Vielfältiges und spannendes Ausstellungsjahr im Museum Schloss Morsbroich

Von Peter Köster

Leverkusen. 2018 erwartet das Publikum im Museum Schloss Morsbroich ein vielfältiges und spannendes Ausstellungsjahr. Am 28. Januar eröffnet die Ausstellung „Gegen die Strömung. Reise ins Ungewisse“. Es folgt im Mai eine große Präsentation von bisher unveröffentlichten Fotografien Sigmar Polkes, und im September wird in den Räumen des historischen Rokoko-Schlosses ein Panorama zeitgenössischer Werke entfaltet, die sich mit dem Rokoko auseinandersetzen.

In der Grafiketage wird anschließend die aktuelle Überblicksausstellung der Druckgrafik von Georg Baselitz das Werk des türkisch-amerikanischen Künstlers Burhan Doğançay vorgestellt. Im Herbst werden, ausgehend von eigenen Sammlungsbeständen, die Linol-Schnitte von Markus Oehlen gezeigt und die Ergebnisse von Peter Pillers Peripherie-Wanderung um Leverkusen präsentiert.

Reisen als existentielles Wagnis

Den Startschuss in das neue Jahr 2018 hat mit der Übergabe seines „Standortkonzepts für die Zukunftssicherung von Schloss Morsbroich in Leverkusen“ an den Oberbürgermeister der Museumsverein Morsbroich e.V. gegeben. Darin werden konkrete Schritte zur Revitalisierung des Parks und der gesamten Liegenschaft Morsbroich aufgezeigt. Für einen Erweiterungsbau im äußeren Park wurde eine belastbare Förderkulisse skizziert. Mit der Schau „Gegen die Strömung. Reise ins Ungewisse“ (28. Januar bis 29. April) folgt der Ausstellungsstart 2018. Präsentiert werden 19 internationale Positionen der zeitgenössischen Kunst, die sich mit dem Reisen als existentiellem Wagnis auseinandersetzen. Jeder Aufbruch ist mit Risiken verbunden, ist ein Aufbegehren gegen das Alte und Gewohnte. Jeder Anfang einer Reise setzt den Bruch mit dem Alltag voraus. Er benötigt einen starken, von Innen oder Außen kommenden Impuls, das bisherige Leben zumindest auf Zeit zu verlassen und sich auf den Weg zu machen – gegen alle Widerstände und trotz des ungewissen Ausgangs. Die Einlassung auf das Ungewisse öffnet den Raum für Imagination und Kreativität. Mit Werken von Bas Jan Ader (NL), Kader Attia (F), Björk (ISL), Stanley Brouwn (NL), Daniele Cudini (I), Jack Goldstein (CA), Rodney Graham (CA), Kris Martin (BE), Bruce Nauman (USA), Roman Ondak (SVK), Panamarenko (BE), Peter Piller (DE), Anne Pöhlmann (DE), Daniel Richter (DE), Thomas Ruff (DE), Melanie Smith (UK), Javier Téllez (VEN), James Webb (ZAF) und Lawrence Weiner (USA).
Mit den teilnehmenden Künstlerinnen- und Künstlern startet das Museum Morsbroich in eine neue Etappe einer langen Reise, der mit der Museumsgründung 1951 ein pionierhafter Aufbruch voranging und die seither unzählige kunstaffine Weggefährten begleitet haben.

Sigmar Polke: Alchimist der Dunkelkammer

„Sigmar Polke. 70 – 80 Fotografien“ (27. Mai bis 2. September) steht bei dieser Ausstellung im Mittelpunkt. Ausgehend von einem umfangreichen Konvolut bisher unveröffentlichter Fotografien, zeigt die Schau Sigmar Polke als experimentierfreudigen Verwandlungskünstler, als Alchimisten der Dunkelkammer und nebenher auch als Chronisten der rheinischen Kunstszene. Polkes Apparate, seien es die Foto- oder die 16-mm-Filmkamera, sind in den 1970er Jahren seine ständigen Begleiter. In zahlreichen Aufnahmen zeigt Polke sein persönliches Umfeld: zu Hause, zunächst in Düsseldorf, seit 1972 auf dem Gaspelshof in Willich, später in Köln, mitunter in Hamburg und Zürich, auf Vernissagen und auf Reisen. Es entstehen „unglaubliche Dokumente des Dabeiseins“, die von Lebensfreude und Anteilnahme, von der wachen Offenheit und Präsenz des Fotografen zeugen. Legendär sind Polkes „Linsenflirts“ und spielerische Interaktionen, wenn bei Treffen mit Künstlerfreunden die Kamera „als Ball durch die Runde“ ging (Bice Curiger). Polkes Aufnahmen sind oftmals bewusst unsachgemäß geschossen, unscharf oder falsch belichtet. Dieses ›anarchische‹ Material dient ihm dann als Grundlage vielfältiger Manipulationen im Labor. Dort entwickelt er die Fotos durch Mehrfachbelichtung, Umkehreffekte, Überblendungen oder Solarisation weiter. Dabei nimmt er im Prozess zufällig auftretende Erscheinungen bereitwillig auf. Es entstehen Bilder, die das Alltägliche humorvoll brechen und dem Trivialen eine geheimnisvolle Aura verleihen.

Kooperation mit der Albertina Wien

„Burhan Dogançay. Zeichen an der Wand“, heißt die Ausstellung, die vom 18. März bis 26. August im Rahmen der Grafiktage gezeigt wird. Der türkisch-amerikanische Künstler Burhan Doğançay (1929–2013), dessen Werk in Istanbul ein eigenes Museum gewidmet ist, erlangte mit seinen „Urban Walls“ internationale Bekanntheit. In mehr als 100 Städten fotografierte er Hauswände und Fassaden. Die seit 1963 in seiner Malerei und seinen Collagen künstlerisch bearbeiteten Plakate, Hinweisschilder, Graffiti und andere Spuren sind für Doğançay Anzeichen des kulturellen wie auch des politischen Klimas. Er liest sie als indirekte Porträts unterschiedlicher Gesellschaften: „Die Wände sind Spiegel ihres jeweiligen Umfelds. Es sind sprechende Wände, auf denen Menschen ihre Frustrationen und Hoffnungen zum Ausdruck bringen“ (Doğançay 2008). Die Ausstellung geht von zwei Schenkungen an das Museum aus und setzt den Schwerpunkt auf Arbeiten auf Papier. Das Projekt ist eine Kooperation mit der Albertina, Wien, die Hauptleihgeberin ist.

Oehlens motivisches Panoptikum

„Grafiketage Markus Oehlen. Linolschnitte“. Diese jahresübergreifende Schau (23. September bis 6. Januar 2019) stellt den Maler, Musiker und Bildhauer Markus Oehlen (*1956 in Krefeld ins Zentrum. Der heute in München lebende und arbeitende Künstler experimentierte ab 1990 mit konventionellen
grafischen Techniken wie dem Linolschnitt und dem Siebdruck. Die entstandenen Bilder integrierte er collageartig in seine Gemälde, wo sie sich in flirrenden Kompositionen überlagern und im komplexen Ganzen zunehmend verflüchtigen. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine 2006 gedruckte Suite von 76 Linolschnitten, die in den Jahren 1990–96 entstanden. Gegenüber den abstrahierenden Verdichtungen in den Gemälden entfaltet sich hier sehr spielerisch Bild für Bild Oehlens motivisches Panoptikum.

„Peripheriewanderung Leverkusen“

„Peter Piller. Peripheriewanderung Leverkusen“. Auch dies ist eine jahresübergreifende Schau, die am 23. September eröffnet wird und bis zum 6. Januar 2019 zu bestaunen ist. Seit Mitte der 1990er Jahre interessiert sich Peter Piller (*1968 in Fritzlar, lebt und arbeitet in Hamburg) für die unbekannte Peripherie. Er fing an, großstädtische Randgebiete zu umwandern, u. a. in Hamburg, Bonn und Barcelona. Bei seinen Wanderungen folgt er immer seinem Blick. Der Tourenverlauf ist nur grob abgesteckt, Überraschungen und Abweichungen sind willkommen. Im Rahmen der Ausstellung Gegen die Strömung wird Peter Piller die Peripherie von Leverkusen erkunden. Auf einer mehrteiligen Wanderung entstehen im Frühjahr Fotografien, die als Zwischenergebnisse einer Reise ins Ungewisse gezeigt werden. Erst im Nachhinein aber wird Piller das Gesehene im Atelier rekapitulieren. Er fertigt Erinnerungszeichnungen, eine Art mental maps, welche die Wanderung nachvollziehen und verdichten. Die Ergebnisse dieses Prozesses werden im Herbst in der Grafiketage präsentiert.

„Rokoko in der Gegenwartskunst“

„Der flexible Plan. Das Rokoko in der Gegenwartskunst“ (23. September bis 6. Januar 2019), auch hierbei handelt es sich um eine jahresübergreifende Ausstellung. Schloss Morsbroich wurde in der Zeit des Rokoko gebaut und im Stil des Neo-Rokoko erweitert. Sein Bauherr Ignaz Felix Freiherr von Roll zu Bernau (1719–1795) wurde maßgeblich von seinem väterlichen Freund Kurfürst Clemens August von Bayern gefördert, der als Erzbischof von Köln und Fürstbischof von Hildesheim, Münster, Paderborn und Osnabrück die prägende Figur des Rokoko in Norddeutschland war. Er führte einen prunkvollen Hof und baute bedeutende Schlossanlagen wie Augustusburg und Falkenlust in Brühl. Vor diesem reichen kulturellen Hintergrund entfaltet die Ausstellung „Der flexible Plan“ ein vielgestaltiges Panorama zeitgenössischer Werke, die unter dem Eindruck dieses einzigartigen europäischen Stils des Rokoko stehen. Dabei wird der historische Baubestand des Schlosses als Partner und spielerisches Gegenüber für die Kunstwerke verstanden. Die Ausstellung im Museum Morsbroich entsteht in enger Abstimmung und Partnerschaft mit dem Von der Heydt-Museum in Wuppertal, wo parallel (30.Oktober bis 24.Februar) die große Schau „Aufbruch zur Freiheit. Das Zeitalter der Aufklärung – Frankreich im 18. Jahrhundert“ gezeigt wird.

Ein Drama mit großem Risiko

Noch bis zum 4. März läuft die Ausstellung „Georg Baselitz. Heulende Hunde Druckgrafik 1964–2017“. Baselitz’s Grafik … ist so überlegen und doppelbödig, dass manche sie als unbeholfen ansehen. Tatsächlich ist sie jedoch hemmungslos elegant … man ist immer unterwegs in einem Drama mit großem Risiko. (Per Kirkeby 1981) Seit Georg Baselitz 1964 die Druckgrafik für sich entdeckt hatte, erwies er sich als experimentierfreudiger Virtuose. Er testete die technischen und gestalterischen Möglichkeiten konsequent aus und wurde zum Wegbereiter einer Renaissance des Holzschnitts in den 1980er Jahren. Mit der Übersetzung in die Grafik unterzog Baselitz seine Bildideen einer Probe. Um sie in der für die Druckgrafik nötigen Einfachheit auszuführen, musste er zum Kern einer bildnerischen Idee vordringen.

 

BUS:

Sigmar Polke, ohne Titel, 70 – 80; Fotografie, 20 x 30 cm
Georg Polke; © The Estate of Sigmar Polke, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Thomas Ruff ma.r.s. 10_III, 2012 C-Print (chromogener Abzug; Diasec face mount), 258 × 190 cm Courtesy Konrad Fischer Galerie
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Lawrence Weiner WE ARE SHIPS AT SEA NOT DUCKS ON A POND, 2015
Offsetlithografie, 42 x 60 cm Chelsea Space, University of the Arts London
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Daniel Richter Das Kommen, 1996 Öl, Lack auf Leinwand, 135 × 145 cm
Privatsammlung im Museum Morsbroich, Leverkusen