflächen wie in sich verwoben und kreieren durch ihre fast schon haptisch wirkenden Binnenstrukturen die für Macks grafisches Oeuvre so typische Stofflichkeit. In Abgrenzung zum Informel entwickelte Mack ab 1956 seine ersten Dynamischen Strukturen – Gemälde, in denen in singulärer Weise dem traditionellen Kolorismus eine Malerei des Lichts entgegengesetzt wird und Struktur die Komposition ablöst. Durch einen zunehmend auf Schwarz und Weiß beschränkten Farbeinsatz und rasterartige Strukturen entstehen neue Flächen, die zu vibrieren scheinen und wie dreidimensionale Reliefs wirken. Ungeachtet der radikalen Beschränkung der Mittel gleicht kein Gemälde dem anderen.

Grammatik der Kunst und Sprache

Heinz Mack (*1931), Mitbegründer der international renommierten Gruppe ZERO, mehrfacher documenta-Teilnehmer und Vertreter der Bundesrepublik Deutschland auf der Biennale von Venedig, befasst sich intensiv mit dem Thema Licht und den durch Licht-Vibrationen entstehenden Erscheinungen. Hierzu entsteht seit den späten 1950er Jahren ein umfangreiches und vielseitiges OEuvre mit gegenstandslosen Skulpturen aus unterschiedlichsten Materialien, Lichtstelen, –kuben und –rotoren, aber auch Malerei, Zeichnungen, Tuschen, Pastelle, Druckgrafik und Fotografie sowie Kunst im öffentlichen Raum, Mosaike und Bühnenbilder. 1964 zeigte die Zero-Gruppe, zu der Otto Piene als Mitbegründer neben Mack gehörte, und Günther Uecker, der später dazustieß, erstmals deutsche Kunst in den USA.
Im Bereich der Malerei lotet Mack die „Farbe als Licht und Licht als Farbe“ aus, Formen dienen darin nur der Begrenzung und Strukturierung der Farbe. Das grafische Werk, das von Anbeginn autonom neben den anderen Gattungen steht, wie die Leiterin des Stadtmuseums Siegburg, Gundula Caspary sagt, „ist von großer Vielfalt und Spontaneität geprägt.“ Mack habe seine Zeichnungen auch als die Grammatik seiner Kunst und Sprache seiner Hand bezeichnet, weil sie den Bewegungen seiner Hand, ihrem Duktus, ihrem Rhythmus und teilweise auch unbewusst seinen Empfindungen folgen.

120 Siebe für den größten Siebdruck

In der gemeinsamen Ausstellung im Katholisch Sozialen Institut (KSI) und im Stadtmuseum Siegburg werden die grafischen Arbeiten Heinz Macks in einem retrospektiven Querschnitt präsentiert. Unter anderem wird der „12 Stunden Zyklus“ mit Referenz zu Goethes „West-Östlichem Divan“ gezeigt. Die zwölf Blätter wurden im Siedruckverfahren erschaffen, zum Teil mit 33 Sieben pro Blatt, so dass jeder einzelnen Farbe eine eigene Prominenz gegeben wird. Ferner zu sehen die „Sahara Stationen“, die Mappen „Das Hohe Lied Salomo“, „Kombinationsspiel“ und „Juan de la Cruz“ sowie der größte Siebdruck des Künstlers, der im Jahr 2018 im Format 140 x 180 cm mit 120 Sieben entstand, ein Farbenspiel kombiniert mit zeichnerischen Strukturen und Formen, das die Poesie des Lichts erschließt. Gerade bei diesem Werk zeigt sich, wie ungebrochen die Energie und Schaffenskraft des mittlerweile 86-jährigen auch nach fast 70 Jahren künstlerischen Tuns nach wie vor ist.

Spielerische Leichtigkeit

Während sich die Präsentation des KSI auf das titelgebende, 2015 entstandene Mappenwerk „12 Stunden“ konzentriert, zeigt das Stadtmuseum unter dem Schlagwort „Kombinationsspiel“ einen Abriss über die grafischen Arbeiten des Künstlers zwischen 1970 und 2018. Mit der titelgebenden Werkserie „Kombinationsspiel“ elaboriert der Künstler sein immer wiederkehrendes Motiv der Flügel und Rotoren in unterschiedlichen Kombinationen von Farben, Strukturen und Reflexionen, die auch in der kleinen „Flügelskulptur“ wieder aufscheinen. Bewegung und Dynamik, durch Reflexion des Lichtes evoziert, werden hier mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit in zwölf Variationen präsentiert. Das Mappenwerk „Juan de la Cruz“ zeigt acht Linolschnitte, die im direkten Zusammenhang zu de la Cruz’ Wortgesang „Gesang über die Ekstase“ von hoher Bedeutung stehen, flankiert von Texttafeln mit Fragmenten, die den Künstler inspirierten. Erstmals gezeigt werden „14 Linolschnitte“ die die spielerische Experimentierfreude Heinz Macks deutlich macht. Wie stoffliche Texturen entfaltet sich in den schwarz-weißen Blättern ein höchst dynamischer Formenkanon. Manche Muster sehen aus wie Notationen, Partituren – Heinz Mack wollte als Kind Pianist werden, so erklärt sich vielleicht die Anlehnung ans Musikalische. Andere Leinwände tragen Zeichen, geritzt, erhaben – geheime Chiffren. Es könnten verkapselte Botschaften sein. Die großen Siebdrucke sind selbst bei näherer Betrachtung kaum als solches auszumachen – lässt sich doch noch ein Pinselduktus und dichter Farbauftrag erkennen – von Ferne erscheinen sie wie reine Malerei. Voller Leuchtkraft strahlen die pigmentstarken Farben, die der Drucker mit größer technischer Meisterschaft gesetzt hat. Erneut hat der ZERO-Künstler sowohl die Sinnlichkeit der Farbe als auch die Leuchtkraft des Lichts in einem grafischen Meisterwerk eingefangen und überrascht zudem durch sein außergewöhnliches Format.

Mit über 70 Exponaten beleuchtet die Doppel-Ausstellung unter zwei Titeln das außerordentlich vielseitige grafische Werk des Künstlers Heinz Mack. Zu der Ausstellung, die mit Unterstützung der Galerie „Breckner“, Düsseldorf, und des Ateliers Mack entstand, erscheint der 4. Band des Werkverzeichnisses zum grafischen Werk von Heinz Mack. Das Stadtmuseum Siegburg bietet während der Ausstellung eine Sonderedition des Künstlers an.

 

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Bild 1: Ausschnitt aus dem Schwarz-Weiß Zyklus „14 Linolschnitte.
Foto: Peter Köster

Bild 2: Kleine „Flügelskulptur“.
Foto: Peter Köster

Bild 3: Werk voller Leuchtkraft.
Foto: Peter Köster