„Traum und Mythos Orpheus in der Modernen Kunst“

Von Peter Köster

Bonn. Ein Korbsessel mit Stickbezug, der einen Leier spielende Orpheus mit Tieren zeigt. Das Möbel setzt nicht nur optisch ein Zeichen, es ist zugleich das Schlüsselwerk der neuen Ausstellung „Traum und Mythos Orpheus in der Modernen Kunst“, die das Museum August Macke Haus bis zum 16. Februar 2020 gemeinsam mit der Jubiläumsgesellschaft BTHVN präsentiert.

Künstlerische Inspiration

Ausgangspunkt dieser von Gesa Bartholomeyczik kuratierten Schau mit insgesamt 100 Exponaten, ist der von August Macke um 1912/13 entstandene Entwurf mit der Darstellung des Leier spielenden Orpheus mit den Tieren. Elisabeth Macke und Katharina Koehler stickten das Motiv für den Bezug. Kein Stoff hat Künstlerinnen und Künstler so vielfältig emotional berührt und zu individuellen Darstellungen angeregt wie dieser Mythos, der Glück, Trauer, Tod und grausames Schicksal ebenso in sich birgt wie Zweifel und Kühnheit künstlerischer Inspiration. Orpheus faszinierte Kunstschaffende aller Sparten und Zeiten, so dass er zum Prototyp des Musikers und Künstlers schlechthin wurde. Beispiel: Markus Lüpertz. Das selbsternannte Malergenie verinnerlichte diese Gestalt so sehr, dass er glaubt, selbst Orpheus zu sein. 1995 brachte er das Künstlerbuch: „Ich Orpheus“ heraus und schuf die Radierung „Orpheus mit Lyra“.

Künstlerbuch „Orphée“

Sehenswert auch Max Beckmanns Lithografien zu Johannes Guthmanns „Eurydikes Wiederkehr in drei Gesängen“ (1909), ein kompakter, sehr malerischer Orpheus von Horst Antes. Herausragend Picassos feinlinige Radierungen, die den Todeskampf Eurydikes nach dem Schlangenbiss und die Mänaden zeigt, wie sie über den armen Sänger herfallen, um ihn zu töten. In unmittelbarer Nähe finden sich Darstellungen von Jean Cocteau. Als Verkörperung einer allumfassenden, unfassbaren Poesie, die, wie die Musik des mythischen Sängers, alle Grenzen überwand. Neben dem Künstlerbuch „Orphée“, hängen Orpheus-Lithografien an der Wand. Auch Oskar Kokoschka hatte seinen persönlichen Blick auf die Gestalt Orpheus. Während des Ersten Weltkriegs schrieb er ein Orpheus-Drama, später entstanden Bühnenbildentwürfe. Er verarbeitete damit seine Trennung von Alma Mahler, die anschließend mit Bauhaus-Gründer Walter Gropius leiert war. Unübersehbar die große Bronze-Skulptur von Ossip Zadkine (1948). Sie verkörpert am ehesten die Orpheus-Interpretation der Moderne: als gleichermaßen triumphale wie tragische Figur. Zadkines Orpheus ist eine zerrissene Gestalt, deren aufgebrochener Körper zur Lyra wird, die Beine schreiten voran, der Oberkörper aber wendet sich verdreht nach hinten, das Gesicht wirkt entsetzt.

Gemeinsame Jugendjahre in Bonn

Das Museum August Macke Haus feiert Orpheus mit einer Ausstellung aus Anlass des 250. Geburtstages von Ludwig van Beethoven, der wie August Macke seine Jugendjahre in Bonn verbrachte. Sie entfaltet die künstlerische Verarbeitung des Mythenstoffes in einem spannungsvollen Wechsel internationaler Positionen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit. Von symbolhaften Verdichtungen in Gemälden und Skulpturen über grafische Folgen bis hin zu Bühnenentwürfen und kunsthandwerklichen Arbeiten enthält die Schau alle Spielarten künstlerischer Gestaltung.

Leier in die Wiege gelegt

Zum Schluss sei noch in Kurzform auf die Orpheus-Sage hingewiesen. Dem schönen Orpheus, Sohn des Apolls und der Muse Kalliope, wurde die Leier quasi in die Wiege gelegt. Er spielte und sang sich durchs Leben, Felsen weinten, Menschen und Tiere scharten sich um ihn. Er verliebte sich in Eurydike, man heiratete, die Geliebte starb schon am Hochzeitstag am Schlangenbiss. Orpheus‘ Trauergesänge, die er am Ufer des Flusses zur Unterwelt intoniert, überbieten alles bislang Dagewesene. Sie erweichen das Herz des Fährmanns, der in mitnimmt, und des Höllenhundes Zerberus, der ihn passieren lässt. Auch die Götter haben ein Einsehen: Orpheus darf seine Eurydike wieder zurück ins Leben nehmen, er darf sich beim Aufstieg aus der Unterwelt nur nicht nach ihr umdrehen. Er tut’s. Sie muss zurück in die Finsternis, er in die Welt. Zuletzt ein Märtyrer: nach dem tragischen Verlust wandte er sich gänzlich von den Frauen ab, worauf ihn die Mänaden in Stücke rissen. Sein weiter singendes Haupt wurde auf Lesbos bestattet und begründete die Orphischen Mysterien.

 

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Bild 1: August Macke Orpheus mit den Tieren, um 1912/13 Stickerei ausgeführt von Sophie Gerhardt und Katharina Koehler, vor 1917 Rattan-Lehnstuhl, 110 x 68 x 75 cm Museum August Macke Haus
Foto: Peter Köster

Bild 2: Ossip Zadkine Orpheus, 1948 Bronze, 203,5 x 61 x 74,5 cm
Lehmbruck Museum, Duisburg © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 /
Foto: Peter Köster

Bild 3: Malerischer Orpheus von Horst Antes.
Foto: Peter Köster