Von Tizian über die Brücke-Künstler bis zu van Gogh

Frankfurt/Main. Von Tizian über die Brücke-Künstler bis zu van Gogh: Das Frankfurter Städel liefert 2019 ein Kaleidoskop dreier große Schauen. Den Startschuss macht „Tizian und die Renaissance in Venedig“ (Laufzeit: 13. Februar bis zum 26. Mai.). Daran an schließt sich die Sonderausstellung über „Holzschnitt und Holzplastik“, Dauer: 6. Juni bis 13. Oktober. Am 26. Juni eröffnet dann die bis zum 13. Oktober laufende Ausstellung über „Vincent van Gogh“.

Inspiration durch venezianische Kunstszene

Das Ausstellungsjahr startet mit „Tizian und die Renaissance in Venedig“. Die groß angelegte Sonderausstellung mit über 100 Meisterwerken – darunter hochkarätige Leihgaben aus mehr als 60 deutschen und internationalen Museen – bildet eines der folgenreichsten Kapitel der europäischen Kunstgeschichte ab, die venezianische Malerei der Renaissance. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts entwickeln die Künstler der Lagunenstadt eine eigenständige Spielart der Renaissance, die auf rein malerische Mittel und die Wirkung von Licht und Farbe setzt. Einer der wichtigsten Vertreter ist Tizian (um 1488/90 – 1576), der Zeit seines Lebens die zentrale Figur in der venezianischen Kunstszene bleibt. Mit über 20 seiner Werke versammelt die Frankfurter Schau die umfangreichste Auswahl, die in Deutschland je gezeigt wurde. Die Ausstellung bietet einen umfassenden Einblick in die künstlerische und thematische Bandbreite der Renaissance in Venedig und macht anschaulich, warum sich Künstlerinnen und Künstler der nachfolgenden Jahrhunderte immer wieder auf die Werke dieser Zeit beziehen. In einer Folge von acht thematischen Kapiteln werden ausgewählte Aspekte vorgestellt, die für die venezianische Malerei des 16. Jahrhunderts charakteristisch sind.

Wechselbeziehung: „Holzschnitt und Holzplastik“

Im Sommer (26. Juni bis 13. Oktober) spürt das Städel Museum in einer Sonderausstellung den Wechselbeziehungen zwischen „Holzschnitt und Holzplastik“ im Schaffen von Ernst Ludwig Kirchner (1880 – 1938), Erich Heckel (1883 – 1970) und Karl Schmidt-Rottluff (1884 – 1976) nach. Den Ausgangspunkt bildet dabei das Material Holz, das wie kein anderes mit der Kunst des deutschen Expressionismus verbunden ist. Es reizte die Künstler gerade wegen seiner Unebenheiten und Maserungen sowie der unterschiedlichen Farbigkeit und Härte. Als sich Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff im Sommer 1905 in Dresden zur Künstlervereinigung „Brücke“ zusammenschlossen, wurde der Holzschnitt zu einem ihrer wichtigsten künstlerischen Medien. In dieser Drucktechnik treten bis weit in die 1920/30er – Jahre der spezifische Ausdruck und die Experimentierfreude der drei Künstler am vielleicht deutlichsten zutage. Etwa gleichzeitig mit den ersten Holzschnitten und eng mit ihnen verbunden entstanden zudem geschnitzte Reliefs, Aktfiguren und Köpfe, die in ihrer Bearbeitung formal und inhaltlich auf den Holzschnitt zurückwirkten – und umgekehrt. Den besonderen Umgang der Künstler mit dem Material und der Technik thematisiert die Ausstellung anhand von rund 90 Holzschnitten, fünf Druckstöcken und einer Reihe von Skulpturen. Der Großteil der Werke stammt aus dem eigenen Bestand des Städel Museums, der Sammlung des Frankfurter Mäzens Carl Hagemann.

„Große Realistik & Große Abstraktion“

„Große Realistik & Große Abstraktion. Zeichnungen von Max Beckmann bis Gerhard Richter“ ist die Schau betitelt, die das Städel vom 13. November bis 16. Februar 2020 zeigt. Große Realistik, Große Abstraktion – zwischen diesen beiden Polen bewegt sich der etwa 1800 Blätter umfassende Bestand an deutschen Zeichnungen des 20. Jahrhunderts in der Graphischen Sammlung des Frankfurter Museums. Gezeigt wird eine repräsentative Auswahl von etwa 100 Werken, die die historisch gewachsenen Schwerpunkte der Sammlung widerspiegelt. Den Auftakt bilden Zeichnungen von Max Beckmann (1884 – 1950) und den „Brücke“ – Künstlern, allen voran Ernst Ludwig Kirchner (1880 – 1938). Deren zwischen Gegenstandsnähe und Abstraktion schwankende Bildsprache findet ihre Fortsetzung in den Werken von Künstlern, die sich figurativen und abstrakten Tendenzen im geteilten Deutschland der Nachkriegszeit gewidmet haben. Hierzu zählen Vertreter des Informel, neoexpressionistischer Strömungen oder der Pop Art, wie etwa Karl Otto Götz (1914 – 2017), Joseph Beuys (1921- 1986), Georg Baselitz (*1938), Gerhard Richter (*1932) und Sigmar Polke (1941 – 2010).

Die Zeichnung diente den Künstlern als unmittelbarer künstlerischer Ausdruck, ob in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, auf den Boulevards der erwachenden Metropole Berlin oder inmitten der neu entstehenden Konsum – und Warenwelt. Im Medium der Zeichnung konstruierten sie idealistische Lebensentwürfe, begehrten gegen etablierte Traditionen in Politik und Gesellschaft auf oder reflektierten prägende Ereignisse der deutschen Geschichte. Der jeweilige Entstehungskontext bestimmte die Technik, weshalb in der Ausstellung einfache Bleistiftskizzen, farbig leuchtende Pastelle und Aquarelle, miniaturhafte Kreidezeichnungen wie auch monumentale Collagen zu sehen sind.

Vorbild für deutschen Expressionismus

Bereits auf Hochtouren laufen im Städel die Vorbereitungen für die kapitale Sonderausstellung „Vincent van Gogh“ (1853 – 1890), einem der berühmtesten Künstler der Welt. Die bis dato größte und aufwendigste Präsentation in der Geschichte des Städel thematisiert die besondere Rolle, die deutsche Galeristen, Sammler, Kritiker und Museen für die Erfolgsgeschichte des Vorreiters der modernen Malerei spielten. Zum anderen wird die entscheidende Rolle van Goghs als Vorbild für die Kunst des deutschen Expressionismus beleuchtet. Die Ausstellung – zu sehen sind etwa 140 Gemälde und Arbeiten auf Papier – darunter etwa 50 zentrale Werke des Künstlers, nimmt das Œuvre van Goghs erstmalig umfassend im Kontext seiner Rezeption in Deutschland in den Blick. Den Ausgangspunkt bildet eine Auswahl von Schlüsselwerken aus allen Schaffensphasen des niederländischen Malers. Darauf aufbauend widmet sich die Präsentation der Bedeutung van Goghs für die Entwicklung der deutschen Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wichtiger Referenzpunkt ist hierbei die umfangreiche Städel Sammlung von Werken des Expressionismus. Neben bekannten Beispielen von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Paula Modersohn-Becker, Gabriele Münter oder Max Beckmann werden auch wiederzuentdeckende Positionen präsentiert, für die van Gogh ebenso prägend war, darunter Peter August Böckstiegel, Maria Slavona oder Heinrich Nauen.

Das Städel wird hochkarätige Werke aus deutschen wie internationalen Sammlungen präsentieren, darunter das Museum of Fine Arts in Boston, das Cleveland Museum of Art, die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München, das Metropolitan Museum of Art in New York, die Nationalgalerie in Prag sowie die National Gallery of Art in Washington. Besondere Höhepunkte stellen die Selbstbildnisse aus dem Art Institute in Chicago und dem Kröller- Müller Museum in Otterlo dar. pk

 

BU:

Tizian (Tiziano Vecellio) (um 1488/90-1576) Bildnis eines jungen Mannes, ca. 1510 Pappelholz, 20 x 17 cm Städel Museum Frankfurt a.M. © Städel Museum

Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) Selbstbildnis, 1919 Holzschnitt, 49,8 x 39,4 cm Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Vincent van Gogh (1853–1890) Selbstporträt, 1887 Öl auf Karton, 32,8 x 24 cm, Kröller-Müller Museum, Otterlo © Indien van Toepassing, Amsterdam.