„Reale Fiktionen & ebensolche Simulationen“ im Museum Morsbroich

Von Peter Köster

Leverkusen. René Magritte malte das Bild einer Pfeife. Unter sein Werk schrieb er: Das ist keine Pfeife (im Original auf Französisch: Ceci n’est pas une pipe). Magrittes nennt es Verrat der Bilder und erläutert es wie folgt: Ein Bild ist nicht zu verwechseln mit einer Sache, die man berühren kann. Können Sie meine Pfeife stopfen? Natürlich nicht! Sie ist nur eine Darstellung. Hätte ich auf mein Bild geschrieben, dies ist eine Pfeife, so hätte ich gelogen.

Magritté malte Gegenstände des Alltags, wie diese Pfeife. Sie wurde bis in die kleinste Feinheit naturalistisch abgebildet, aber in einer solch irrealen Art verfremdet und wieder zusammengesetzt, dass bei jedem aufmerksamen Betrachter der Surrealismus die Aufgabe erfüllt, die Magritte ihm zugedacht hatte: Die traditionellen Denkmuster und Sehgewohnheiten werden gründlich aufgerüttelt, der Erfahrungshorizont wird überschritten, die Wirklichkeit zeigt sich von ihrer unwirklichen Seite und stellt die kulturelle Ordnung auf den Kopf. Bilder vermögen gleichzeitig Zeichen zu vermitteln, wie eine Gesellschaft tickt, die mittels dieser Zeichen kommuniziert. Doch diese Zeichen können lügen.

Eintauchen in eine hybride Natur

Worte und Bilder verkehren sich in Lügen, Fakten in Fiktionen: Die Digitalisierung hat offenbar den Begriff der Wahrheit sehr elastisch gemacht. Die Ausstellung „Reale Fiktionen & ebensolche Simulationen“ die Manuel Graf & Co/Matthias Wollgast im Museum Morsbroich bis zum 15. November zeigen, befragt unser Verhältnis zu Bildern in einer Zeit der zunehmenden Instabilität von Informationen. Was sehen und erfahren wir über unsere kulturelle Welt beim Betrachten der ausgestellten Malereien, Installationen, Filme, Zeichnungen? In der Doppelausstellung der beiden Düsseldorfer Künstler Manuel Graf (geb. 1978 in Bühl) und Matthias Wollgast (geb. 1981 in Siegburg) taucht man in konstruierte Welten analoger oder digitaler oder auch hybrider Natur ein. Beide Künstler verstricken den Betrachter in ein Spiel mit verschiedenen physischen und virtuellen Ebenen. Jeder von beiden schickt die Besucher auf einen Parcours, in dessen Verlauf sich das feste Gefüge von Raum und Zeit auflöst und jede vermeintliche Realität zu hinterfragen ist.

Anker in die Realität geworfen

Was bleibt uns im Angesicht des Schiffbruchs mit der Realität? Die Bilder sind komplex und die Fakten undurchsichtig. Daher sind es vielleicht die Kunstwerke, die ihrer Natur nach ohnehin offen sind und immer wieder Interpretationen von uns einfordern, die uns zum Nachdenken über große, menschheitsgeschichtliche „Erzählungen“ oder Sinnstiftungen – kulturgeschichtlicher, wahrnehmungskritischer, existenzieller oder religionsgeschichtlicher Art – anregen. Die Werke entfachen mit ihren Geschichten, ihren täuschenden Inszenierungen und gewieften Manipulationen aufs Spannendste das kritische Denken und Wahrnehmen. Sie reizen die Rezipientinnen und Rezipienten dort, wo man für gewöhnlich glaubte, man habe einen Anker in die Realität geworfen – nämlich beim Sehen, wenn man etwas wortwörtlich verstanden, vor Augen hat.

Graf und Wollgast setzen sich in ihren Werken aus unterschiedlichen Perspektiven mit diesem zentralen Prozess des Erzeugens der Bilder und damit verbunden des Generierens von Bedeutung auseinander. Die Konzepte des Verweisens und Schlussfolgerns bilden die Basis der Arbeiten von Matthias Wollgast, dessen großangelegtes Projekt „The Steps with no Name“ jetzt in Morsbroich erstmals eine umfängliche Präsentation erfährt. Bereits vor einiger Zeit wurde die Arbeit in Anfängen von Wollgast im Rahmen eines Projekts für das Kunstmuseum Bonn gezeigt. Das Konzept für Morsbroich stammt im übrigen noch von Stefanie Kreuzer, die es in enger Zusammenarbeit mit den beiden Künstlern erarbeitet hatte. Mittlerweile arbeitet Kreuzer im Kunstmuseum Bonn.

Den Betrachterinnen und Betrachtern wird eine Fülle an überzeugendem, bildlichem oder skulpturalem Material an die Hand gegeben. Doch was sieht man? Die Werke geben auf den ersten Blick etwas vor zu sein, eine Illusion, die sich bei der Analyse ihres Entstehungsprozesses als Chimäre aufzulösen scheint, nur um zugleich wieder auf etwas Anderes zu verweisen. Morsbroich zeigt eine Ausstellung, die aufgrund ihrer Komplexität eine echte Herausforderung für die Besucherinnen und Besucher darstellt. Die Frage bleibt, wie umgehen mit realen Fiktionen.

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Bild 1: Blick ins Filmlabor. Foto: Peter Köster

Bild 2: Requisiten des Konzepts: „The Steps with no Name“. Foto; Peter Köster

 

 

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