Ruhrtriennale startet in die neue Spielzeit

Bochum. In ihrem ersten Jahr unter der künstlerischen Leitung von Stefanie Carp zeigt die Ruhrtriennale (Festival der Künste) 33 Produktionen und Projekte in den ehemaligen Industriehallen des Ruhrgebiets – davon 20 Eigen- und Koproduktionen sowie 16 Uraufführungen, Neuinszenierungen, Deutschlandpremieren und Installationen. Zur Ruhrtriennale sind zwischen dem 9. August und 23. September mehr als 920 zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler aus rund 30 Ländern zu Gast im Ruhrgebiet, die die monumentale Industriearchitektur der Metropole Ruhr bespielen: Hallen, Kokereien, Maschinenhäuser, Halden und Brachen des Bergbaus und des Stahls.

Künstlerische Leiterin Stefanie Carp

Bei einer Pressekonferenz im Bochumer Dampfgebläsehaus stellte die Künstlerische Leiterin der Jahre 2018 – 2020 ausgewählte Produktionen und Projekte vor, die ab dem 9. August den Auftakt des Festivals prägen werden. Stefanie Carp: „Die Festivalerzählung der Ruhrtriennale will eine Zwischenzeit behaupten, in der wir noch Zeit haben, das neue Projekt des menschlichen Zusammenlebens zu imaginieren und daran zu bauen. Die flüchtenden Menschen sind die Chiffre unserer Gegenwart, die uns zeigt, dass die Zeiten eines selbstgenügsamen Europas zu Ende sind, dass wir abgeben und teilen sollten, wenn wir in zivilisatorischen Standards überleben wollen. Europa hat in diesem Jahr die Grenzen zu gemacht und sich in sich selber eingeschlossen. Umso wichtiger ist ein Programm, das uns mit unterschiedlichen Perspektiven und Narrativen konfrontiert.“

Deutschland-Premiere in Duisburger Kraftzentrale

Eröffnet wird die Ruhrtriennale mit einer Rede der indischen Umwelt-Aktivistin Vandana Shiva in der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg Nord. Im Anschluss feiert William Kentridges „The Head and the Load“ Deutschlandpremiere in der Duisburger Kraftzentrale. Das vor wenigen Wochen in der Londoner Tate Modern uraufgeführte Stück ist eine bildgewaltige und alle Genregrenzen sprengende Produktion, die sich mit der Rolle Afrikas im ersten Weltkrieg auseinandersetzt. In einer Videobotschaft für die Ruhrtriennale drückte William Kentridge seine Freude darüber aus, dass „The Head and the Load“ ein Teil des Festivals sein wird.

Bündnis von Geld und Macht

Zwei Tage nach Festivalbeginn feiert am 11. August das Schauspiel „The Factory“ Weltpremiere bei PACT Zollverein in Essen. In dem Theaterstück rekonstruieren die syrischen Künstler Omar Abusaada (Regie) und Mohammad Al Attar (Autor) die skrupellosen Geschäftsmodelle des Krieges anhand der wahren Geschichte der französischen Zementfabrik Lafarge im Nordosten Syriens. Omar Abusaada gab bei der Pressekonferenz einen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Stückes und kündigte eine Produktion an, die versucht, eines der bösartigsten Gesichter des Krieges zu dekonstruieren – das Bündnis von Geld und Macht. Einen ersten musikalischen Eindruck von der Musiktheaterproduktion „Universe, Incomplete“ (Uraufführung am 17. August) präsentierte die Sängerin Tora Augestad, begleitet von Bendix Dethleffsen am Klavier. In seiner neuesten Kreation entwickelt Regisseur Christoph Marthaler als Artiste associé der Ruhrtriennale eine ganz neue Perspektive auf Charles Ives unvollendet gebliebene „Universe Symphony“. Im Gespräch mit Stefanie Carp berichteten Bühnenbildnerin Anna Viebrock und der Musikalische Leiter Titus Engel von den Proben in der Jahrhunderthalle Bochum, die für diese außergewöhnliche Produktion erstmals komplett bespielt wird. Friederike Tappe-Hornbostel, Kommunikationsleiterin der Kulturstiftung des Bundes, die das Projekt ermöglicht, informierte über das Engagement der Stiftung bei der Ruhrtriennale: „Anscheinend Unmögliches möglich machen, das hat sich auch die neue Intendantin Stefanie Carp mit ‚Universe, Incomplete‘ vorgenommen. Eine schöne 2/6 Tradition zur Eröffnung der Ruhrtriennale, die zur Philosophie der Kulturstiftung des Bundes bestens passt.“

Arbeitskampf in Duisburg-Rheinhausen

Zu den weiteren Highlights des Festivalauftakts gehört die Eröffnung der mehrteiligen Installation „Vom Nutzen der Angst – The Politics of Selection“ der Berliner Künstlerin Peggy Buth am 10. August in der ehemaligen Kirche St. Barbara in Duisburg. Bei der Ausstellung, die sich mit dem Arbeitskampf in Duisburg-Rheinhausen auseinandersetzt, handelt es sich um den diesjährigen Beitrag von Urbane Künste Ruhr zur Ruhrtriennale. Wenige Tage später, am 16. August, wird auch das Festivalzentrum der Ruhrtriennale eröffnet. Der „Third Space“, den die Künstler- und Architektengruppe raumlaborberlin auf dem Vorplatz der Jahrhunderthalle entstehen lässt, besteht aus einem gestrandeten Flugzeug, das – unter tatkräftiger Beteiligung der Besucherinnen und Besucher, in den nächsten drei Jahren weiter ausgebaut und kontinuierlich transformiert wird.

Boykott-Strategien im Bereich der Kultur

Unter dem Titel „Freedom of Speech/Freiheit der Künste“ veranstaltet die Ruhrtriennale zudem am 18. August in der Turbinenhalle Bochum eine Podiumsdiskussion, in der sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem Spannungsverhältnis von Meinungsfreiheit und Freiheit von Kunst mit persönlicher und gesellschaftlicher Verantwortung im Kontext der deutschen Geschichte auseinandersetzen. Dabei geht es auch um Sinn und Legitimation von Boykott-Strategien im Bereich der Kultur. Zu den Gesprächsgästen gehören neben Stefanie Carp auch Isabel Pfeiffer-Poensgen (Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen), Alain Platel (belgischer Choreograph und Theaterregisseur), Elliott Sharp (Komponist, Multi-Instrumentalist und Performer aus New York) und Michael Vesper (Vorsitzender des Vereins der Freunde und Förderer der Ruhrtriennale). Moderiert wird die Veranstaltung von Bundestagspräsident a.D. Norbert Lammert. pk

 

BU:

Übersetzerin Astrid Ludwig, Regisseur Omar Abusaada, Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp, Artiste associé Christoph Marthaler, Bühnenbildnerin Anna Viebrock und Dirigent Titus Engel im Dampfgebläsehaus. (vl).
Foto: Daniel Sadrowski/Ruhrtriennale 2018