Surreale Comicwelten von „MŒBIUS“ im Max Ernst Museum Brühl

Von Peter Köster

Brühl. Nach der viel beachteten Sonderausstellung mit der zeitgenössischen portugiesischen Künstlerin Joana Vasconcelos, entführt das Max Ernst Museum Brühl nun zum Abschluss des Ausstellungsjahres 2019 in die visionäre Welt des französischen Comiczeichners und Szenaristen Jean Giraud alias Moebius. Die Ausstellung „MŒBIUS“ wird bis zum 16. Februar 2020 gezeigt.

Hochkultur trifft auf Popkultur

Wenn Hochkultur auf Popkultur trifft, stellt sich mit einem gewissen Automatismus ein Rechtfertigungszwang ein. Beim Thema Comic wurde dies exemplarisch auf einer Podiumsdiskussion zur großen Robert-Crumb-Ausstellung im Jahr 2004 im Museum Ludwig in Köln deutlich. Eine wohlfeile Haltung des Gastgebers und Vergleiche mit großen Künstlern a la Pieter Breughel und August Sander mussten herhalten, um Crumb auf Museumslinie zu bringen. Annähernd 15 Jahre später ist diese Diskussion dank „Graphic Novel“-Booms in den Feuilletons und Kulturmagazinen kaum mehr ein Thema. Das zeigt auch der Text zur Mœbius-Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl, wo der Begriff Comic nicht mehr als Unwort gilt, obgleich Synonyme wie Bildgeschichten bemüht werden oder von Bildproduktion die Rede ist.

Bedeutende Filmklassiker inspiriert

Die Brühler Schau zeigt die visionären Bildwelten des französischen Comiczeichners und Szenaristen Jean Giraud (1938–2012), der unter dem Namen „Mœbius“ Internationalität erlangte. Bei Mœbius verschwimmen die Grenzen zwischen Comicstrip und bildender Kunst. Seine Geschichten entwickeln sich zwischen Hightech-Metropolen, futuristischer Architektur und Wüstenlandschaften; seine Helden unternehmen schamanistische Reisen durch Raum und Zeit. Mœbius beschrieb mit seinen Werken nicht nur Comicgeschichte, sondern inspirierte auch bedeutende Filmklassiker, etwa von George Lucas, Ridley Scott.

„Der Traum vom Fliegen und Fallen“

Mit 450 Arbeiten ist dies die bislang umfangreichste Ausstellung in Deutschland. Die Brühler Schau versammelt Zeichnungen, Aquarelle, Gemälde und Drucke und folgt thematischen Bereichen wie „Natur und Metamorphose“, „Der Traum vom Fliegen und Fallen“ oder „Die innere Wüste“. Ausgehend von seinen Notizbüchern („Carnets“) über kolorierte Zeichnungen, Comicfolgen und abstrakte Gemälde bis hin zu populären Druckgrafiken wird das Spektrum seiner Zeichenkunst ausgebreitet. Isabelle Giraud, Ehefrau und Mitarbeiterin von Jean Giraud, Mœbius Production, erläutert: „Beinahe jede Geschichte beginnt oder endet mit Sequenzen, in denen eine Figur fliegt. Für Mœbius steht das Fliegen sinnbildhaft für das immerwährende Bedürfnis, sich im Akt des Zeichnens und im Zuge der Betrachtung der Welt eben dieser zu entziehen, alle Bürden abzuwerfen, sich aufzuschwingen und über die Unbill des irdischen Lebens zu erheben. Das Fliegen erlaubt eine andere Wahrnehmung der Umwelt, ermöglicht es, Abstand zu nehmen und im Traum nach Antworten zu suchen.“

Die Idee zur Ausstellung kam den beiden Kuratoren Achim Sommer und Patrick Blümel im Anschluss an die crossmediale Ausstellung „The World of Tim Burton“ im Jahr 2015. Sommer erklärt die Hintergründe: „Die Nähe zu Max Ernst und den Surrealisten zeigt sich auch durch das Prinzip des automatischen Schreibens, der sogenannten „écriture automatique“. Mœbius schuf rauschartige Bilder, die beeindrucken und immer wieder in Erstaunen versetzen. Zwischen Traum, Metaphysik und Science-Fiction angesiedelt, prägen seine Ideen und Visionen die Ikonografie letzterer bis heute.“ Patrick Blümel, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Max Ernst Museum Brühl ergänzt: „Unsere Museumsgäste sollen die ganze Bandbreite von Mœbius als Zeichnergenie erleben können. Deshalb zeigt die Ausstellung auch die vielen medialen Facetten von Mœbius’ Schaffen.“

Jean Giraud, der sich nach dem Mathematiker und Astronomen August Ferdinand Möbius und dem von ihm beschriebenen „Möbiusband“ benannte, zeichnete unter zwei Pseudonymen: Als „Mœbius“ erforschte er die Sphäre der Science-Fiction und lotete mit Klassikern wie „Arzach“ oder „Die hermetische Garage“ das Comic-Genre neu aus. Als „Gir“ schuf er zusammen mit Jean-Michel Charlier die Westernserie „Leutnant Blueberry“ und begleitete diese zeichnerisch fast 40 Jahre lang.

 

BUS:

Bild 1: Mœbius, La Chasse au Major, 2009, Acryl auf Leinwand, 90 x 130 cm.2019 Mœbius Production.
Foto: Peter Köster

Bild 2: Mœbius, L Homme du Ciguri, 1994, Airvrush und Mischtechnik auf Papier, 39 x 29,5 cm 2019 Les Humanoides Associés Production.
Foto: Peter Köster

Bild 3: Riesiges Wandgemälde Mœbius nachempfunden im Foyer des Museums.
Foto: Peter Köster