Meisterzeichnungen aus der Sammlung des Stifters Friedrich Städel

Frankfurt/Main. Das Städel in Frankfurt präsentiert vom 13. Mai bis zum 16. August eine Auswahl von 95 Meisterzeichnungen aus der Sammlung des Stifters. Mit dem Vermächtnis seiner privaten Kunstsammlung begründete der Frankfurter Kaufmann und Bankier Johann Friedrich Städel (1728–1816) ein öffentliches, für alle zugängliches Kunstmuseum von internationalem Rang – das Städel Museum. Der Sammler hinterließ einen Schatz, der neben Gemälden und Druckgrafiken auch über 4.600 Zeichnungen umfasste.

„Europäische Schulen“

Herausragende Arbeiten von Raffael, Correggio und Primaticcio, Watteau, Boucher und Fragonard, Dürer, Roos und Reinhart sowie Goltzius, Rembrandt und De Wit werden in der Sammlungstradition des Stifters nach „europäischen Schulen“ geordnet gezeigt. Die Ausstellung liefert darüber hinaus wichtige Erkenntnisse über den Umgang mit der Sammlung des Städel Museums im 19. Jahrhundert und darüber, wie damals entschieden wurde, was „museumswürdig“ sei und was nicht. „Es ist diese Sammlung selbst, die zur wichtigen Quelle für eine Vielzahl an Geschichten wird. Ein umfassendes Forschungsprojekt bringt nun Licht ins Dunkel von Städels Zeichnungssammlung. Noch nie zuvor systematisch erfasst sind die Zeichnungen nun erstmals weitgehend vollständig identifiziert. „Die lebendige Sammlungsgeschichte, die damit aufgearbeitet werden konnte und Beziehungen nach ganz Europa offenlegt, bringt uns unseren Stifter, dessen Denken und damit den Kern unseres Verständnisses als Museum nahe. Dazu gehört auch die Stiftungsverpflichtung, eine Sammlung zu verwahren, die sich einerseits auf höchste Qualität konzentriert, andererseits aber auch stets kritisch überprüft wird“, so Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums.

Neben Gemälden, Druckgrafiken und ‚Kunstsachen‘ bildeten die Handzeichnungen einen bedeutenden Teil von Städels Sammlung. Die Vielfalt und Qualität sowie die große Anzahl erlauben es, diesen Bereich beispielhaft für Städels Selbstverständnis als Sammler zu betrachten. Zur Sammlung zählten Arbeiten aus den bedeutenden europäischen Kunstschulen seit der Renaissance um 1500 bis in Städels eigene Lebensjahre. Dass er dabei ein enzyklopädisches Sammelkonzept verfolgte, hat sich erst nach und nach im Zuge eines mehrjährigen Forschungsprojektes herausgestellt“, erklärt Kurator Joachim Jacoby.

Die Städelsche Zeichnungssammlung

Die Handzeichnungen bildeten einen bedeutenden Teil der Kunstsammlung Johann Friedrich Städels. Im 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung, wurden Zeichnungen als einzigartige Zeugnisse für das individuelle künstlerische Schaffen und die Kreativität ihrer Schöpfer gesehen. Chronologisch und nach Schulen geordnet, ließen sich an Zeichnungen die Geschichte der Kunst und das Leben der Künstler nacherleben. Städels intensive Sammlungstätigkeit belegt, dass er als Zeitgenosse diese Ideen teilte. Es ist nicht genau einzugrenzen, wann er mit dem Sammeln von Zeichnungen begann. Schon von frühester Jugend –wie er selbst sagte – an Kunst interessiert, widmete er sich bis in seine letzten Lebensjahre dem Aufbau seiner Zeichnungssammlung. Die Ordnung seiner Sammlung erfolgte nach Herkunftsregionen, einer im 18. Jahrhundert ausgeprägten französischen Systematik, die die Kunst Europas nach sogenannten Schulen unterschied: Italien, Frankreich, Niederlande/Flandern und Deutschland.

Zudem war Städel bemüht, enzyklopädisch zu sammeln – jede künstlerische Schule vom 16. Jahrhundert bis in seine eigene Gegenwart wollte er mit Beispielen repräsentiert wissen. Die Rekonstruktion der Provenienzen und Handelswege der einzelnen Blätter – oft möglich über die Bestimmung von Stempeln oder Markierungen – ergab, dass wohl unter Vermittlung von Kunstagenten vorwiegend in Paris, Amsterdam und London gekauft wurde, aber auch Zeichnungen in Basel, Hamburg, Mannheim und Frankfurt erworben wurden. Städels weit gestreute Ankäufe geben deutlich den organisatorischen und konzeptionellen Aufwand zu erkennen, den er für diesen Sammlungsbereich betrieb. Dabei war auch der persönliche Austausch mit Gleichgesinnten bedeutsam. Die gemeinsame Kunstbetrachtung und die frühzeitige Öffnung seiner Sammlung in seinem Haus am Rossmarkt in Frankfurt für Kunstinteressierte und Liebhaber sorgten für Anregungen wie auch für eine bewertende Auseinandersetzung mit seinen Zeichnungen.

Wohltätige Stiftung

Städel verfügte mit seinem Tod die Gründung einer wohltätigen Stiftung als bürgerliche Einrichtung – das Städelsche Kunstinstitut – mit dem Anspruch, „zum Besten hiesiger Stadt und Bürgerschaft“ zu dienen. Nach seinen Vorstellungen sollte seine Sammlung nicht nur durch Neuerwerbungen bereichert, sondern in ihrem Qualitätsniveau insgesamt auch durch den Verkauf von nicht geeigneten oder weniger bedeutenden Arbeiten gesteigert werden. Mit der Verpflichtung zu höchster Qualität der Sammlung ging es dem Stifter nicht nur um eine Bewahrung, sondern weitsichtig um eine Öffnung der Sammlung und eine Vermittlung des Bestands. pk

BUS:

Raffael, Karyatide, ca. 1520. Fotos: Städel

Rembrandt Harmensz. van Rijn, „Sitzender Greis“, ca. 1630–1633.

Hendrick Goltzius, Four Studies of a Right Hand, ca. 1588–1589

 

 

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