Rubenspreisträger Vajiko Chachkhiani gastiert in der Bundeskunsthalle

Von Peter Köster

Bonn. Die Flutwasserkatastrophe vor drei Jahren in Tiflis, die massiv den Zoo überschwemmte, und in deren Chaos viele Tiere aus den Gehegen ausbrachen, darunter ein weißer Tiger, der einen Mann tötete, diente als Vorlage für das Skript der Ausstellung „Heavy Metal Honey“ des georgischen Künstlers und Filmemachers Vajiko Chachkhiani. Die Bundeskunsthalle zeigt sein höchstinteressantes und zugleich verstörendes Werk bis zum 7. Oktober in der Ostgalerie.

„Bittere Parabel für die Freiheit“

Der Tiger wurde nach dem tödlichen Angriff auf den Mann erschossen, 19 Menschen und etwa die Hälfte der Tiere kamen bei der Flutkatastrophe ums Leben. Diese Tragödie lieferte, wie erwähnt, den Stoff für Vajikos Chachkhianis Arbeit. Der Künstler hat diese Geschichte als Schreckensnachricht und Mythos gleichermaßen erlebt. Es ist eine „bittere Parabel über die Freiheit“. Chachkhiani widmet seine gesamte Erzählung dem Mann, der an einem ganz normalen Tag seiner Arbeit nachgehen wollte und auf dem Weg von dem ausgebrochenen weißen Tiger getötet wurde. Die unterschiedlichen Sujets des 1985 geborenen georgischen Künstlers – Filme, Skulpturen, Performances, Fotografien und Installationen – zeichnen sich in der Gesamtkomposition durch eine dichte Erzählung aus, die verschiedene Spuren und die Materialien seiner Werke betonen. Es sind historische Bezüge und die Verbundenheit mit seiner Heimat. Für die Ausstellung entwickelte der Künstler eine Installation, die durch Filme und Skulpturen den Kreislauf des Lebens und die Parallelität von Geschichten reflektiert. Globale und individuelle Geschichte sind punktuell untrennbar miteinander verknüpft, und nur der Moment des Handelns und des Erkennens gibt Geschichte(n) eine Wende, die die Erzählung und Wahrnehmung beeinflusst.

Inhaltliche und ästhetische Poesie

Vajiko Chachkhianis Arbeiten zeichnen sich durch eine kluge Konzeption und eine oft stille, inhaltliche und ästhetische Poesie, manchmal auch Melancholie aus. An einer fein ausbalancierten Schnittstelle zwischen der Realität der Außenwelt und der inneren, menschlichen Psyche gehen sie existenziellen Fragen des Lebens, unserer Wahrnehmung und Erinnerungskultur nach. Oft erst auf den zweiten, intensiveren Blick nimmt der Betrachter an Gedanken und Recherchen des 1985 geborenen georgischen Künstlers teil. Allegorien des täglichen Lebens werden mit vertrauten Bildern augenscheinlich nacherzählt, aber subtil gebrochen durch unerwartete künstlerische Setzungen. Die Materialien seiner Werke betonen historische Bezüge und die Verbundenheit mit seiner Heimat, die sein Œuvre teilweise prägt. „Vajiko Chachkhiani konfrontiert uns mit einer georgischen Naturkatastrophe, familiären Konstellationen und mythologischer Symbolik. Verwandtschaft wird bei ihm universell und Vergangenheit gewinnt an Aktualität“, so Rein Wolfs, Intendant der Bundeskunsthalle. Wirken z.B. manche seiner Filme zunächst vielleicht dokumentarisch, entziehen sie sich jedoch einer eindeutigen Entzifferbarkeit und eröffnen durch ein genaues Hinsehen und Untersuchen eine subtile, vielgeschichtliche und auch suggestive Kraft.

Für die Ausstellung entwickelte der Künstler eine tiefgründige Installation, die durch Filme und Skulpturen den Kreislauf des Lebens und die Parallelität von Geschichten reflektiert, die nur ansatzweise sichtbar werden – vieles bleibt verborgen, kommt schließlich ans Licht und fließt zusammen, wenn Unerwartetes geschieht. Inneres wird nun auch äußerlich sichtbar. Globale und individuelle Geschichte sind punktuell untrennbar miteinander verknüpft, und nur der Moment des Handelns und des Erkennens gibt Geschichte(n) eine Wende, die die Erzählung und Wahrnehmung beeinflusst. Rostige Gitterstäbe ragen empor, auf dem Boden liegt Treibgut, ein abgeschlagener Betonkopf, angeschwemmte Büsche, in denen sich Tiere und Figuren eines Karussells verfangen haben. Ergänzt wird die Installation durch punktuell auf Stangen gesetzte, getrocknete und hohle Fruchtkapseln, an denen der Künstler Krallen und Reißzähne verschiedener Tiere befestigt hat. Bereits beim Eingang in die Ausstellung wird der Besucher mit einem malträtierten Orpheus konfroniert.

Georgische Holzhütte Teil der Ausstellung

Der Künstler, der in Tiflis und Berlin lebt und arbeitet, absolvierte vor dem Studium an der Akademie der Künste bei Gregor Schneider ein Studium der Mathematik und Informatik in Tiflis. 2014 erhielt er den Förderpreis zum Rubenspreis der Stadt Siegen. 2017 vertrat er Georgien auf der 57. Biennale in Venedig. Im Arsenale-Bereich nutzte der Künstler als Pavillon eine Holzhütte, wie sie typisch für die georgische Landschaft ist. Im Inneren bestückte Chachkhiani diese Hütte mit typischem Mobiliar, Bildern und anderen Alltagsobjekten. Zugleich installiert er dort im Inneren ein Bewässerungssystem, das Dauerregen simuliert und solchermaßen die Innen-Außen-Beziehung umkehrt. Während der sechsmonatigen Ausstellungsdauer bildete sich Moos, das die Installation sukzessive zerstört. Wer keine Gelegenheit fand, diese Hütte in Venedig zu sehen, der kann dies nun in Bonn nachholen. Auch sie ist Teil der Bonner Gesamtkonzeption des Georgiers Vajiko Chachkhiani.

 

BUS:
Versteckte Karussellfigur im Busch.
Foto: Peter Köster

Holzhütte als georgischer Beitrag auf der Biennale in Venedig.
Foto: Peter Köster

Malträtierter Orpheus am Eingang der Ausstellung.
Foto: Peter Köster