Die sichtbarmachende Kunst der Bertamaria Reetz

„Friedensherde“ und großflächige Malerei machen Station in der Kulturkirche Ost in Köln
Von Peter Köster

Köln. Yves Klein lässt grüßen: Die Blauschafherde in ihrer Farbgebung erinnert stark an den berühmten französischen Künstler, der sein monochromes Ultramarinblau für seine Werke einsetzte, und das er sich 1960 unter der Bezeichnung International Klein Blue (I.K.B.) patentieren ließ. Der farbpsychologische Effekt dieses (leicht rotstichigen) Blautons besteht vor allem in seiner Sogwirkung auf den Betrachter, der sich förmlich „in das Bild hineingezogen“ fühlt.

Prominente fördern Aktion

So ergeht es einem mit dieser Blauschafherde, die gemeinsam mit den „jecken Höhner von Kölle“ und dem Überhuhn Chantalle, sowie „den bunten“ Katzen – eine trägt sogar die Originalunterschrift von Angela Merkel – das Entrée liefern für das Kunstevent: „Momente, Menschen & Begegnungen“ von Bertamaria Reetz in der Kulturkirche Ost in Köln. Die Künstlerin, die sich seit vielen Jahren stark für soziale Projekte einsetzt, will bei dieser Benefizausstellung eine Bemalaktion von unterschiedlich großen Hühnerfiguren aus Polyesterharz starten, um Geld für Kinderkrankenhäuser in der Region zu sammeln. Die ersten „Höhner“ sind Bestandteil der Ausstellung. Besucher können bemalte Skulpturen erwerben oder Rohlinge zum selberbemalen. Reetz entwickelte 2006 ein Konzept, das kreative Gestaltungsfreude und soziales Engagement miteinander verbinden sollte. Aus weißen Hühner-Rohlingen wurden kunterbunte Figuren. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Jeder konnte mitmachen – Privatleute, Firmen, Gruppen, Vereine, Schulen oder Kitas. Das eingenommene Geld – insgesamt etwa 180 000 Euro – kam damals u.a. dem Kolpingwerk und „Wir helfen“ zugute. Bei ihrem aktuellen Sozialprojekt wird Bertamaria Reetz tatkräftig unterstützt von Hedwig-Neven Du Mont, Vorsitzende von „Wir helfen“, Angelika Rüttgers, Frau des damaligen NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers und Peter Werner von den „Höhnern.“

Erster Auftritt auf dem Lido di Venezia

Bertamaria Reetz war es schon immer ein besonderes Anliegen, ihre Kreativität auch mit ihrem sozial-caritativen Engagement zu verbinden. Die Farbe Blau für ihre Schafe erklärt sie wie folgt: „Das brilliante Ultramarinblau ist eine primäre und kraftvolle Farbe. Blau ist die Farbe unserer Erde, die natürliche Farbe des Himmels und des Meeres, der UN und der UNESCO sowie der europäischen Friedensbewegung. Es bildet die Grundlage für viele andere Farben des Spektrums und auch des moralischen Verhaltens, des Friedens, der Einheit, der Freiheit und des Raumes.“ Hinter der Blauschafherde verbirgt sich ein global-soziales Kunstprojekt, das seinerzeit von ihr und ihrem Künstlerkollegen Rainer Bonk „zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses, der Toleranz und des friedlichen Zusammenlebens“ ins Leben gerufen wurde. Ihren ersten Auftritt hatten die blauen Schafe 2009 auf dem Lido di Venezia während der stattfindenden Internationalen Filmfestspiele von Venedig. Die blauen Schafe waren der deutsche Beitrag zu den „Open 12“, einer internationalen Skulpturenausstellung. Von 2009 bis 2012 stand die Blauschafherde unter der Schirmherrschaft des EU-Parlamentes. Seitdem ist die Blauschafherde in über 160 Städte gereist. Die Blauschafe halten sich bevorzugt auf in Städten, in der Nähe von historischen Stätten und symbolträchtigen Orten. Je nach Örtlichkeit besteht die Blauschaf-Herde aus einer Anzahl von 50 – 120 blauen Herdenmitgliedern. Auf grüner Wiese erwecken sie die Illusion einer lebendigen, friedlich weidenden Schafsherde mit all ihren sympathischen Assoziationen. Damit wird die Botschaft von Toleranz, Frieden und Gleichheit weitertransportiert.

„Kunst hilft geben“

Jedes Blauschaf wird durch die individuelle Art und Weise seiner Herstellung und Veredelung zum Inbegriff dieses Gedankens. Die Blauschafe werden in Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen Werkstatt für Menschen mit Behinderung, den Sozialbetrieben Köln gGmbH in Köln-Poll endverdelt. Die Botschaft des Kollektivs der Blauen Friedensherde „Alle sind gleich – jeder ist wichtig“ ist sinnvoller und wichtiger denn je und bekommt angesichts der gegenwärtigen Situation eine überaus aktuelle Bedeutung. Unzählige Menschen verloren in den jüngsten kriegerischen Auseinandersetzungen ihre Heimat und sind dankbar für Integrationsangebote und Hilfe. Jenseits aller ethnologischen, religiösen oder kulturellen Unterschiede und mit ihrem ganz speziellen Charme möchten die Blauschafe Denkanstöße geben, auf das Verbindende hinweisen und für friedliches Miteinander und Toleranz werben auf der Basis von Wertschätzung des Anderen. „Sie appellieren an das Wir-Gefühl. Sie befürworten Solidarität und soziale Verantwortung durch die Erkenntnis, dass jeder von uns gleich und wichtig ist“, beschreibt Bertamaria Reetz das Kunstevent. 2006 gründete sie die Creativ Help gGmbH, die die sozial-caritative Aktion „Die Jecken Höhner von Kölle“ überaus erfolgreich in Szene setzte. Auch die Lämmer – Reetz bezeichnet sie als „Friedensherde der blauen Schafe“ – sind für einen guten Zweck bestimmt. Wie die Hühner bestehen sie aus Kunststoff und werden in den Werkstätten für geistig Behinderte bei den Sozialbetrieben Köln SBK lackiert. Aus dem Verkaufserlös des aktuellen Events soll der Verein „kunst hilft geben“ unterstützt werden, der sich unter anderem mit seinem Projekt „Casa Colonia“ für Wohnungslose einsetzt.

Das menschliche Anlitz als Triebfeder

Die andere Seite zeigt Bertamaria Reetz als Bildende und Darstellende Künstlerin. Ein Bildmotiv bestimmt ihr Tun und Handeln: Das menschliche Antlitz. Das bildnerische Werk von Bertamaria Reetz wird durch ihre großformatigen, schwarz-weißen Gesichter geprägt. Die Selbstreflexion aufgrund der Selbsterfahrung durch eine schwere Krankheit in jungen Jahren sensibilisierte die Künstlerin für den anderen Menschen, für Angstgefühle und spannungsgeladene Situationen, Schmerz und innere Kämpfe. Das Antlitz, welches die Seele des Menschen, seine Empfindungen widerspiegelt, wurde das wichtigste Motiv in ihrem Schaffen. Nichts sollte in diesen meist überdimensionalen, oft ausschnitthaft herangezoomten Gesichtern von den Emotionen ablenken, auch nicht Farbe. Pastös aufgetragene Malschichten, Grate und Krater fügen sich zu namenlosen Antlitzen.

Arbeit nur mit den Händen

Reetz experimentiert mit verschiedenen Techniken, testet sich in verschiedenen Disziplinen. Vor allem die großformatigen, für das Werk der Künstlerin so charakteristischen schwarz-weiß Gesichter laden als „Spiegel der Seele“ zum Meditieren und zur Selbstreflexion ein und hinterlassen einen tiefen Eindruck. Die frühen Gesichter sind sehr dunkel, voller Schmerz, spätere nachdenklich, ruhig, friedlich in sich gekehrt. Die Konturen und Gesichtszüge sind ganz oder teilweise verschleiert oder im Dunkel nur zu erahnen. Aus den zuletzt entstandenen Gesichtern ist jegliche Anspannung gewichen. Ihre Gesichter sprengen das Format, fast so, als wolle sich der Mensch eben nicht in einen vorgegebenen Rahmen zwängen lassen. Beinahe alle ihre Werke tragen autobiografische Züge. Reetz ist durch ihre Krankheit und über diese durch die Malerei ein freier Mensch geworden. Alles was sie bewegt, fließt unmittelbar in ihr Werk ein. Es ist ihr geradezu ein Bedürfnis, das, womit sie sich beschäftigt, direkt und unmittelbar auf die Leinwand zu übertragen. Darum kann sie sich auch nicht allzulange mit Vorzeichnungen oder Planungen eines Bildaufbaus aufhalten. Sie arbeitet direkt auf das Trägermaterial, ganz spontan in großen raschen Gesten, sehr expressiv. Sie ging dazu über, direkt mit den Händen, den Fingern zu arbeiten, was den zumeist großformatigen Werken eine besondere haptische Qualität verleiht. Indem sie der Farbe Sand und Kreide beimischt, erzeugt sie hier eine körnige, reliefartige Oberfläche. Sie braucht den direkten Kontakt zum Material. Dann entstehen die ausdrucksstärksten Arbeiten. In ihrem Medium Malerei kann sie sich ausleben, kann ihre Gedanken, das, was sie umtreibt, spontan am besten ins Bild setzen, ohne lange nachzudenken. Dynamisch-bewegt und von kraftvoller Energie sind diese Werke. Kennzeichnend für die künstlerische Arbeit von Bertamaria Reetz ist eine auf das Wesentliche reduzierte expressive Darstellung.

Bertamaria Reetz ist eine künstlerische Spätzünderin. Erst mit 35 Jahren wendet sie sich der Kunst zu. Nach ersten autodidaktischen Versuchen – sie wird in der zweiten Hälfte der 80er Jahre durch Antonin Malek und Rainer Aring in Köln in die Kunst und Malerei eingeführt – ist die Begeisterung geweckt, und sofort entwickelt sie einen außerordentlichen Lerndrang, ein Streben nach beständiger Verbesserung, die sie bis heute begleitet und Grundlage für ihre künstlerische Entwicklung ist. Von 1991 bis 1994 studiert sie an der Kunstakademie in Düsseldorf bei Prof. Siegfried Cremer. Bereits 1994 tritt sie mit ihren ersten Arbeiten an die Öffentlichkeit. In der Kulturkirche präsentiert die Künstlerin ein monumentales Werk, das nicht nur beim Veranstalter Staunen hervorruft. „Wir haben noch nie Bilder solchen Ausmaßes in unserer Kulturkirche ausgestellt“, so Dirk Kästel, der seitens der GAG (Immobilien AG) für die Ausstellung verantwortlich ist. In der Kulturkirche zeigt sie neben ihren bekannten Werken wie Irak und Medusa ihre neuesten Arbeiten. Darunter eine weiße Serie.

Kompositionen berühren den Betrachter

Eine eigenwillige Aura umgibt die Porträts, die in der Kulturkirche ausgestellt sind. Im sakralen Raum gewinnen die Gesichtslandschaften, die an der Schwelle zur Vergänglichkeit zu stehen scheinen, eine besondere Eindringlichkeit. Der Begriff „Kunst“ – verstanden im Sinne eines schöpferischen Prozesses der Entstehung – gibt die Arbeitsweise der Künstlerin äußerst treffend wieder: große Akribie, konzentrierte Planung und präzise handwerkliche Umsetzung kennzeichnen ihren Schaffensprozess. Ihr malerisches Werk der letzten Jahre macht dies deutlich: kraftvolle, sinnlich berührende Bilder, greifbar für jeden in einer broschierten Retrospektive. Ihre Kompositionen spielen – auf künstlerischer wie auch auf soziokultureller Ebene – mit den individuellen Erfahrungen und Erwartungen des Betrachters und appellieren gleichzeitig an das vorhandene reaktive Potential kultureller und ritueller Sozialprägung des Einzelnen. Vor allem aber berühren sie den Betrachter, fassen ihn an, fordern ihn heraus, konfrontieren ihn mit sich selbst in der persönlichen Wahrnehmung des Gezeigten.

Künstlerin malt ihre Geschichte

Die Künstlerin macht Fragen zu Raum, zu Ritualen im Alltag, und zu Formen der Kommunikation sowie eine Vielfalt an kommunikativen Prozessen sichtbar. Sie demaskiert – mit ihren bildlichen und installativen Inszenierungen als Spiegelungen das Bühnenbild, der uns umgebenden Lebensrealität. Sie malt ihre Geschichte.

Das künstlerische Schaffen von Bertamaria Reetz kreist um den Menschen. Köpfe und Gesichter in vielerlei Ausprägung, Aktdarstellungen, sind die beherrschenden Themen. Von Beginn an und vor allem in Einzelausstellungen. Der Großteil ihrer früheren Werke wurde in erster Linie in Kirchen oder Räumen mit religiöser Nutzung präsentiert. In den letzten Jahren hat sich die Künstlerin schrittweise die Ausstellungswelt der Museen, Kunsthäuser und Galerien erschlossen.

Die Ausstellung „Momente, Menschen & Begegnungen“ ist bis 18. April dienstags bis samstags von 17 bis 20 Uhr in der Denkmalgeschützten Kulturkirche Ost Kopernikusstr. 34 51065 Köln-Buchforst zu sehen.

 

BUS:

1. Haben Spaß mit Überhuhn „Chantalle“: Peter Werner (Höhner), Künstlerin Bertamaria Reetz und Angelika Rüttgers (Wir helfen).
Foto: Peter Köster

2. Fassade der denkmalgeschützen Kulturkirche Ost in Köln.
Foto: Peter Köster

3. Kulturkirche innen
Foto: Georg Divossen

3. Aus dem Zyklus „Menschliches Antlitz“.
Foto: Peter Köster

4. „Weißen Serie“, kleinere Arbeiten
Foto: Peter Köster

5. Medusa
Foto: Georg Divossen

6. eine ältere Arbeit
Foto: Georg Divossen

7. Weiße Serie
Foto: Georg Divossen