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Staub aus den ehemaligen Behörden der „Bonner Republik“

Ausstellung „Versiegelte Zeit“ von Nadia Kaabi-Linke im Kunstmuseum Deutschlandpremiere für tunesisch-russische Künstlerin

Von Peter Köster

Bonn. Deutschland-Premiere für Nadia Kaabi-Linke: Das Kunstmuseum Bonn zeigt bis zum 28. Januar die Schau „Versiegelte Zeit“. Nach Einzelausstellungen in Lissabon, London und Dallas ist „Versiegelte Zeit“ die erste institutionelle Einzelausstellung der internationalen Künstlerin in Deutschland. Damit die Hoffnung verknüpft, dass es nicht bei dieser Einzel-Schau in Bonn bleibt. Bisher war die tunesisch-russische Künstlerin in Deutschland höchstens in Fachkreisen ein Begriff. Die Bonner Ausstellung, kuratiert von Barbara J. Scheuermann, soll Nadia Kaabi-Linke dafür die nötige Plattform liefern.

Städte und ihre Geschichte(n) – zum Beispiel London, Tunis, Dallas, Berlin und jetzt Bonn – bilden den wichtigsten Ausgangspunkt für die Entwicklung von Kaabi-Linkes Kunst. Dazu gehört das Sammeln von Spuren. Die Künstlerin versteht Spuren in der Stadt nicht nur als Zeichen für das alltägliche urbane Leben, sondern vor allem als konkrete Bilder für politisch-geographische Gegebenheiten und ihre Auswirkungen auf Menschen. Diese Spuren und Bilder untersucht die Künstlerin eingehend, deutet sie und transformiert sie schließlich in ihrer Kunst.

Perspektive der Weltbürgerin
Nadia Kaabi-Linkes Denken und Schaffen wird geprägt von der Perspektive der Weltbürgerin. 1978 in Tunis geboren wuchs die Künstlerin in Tunis, Kiew und Dubai auf, wurde nach ihrem Kunststudium in Paris an der Sorbonne promoviert und lebt seit Jahren gemeinsam mit Mann und Kind in Berlin. Immer an ihrer Seite Ehemann Timo Kaabi-Linke, der die Künstlerin auf ihrem Ausstellungsweg seit Jahren begleitet. Dezent sich im Hintergrund verhaltend, ist er für sie ein wesentlicher Erfolgsgarant, ohne den sie das eine oder andere Projekt – das vor allem technische Abläufe indiziert, allein nicht schaffen könnte. „Er ist genauso der Künstler wie ich“.

Nadia Kaabi Linkes Werke waren in verschieden Gruppenausstellungen zu sehen, z.B. im Museum of Modern Art und im Guggenheim Museum in New York, im Nam June Paik Art Center in Süd-Korea und auf der Kochi-Muziris Biennale in Indien. Die Bonner Arbeit „Altarpiece“ (2015) zum Beispiel ist ein Abdruck der Spuren und Markierungen auf der Wand eines Bunkers aus dem 2. Weltkrieg im Zentrum Berlins. Ehemals Schutz für Zivilisten während der Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs bietend, wurde er von der Roten Armee vorübergehend als Kriegsgefängnis genutzt, diente zu DDR-Zeiten als Gemüselager, nach der Wende als ein legendärer Techno-Club und beherbergt heute die Sammlung Boros, eine umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Kunst. Vergoldete Flügeltüren verschließen das Kunstwerk und bewahren es vor weiterer Veränderung. So macht das „Altarbild“ Geschichte sichtbar und ist zugleich konservierte Momentaufnahme. „Parkverbot“ (2010), die mit Stacheln versehene Berliner Bank aus dem Stadtteil Köpenik reflektiert Gebote und Verbote zur Nutzung des öffentlichen Raumes und macht diese beinahe körperlich erfahrbar. Eigens für die Ausstellung im Kunstmuseum Bonn schuf die Künstlerin zudem Werke, die sich mit der Geschichte der Stadt Bonn beschäftigen und verwendet dafür zum Beispiel den Staub in ehemaligen Behörden der „Bonner Republik“.

Dokumentarische Skulptur
Ihre Praxis kann als eine Art dokumentarische Skulptur gelesen werden, die eine indexikalische Beziehung mit der Welt und den Menschen um sie herstellt. Ihre Arbeiten haben solche alltäglichen Phänomene sichtbar gemacht wie die körperlichen Spuren von Menschen, die an Bushaltestellen warten und Farbscherben von verschiedenen Stadtmauern kratzen, die sie in der Luft aushält, um neue Kartografien zu schaffen. In einem eher düsteren Register beinhaltet ein laufendes Projekt, „Straffreiheit“, einen Eindruck von den körperlichen Spuren, die auf den Leichen von Frauen hinterlassen wurden, die häuslicher Gewalt ausgesetzt waren.

Die Arbeit „Flying Carpets“ (2011 kombiniert zwei charakteristische Arten von Übung, Indexikalität und Partizipation. Das Werk ist repräsentativ für ihre Arbeit. Die Künstlerin versucht, ästhetisch ansprechende Formen für ihre konzeptionell rigorose Praxis zu schaffen. Die Verbindung von schwarzem Faden und poliertem Metall ist visuell verführerisch und erzeugt eindrucksvolle Schatten, die den Betrachtern mehrere sensorische und phänomenologische Erlebnisse vermitteln, während sie auf die Arbeit selbst blicken und die von der Skelettmetall-Assemblage auf den Boden geworfenen Schatten untersuchen.

Kriminalpolizeiliche Ermittlungen
Nadia Kaabi-Linke ist eine Spurenleserin. Den Ausgangspunkt ihrer Arbeiten bilden häufig Spuren und Einritzungen an Häusermauern oder auf Oberflächen von Haltestellen des urbanen Nahverkehrs: Kratz- und Stoßspuren, Einschusslöcher, Graffiti, Talgabdrücke. Mit Mitteln ähnlich denen, die bei kriminalpolizeilichen Ermittlungen eingesetzt werden, fertigt sie Abdrücke von diesen Spuren und überträgt sie in Installationen, Bilder oder Objekte. Sichtbare Zeichen von Gewalt oder Vandalismus verschmelzen mit zartesten, unbemerkt zurückgelassenen Spuren zu beredsamen Strukturen von faszinierender Schönheit. Das Leben in verschiedenen Kulturen ist ebenso Teil ihrer eigenen Geschichte wie die Erfahrungen von Ausgrenzung und kulturellen Verhärtungen, die sich aus ihren Abdrücken herauslesen lassen.

Arbeitsjournal der Künstlerin
Die tunesisch-russische Künstlerin Nadia Kaabi-Linke beschäftigt sich mit begrifflichen und werkstofflichen Beziehungen. Welche Kombinationen von Stoffen, Medien und Zeichen machen auf versöhnliche oder verstörende Weise Sinn? Die Arbeit „Matter Matters“ umreißt bestimmte Sinnkonstellation und Themenkomplexe. Register, Diagramme, Materialangaben und Auszüge aus dem Arbeitsjournal der Künstlerin helfen zeitliche, physikalische und konzeptuelle Zusammenhänge herzustellen. Ein Laborbuch, das eine visuelle Grammatik der Dinge betreibt.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Beiträgen von Stephan Berg, Sara Raza, Barbara J. Scheuermann, Michel Sicard sowie Nadia und Timo Kaabi-Linke.

  

BUS:
„Parkverbot“ (2010) Bank mit Stacheln (Chrom Holz, Eisen, Stahl, 92 x 200 x 84 cm. Foto: Peter Köster
Vor dem Werk „The Altarpiece“ (2015) Kuratorin Barbara J. Scheuermann, Nadia Kaabi-Linke, Timo Kaabi-Linke (v.l. Foto: Peter Köster
„Butcher Bliss“, (2010), Porzellanabdrücke der vier Wiederkäuermagen.
Foto: Peter Köster