Re-Vision

Neupräsentation der Sammlung im Kunstmuseum Bonn – Mehr als ein Fundus einzelner Werke – Sammlung lebt als vitaler Organismus

Von Peter Köster

Bonn. Auf der Biennale in Venedig bekam er den Goldenen Löwen als bester Künstler verliehen. Franz Erhard Walther gehört fraglos zu den einflussreichsten Künstlern der vergangenen Jahrzehnte. Kaum ein Kunstschaffender hat die Definition, was Skulptur sein kann, derart frühzeitig und nachwirkend verändert wie er. Das zeichnet ihn aus und das veranlasste das Kunstmuseum Bonn,   Walthers „1. Werksatz“ (Rückkehr ins Wesen des Plastischen) in die Sammlung zu integrieren. Walther entwickelt sein Werk aus dem Begriff der Handlung. Seine Arbeit besteht aus 58 Objekten, die hier als ruhender Block präsentiert werden. Es sind weniger Plastiken als Instrumentarien, die uns für Grunderfahrungen äußerer und innerer Situationen zur Verfügung stehen. Durch die Benutzung nehmen wir nicht nur am künstlerischen Prozess teil, sondern realisieren erst das Kunstwerk.

Unter dem Titel „Re-Vision“ und „Sammlungsarchäologie“ stellt sich das Haus an der Museumsmeile mit der aktuellen Sammlung neu auf. Nunmehr zum fünften Mal, wie der Intendant des Kunstmuseums, Stephan Berg, beim Rundgang durch die Ausstellung sagte. Das Gezeigte stellt sich als großer Wurf dar, der Vielfalt mit Vertiefung verbindet. Es ist ein Parcours mit 19 spannenden Räumen, wie der Beuys-Raum zeigt, die Multiples von Joseph Beuys ins Zentrum rückt. Flankiert von Arbeiten seiner Schüler Anselm Kiefer, Felix Droese, Jörg Immendorff und Imi Knoebel.

Bekanntschaft mit den „Hausheiligen“

„Eine Museumssammlung ist mehr als ein Fundus einzelner Werke. Sie lebt – als vitaler Organismus – aus den vielfältigen Bezügen und Dialogmöglichkeiten, die die Arbeiten bieten und die einen Museumsbesuch im Idealfall zu einem inspirierenden Erlebnis machen. Das ist das hohe Ziel, das das Haus mit der fünften Neuhängung der Sammlung seit dem Jahr 2008, verfolgt“, betont Stephan Berg. Die Besucher werden auf einige bekannte Gesichter stoßen. Also auf die „Hausheiligen“ wie Macke, Beuys, Polke und Palermo. Apropos Polke:  Bettbezüge, Flokatiteppiche, Dekorstoffe aus dem Kaufhaus – all diese eigentlich kunstfernen Dinge sind Bestandteil der Malerei von Sigmar Polke. Scheinbar bedenkenlos mischt er Materialien, Techniken und Stile und macht das Bild damit zu einem Treffpunkt des Unvereinbaren. Als Beispiel hierfür könnte etwa Remington’s Museums-Traum ist des Besuchers Schaum dienen, das eine wilde, an Pollocks „Drippings“ erinnernde Farbmalerei mit der schablonenhaften, den Geist der Pop Art atmenden Darstellung eines Mannes verbindet. Pointiert wird das Ganze noch dadurch, dass Polke die Motive auf ein rosafarbenes Synthetikfell gemalt hat, dessen Zotteln – vielleicht? – die Rasur durch den im Titel erwähnten Remington-Rasierer benötigen. Doch dies hieße Erklärungen zu bieten, die Polkes subversive Kunst gar nicht zu liefern sucht. Denn sein anarchischer Humor liebt das Groteske, was seine Kunst mit der von Stefan Demary verbindet, der einen ausgestopften Schäferhund (Ohne Titel) mit einem überdimensionalen Schwanz ausgestattet hat. Dies verleiht dem Mutanten eine gewisse Bedrohlichkeit – nicht unähnlich Rosemarie Trockels Vase die uns aus ihren dunklen Augen anstarrt.

Burlington Socken als Vorbild für Kunst

Stefan Demary zählt zu den Neuentdeckungen, der dank einer Schenkung aus Familienbesitz – nun neben Rosemarie Trockel und Sigmar Polke platziert ist. Oder wer kennt das sinnlich wie konzeptuell reiche Schaffen der zu früh verstorbenen Malerin Susanne Paesler, die im übrigen die Ausstellungsentdeckung des Jahres 2016 war. Können Burlington Socken als Vorbild für die Kunst dienen? Für Susanne Paesler steht das, wie ihr braunes „Rautenbild“ deutlich macht, außer Frage. Es produziert ein doppeltes Déjà-vu: Wir denken an die serielle Kunst der 1960er-Jahre, wir denken aber auch an die Sockenmarke mit dem Rautenmuster. Sie könnte als Vorlage gedient haben, geht es Paesler doch nicht um eine unverwechselbare Handschrift. Stattdessen diskutiert sie den Stellenwert des Kunstwerks in einer Welt schon existierender Bilder, Muster und Stile. Diese Haltung zeigt sich früh. Vordergründig kultivieren ihre Arbeiten der 1990er-Jahre eine konstruktive Formensprache, doch weisen Muster und Farbwahl auf außerbildliche Zusammenhänge. Entsprechend lassen diese Bilder mal an billige Wolldecken oder Burberry Mäntel, mal an Burlington Socken denken, an alltägliche Gebrauchsobjekte, die sie als Motiv nutzt. Statt den Stoff im Sinne des Readymades direkt auf den Keilrahmen zu spannen (und damit an Hoehmes Damast- und Palermos Stoffbilder anzuknüpfen), kopiert sie die Muster händisch, so dass Kunst und Kunsthandwerk in einen Austausch treten – ein revolutionärer Akt jenseits aller Parolen.

Schenkungen sichern das Profil auf Dauer

Museen sind – bei allem Respekt vor etablierten Größen – gut beraten, sich auch dem Vergessenen und dem bislang Unentdeckten zu widmen, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und Entdeckungen auf Nebenwegen zu machen. So gewinnt man Profil, so entsteht Identität. Erwerbungen aus dem Ankaufsbudget, Ankäufe des Fördervereins – der dank einer breiten Spendenakquise auch den Erwerb von Imi Knoebels fulminanter „Schlacht Nr. 8“ ermöglicht hat – sowie Schenkungen von Künstlerinnen und Künstlern und Sammlerinnen und Sammlern sichern das Profil auf Dauer, doch sind auch ergänzende Leihgaben stets willkommen. Entsprechend freut man sich im Haus über Sammlungsräume mit Werken von Katharina Grosse und Thomas Scheibitz, Thomas Arnolds, Michael Sailstorfer und Michael Beutler, denn sie steigern die Attraktivität des Hauses in dessen Zentrum. Daran wird dürfte sich auch in Zukunft nichts ändern. Die Neusortierung ist das bisher Bunteste und Mutigste, das es zu erleben gilt und das einmal mehr das Niveau der Bonner Kunstsammlung zeigt. Qualitativ hochwertig. Ein besonderes Lob gebührt den beiden Kuratoren Stephan Berg und Christoph Schreier für das inspirierende Erlebnis.  

Im Frühjahr erfolgt eine nochmalige Aufstockung der Sammlung. Dann geben sich  Blinky Palermo, Ernst Wilhelm Nay und Michael Buthe die Ehre. Bis Sommer 2019 – so war zu hören – wird die Sammlung in der aktuell bestehenden Form den Besuchern zugänglich sein.

 

BUS:

Bild 1
„Elefant und Schwein im 3D-Wandteppichstall“, 2010. Raumfüllende bis zu fünf Meter hohe Wellpappen-Installation von Michael Beutler.
Foto: Peter Köster

Bild 2
Popcorn-Maschine als Skulptur, die den gesamten Ausstellungsraum definiert und beherrscht von Michael Sailsdorfer.
Foto: Peter Köster

Bild 3
Franz Erhard Walthers aus 58 Objekten bestehender 1. Werksatz Ruhender Block.
Foto: Peter Köster

Bild 4
Ausgestopfter Schäferhund (Ohne Titel), den Stefan Demary mit einem überdimensionalen Schwanz ausgestattet hat.
Foto: Peter Köster