„Power Play“ in der Bundeskunsthalle mit Anna Uddenberg

Von Peter Köster

Bonn. „Power Play“ in der Bundeskunsthalle. Dabei handelt es sich aber nicht um daueranstürmende „Kufenjäger“, die wie beim Eishockey versuchen, den Puck im gegnerischen Tor unterzubringen. In der Skulpturen-Ausstellung „Power Play“ (Laufzeit bis zum 22. September) der schwedischen Künstlerin Anna Uddenberg versteht sich „Power Play“ mehr als Metapher, mit der die bestehenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse thematisiert werden sollen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen weibliche Figuren, die die Künstlerin räumlich inszeniert. Diese wirken auf den ersten Blick verführerisch und schmeicheln den Sinnen durch Perfektion, Formen und Farbigkeit, wie  „Precarious Patricia“, eine rotmähnige High Heels-tragende Figur, die grazil auf einen Glastisch steigt und so manche Phantasie beflügeln dürfte. Bei aller Darbietung wird doch sehr schnell deutlich, dass es der Künstlerin um weit mehr als um diese besondere Haptik geht. Sie argumentiert vielmehr konzeptuell und visuell aus der Tiefe. „Zwischen Fetisch und Skulptur dockt jede Arbeit von Anna Uddenberg an unser derzeitiges Verständnis von Macht, Ausbeutung und Selbstdarstellung an“, so Rein Wolfs, Intendant der Bundeskunsthalle. Uddenberg beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Konventionen und Normen sowie mit der oft exzessiven Konsumkultur. Sie hinterfragt stereotype Denk- und Sehgewohnheiten sowie die Vorstellung von mentaler und physischer Beweglichkeit. Sie analysiert Gesellschafts- und Repräsentationssysteme und untersucht dabei vor allem das Rollenmuster und -klischee von Frauen.

Stark überdehnte weibliche Körper

Anna Uddenberg beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Konventionen, Normen, Strukturen und Rhetoriken. Mit ihren Skulpturen und Installationen reflektiert die Künstlerin unsere Zeit, unseren Alltag und untersucht, wie sich die Konsumkultur auch durch neue Technologien – insbesondere die sozialen Medien – verändert. Indem sie bestimmte, gewöhnlich mit Komfort und Behaglichkeit assoziierte Komponenten, Strukturen und Klischeevorstellungen herausarbeitet, verfremdet und auf die Spitze treibt, stellt die Künstlerin konventionelle Lesarten von Weiblichkeit auf den Kopf und zeigt, dass diese Codierungen dem Genuss anderer dienen und Femininität mit Ausbeutung verbunden ist. Mit stark überdehnten Körpern bieten ihre Figuren ein fast akrobatisches Stillleben im Raum und ein dichtes Narrativ, das unsere übersteigerten Vorstellungen von Perfektion hinterfragt. Uddenberg überzeichnet den weiblichen Körper, und sie verbindet Handgefertigtes mit Vorgefundenem (Readymades).

Skulpturen als neoliberales Frauenbild

Die Skulpturen von Anna Uddenberg, sich lasziv in enger Sportbekleidung räkelnde Frauen in völlig überzogenen Posen, werden als „schonungsloser“ Ausdruck des neoliberalen Frauenbildes des 21. Jahrhunderts beschrieben. Das Weibliche werde heute unter anderem durch die allgegenwärtigen Bilder von Influencern in den sozialen Medien definiert, so die Künstlerin. „Ihre visuell irritierenden Arbeiten halten der modernen Gesellschaft den Spiegel vor und fordern den Betrachter auf, die Normen und Werte unserer Zeit zu hinterfragen“, sagt  Ausstellungskuratorin Susanne Kleine. Der gleiche konzeptuelle Ansatz bestimme auch die Werke Uddenbergs, die man auf den ersten Blick für „Sitzmöbel“ halten könnte. „Haptisch ansprechend, ästhetisch ausgefeilt und perfekt gefertigt, erweisen diese auf den ersten Blick Funktionalität, Komfort, Luxus und Sicherheit suggerierenden Arbeiten sich bei näherem Hinsehen als verschlüsselter Extrakt ihrer Figurationen mit abstrakten Hinzufügungen.“ Sie scheinen eine Reduktion geschlechtsspezifischer Darstellung zu sein. Sie vertiefen die Auseinandersetzung der Künstlerin mit der Darstellung weiblicher Identität, die ihrem Schaffen zugrunde liegt. Auffällig ist, dass sie viele ihrer Objekte selbst, sogar von Hand, fertigt. Dabei bedient sie sich so unterschiedlicher Materialien wie Netzstoffe, Leder, Kunstpelz, Autoinnenraumteile, Möbelteile und Teppichboden. Letztgenannter wurde sogar eigens für diese Ausstellung verlegt. Er ist ebenso ein Teil der Schau wie die zwischen den Wänden gespannten großen Sonnensegel. Mit ihren Arbeiten liefert Anna Uddenberg eine Schau von großer gesellschaftlicher Relevanz und überzeugendem „Power Play“.

 

 

BUS:

Bild-1: Skulpturen unter dem großen Sonnensegel.
Foto: Peter Köster

Bild-2: „Sitzmöbel“ mit Autoinnenraum-Teilen.
Foto: Peter Köster