Rokoko-Ausstellung „Hommage“ ans Museum Morsbroich

Von Peter Köster

Leverkusen. Schloss Morsbroich, in dessen Mauern das Museum Morsbroich seit seiner Gründung im Jahr 1951 beheimatet ist, wurde in der Zeit des Rokoko gebaut und im Stil des Neo-Rokoko erweitert. Auf diese Zeit des späten 18. Jahrhunderts, in der Felix von Roll das Schloss Morsbroich vom barocken Bau zum üppig und verschnörkelt dekorierten Rokoko-Lustschloss umbauen ließ, bezieht sich die neue Ausstellung „Der flexible Plan. Das Rokoko in der Gegenwartskunst“, die bis zum 6. Januar im Museum Morsbroich gezeigt wird.
Rokoko war der Kunststil, der das 18. Jahrhundert von der Régence (1715-1723) bis zum Ende der Regierungszeit Ludwigs XV. (1774) dominierte. Trotzdem sind seine Leistungen nahezu vergessen und werden häufig mit herabsetzend gemeinten Adjektiven umschrieben: süßlich, lieblich, künstlich, prunkend, verspielt usw. Sein Siegeszug von Frankreich über das gesamte Europa, sein zeitliches Zusammenfallen und seine Verflechtung mit der Aufklärung sowie seine ideengeschichtliche und künstlerische Prägekraft bis in die jüngste Gegenwartskunst hinein werden dabei gerne übersehen.

Auf der Suche nach Zerstreuung

Die Ausstellung „Der flexible Plan. Das Rokoko in der Gegenwartskunst“ beschäftigt sich mit dem ideengeschichtlichen und formenprägenden Fortleben des Rokoko in der heutigen Kunstproduktion. „Dabei ist der Bezug heutiger Künstlerinnen und Künstler auf das Rokoko mehrfach medial und intellektuell gebrochen“, erläutert Stefanie Kreuzer, die gemeinsam mit Heike van den Valentyn die Ausstellung kuratiert. In der Schau nehmen 17 Gegenwartskünstler Bezug auf die Zeit, in der die Bedeutung der Wissenschaft zunahm und die mit der Französischen Revolution endete, um auf ganz unterschiedliche Art einen Bogen in die Gegenwart zu schlagen. Eine deutliche Parallele zur Epoche vor rund 250 Jahren ist jedenfalls in der Suche nach Zerstreuung und Zurschaustellung zu erkennen.

Wolkige Installation von Karla Black

Den „Opener“ der Ausstellung liefert die wolkige Installation von Karla Black, die fast den gesamten ersten Raum im Erdgeschoss ausfüllt. Im ersten Stock zeigt die Belgierin Edith Dekyndt ein Video von strauchelnden Marathon-Tänzern am Rande der Erschöpfung, die sich im New York der 1920er-Jahre für eine warme Mahlzeit der Strapaze aussetzten. Das ganze ist eine Persiflage auf heutige dümmliche Fernsehformate, die unreflektiert konsumiert werden. Die bewegten Bilder hat sie verborgen hinter einem schweren Samtvorhang, dem Sinnbild für Bühne, Maskerade und Inszenierung schlechthin. Den Vorhang hat sie mit unzähligen Glitzersteinen bestückt. Erst beim Näherkommen entpuppen sich diese als Nägel, die sie durch den Stoff gesteckt hat. Die Natur, die im Zeitalter des Rokoko eine zentrale Rolle spielt, überführt Alice Channer in ihren Muschel- und Krabbenarbeiten in (post)industriell produzierte, hybride Objekte. Lois Renners Fotografien der Stiftsbibliothek Admont wie auch Markus Schinwalds zeitgenössische Fragonard-Adaption, Jeppe Heins Lichtinstallation Enlightenment (Aufklärung, 2002) und Pia Stadtbäumers opulent-freizügige Rokoko-Figuren bringen die divergierenden Pole des 18. Jahrhunderts zusammen, welche die Spannbreite der Ausstellung bestimmen.

Allianz zwischen Silikon und Porzellan

Andere schufen Verbindungen durch das Spiel mit Materialien, so wie Anke Eilergerhard, die drei Figuren aus altem Geschirr gebaut und mit farblich abgestimmten Creme-Tupfen versehen hat. Die sehen zwar so echt aus, als könne man daran naschen, sind jedoch aus Silikon, ein modernes Material, das mit dem historischen Weimarer Porzellan eine Verbindung eingegangen ist. Jeppe Hein hat einen Raum mit Neonlicht-Objekten bestückt, die jedoch ausgehen, sobald man sich ihnen nähert. Thierry Boutemy hat zwei Kabinette mit floralen Arbeiten gestaltet. Wie vom Winde verweht scheinen in einem Blätter und Blüten über Boden und Wände verstreut und im nächsten baute er fedrige Pyramiden, die an die ausladenden Hochsteckfrisuren von Rokoko-Damen erinnern. Dazwischen platziert ein verschnörkelter Spiegel.

Eine inszenierte Welt

„Der flexible Plan“ entspannt sich zwischen Aufklärung und Décadence, Zurückhaltung und Opulenz, praller Lebenskraft und morbider Schönheit.
Für diese Welt, in der alles zur Inszenierung wird, sind Abwechslung und Unterhaltung oberstes Gebot, Langeweile ihr Tod. So wundert es nicht, dass erotische Sujets, pikante und amüsante Geschichten die Motivik der Kunst und Literatur bestimmen, immer wieder durch neue Reize überboten (hierin nicht unähnlich heutigen TV-Unterhaltungsformaten). Und während die gesellschaftliche Ordnung der breiten Bevölkerung geradezu um die Ohren fliegt, tritt man auf adeliger Ebene den Rückzug ins Private an. Heute hingegen wird das Private öffentlich. Exzessive Formen, laszive Farben, frivoles Spiel: Folgt man dem Klischee, so hat die Epoche des Rokoko, im Spagat zwischen Décadence und Aufklärung, das 18. Jahrhundert in ein gepudertes, pastellfarbenes Gewand gezwängt. Sie verkörpert die Flexibilität und Geschmeidigkeit dieses Stils, der in alle Bereiche der Kunst und Kultur eingedrungen ist. Vor diesem reichen kulturellen Hintergrund entfaltet die Ausstellung „Der flexible Plan. Das Rokoko in der Gegenwartskunst“ ein vielgestaltiges Panorama von Werken. „Dabei wird der historische Baubestand des Schlosses als Partner und spielerisches Gegenüber für die Kunstwerke verstanden“, so Heike van den Valentyn.

Markus Oehlen und Peter Piller

Parallel zu dieser Ausstellung werden in der Grafik-Abteilung im Dachgeschoss des Museums Linolschnitte von Markus Oehlen gezeigt. Zu sehen sind bis zum 28. April 2019 76 Arbeiten des Künstlers aus der Sammlung Morsbroich, die durch großformatige Leihgaben ergänzt werden. Im Kabinett ist zudem das grafische Ergebnis von Peter Pillers „Peripheriewanderung Leverkusen“ (Laufzeit: 28. April 2019) zu sehen. Mit dem Bus fuhr er jeweils bis zur Endstation, um an drei Tagen die Stadt zu erkunden. Übrigens ist Peter Piller auch in der gegenwärtig laufenden Ausstellung „Der Flaneur. Vom Impressionismus bis zur Gegenwart“ im Kunstmuseum Bonn zu sehen.

 

BUS:

Bild 1: Markus Schinwald Solange, 2005, Marionette. Schaukel, Kleider.
143 x 100 x 81 cm.
Foto: Peter Köster

Bild 2: Thierry Boutemy gestaltete das Kabinett mit floralen Arbeiten.
Foto: Peter Köster

Bild 3: Glenn Brown. „The Life Hereafter, 2011 Öl auf Holz , 136 x 102 cm.
Foto: Peter Köster

Bild 4: Karla Black schuf diese wolkige Installation.
Foto: Peter Köster