Papierarbeiten im Werk von Hans Arp – Ausstellung und Bestandskatalog

Von Peter Köster

Remagen/Bahnhof Rolandseck. „Hans Arp. Purzelblätter“ nennt sich der Bestandskatalog, den jetzt das Arp Museum im Rahmen der gleichnamigen Kabinett-Ausstellung, die bis zum 28. April gezeigt wird, vorstellte. Die Konzeption der Arp-Schau folgt der Gruppengliederung des ausgezeichneten Katalogs und zeigt jeweils wegweisende Beispiele. Der „wissenschaftliche Baustein“, wie Museumsleiter Oliver Kornhoff das 303 Seiten starke publizistische Werk bezeichnete, versammelt den kompletten Arp’schen papiernen Kosmos. Textbausteine für den Bestandskatalog stammen von Astrid von Asten, Sarah-Lena Schuster, Anabel Runge, Oliver Kornhoff und Thomas Huber. Vorlage für den Katalog-Titel „Purzelblätter“ lieferte die dadaistische Arp’sche Wortcollage: „…daß der purzelbaum aus den purzelfrüchten den purzelblättern den purzelzweigen den purzelästen dem purzelstamm und den purzelwursteln besteht.“

Gedichtbände und Texte

„Während die [… ] Papierchen auf einen mit Kleister bestrichenen Grund niedersanken, fing das Papierbild, einem Märchen gleich, zu leben an, und ich freute mich an dem rätselhaften Duett von Natur und Muse“. (Zitat: Hans Arp). Neben der Dichtung stehen genau diese Papierarbeiten am Anfang des Arp’schen OEuvres. Bald folgt das Relief, und erst wesentlich später – Arp war Anfang Vierzig – die Skulptur. In den Jahren zuvor experimentiert er unermüdlich, und das Medium Papier ist ihm eine unerschöpfliche Quelle. Auch später bleiben die Techniken seiner Papierarbeiten gleichberechtigt in seinem Werk präsent. In den frühen Textbänden der Dadaisten Tzara oder Huelsenbeck sind seine Zeichnungen und Holzschnitte unverzichtbare Zutat. In den Dada- und Surrealisten-Publikationen werden Arps Papierarbeiten öfter reproduziert als die Werke jedes anderen Künstlers. Seine zeitlose, ungewöhnlich farbintensive Druckgrafik begleitet von nun an über die Jahrzehnte bis hin zu seinem Tod eigene Gedichtbände und Texte seiner Künstlerfreunde.

Rund 250 Arbeiten in der Sammlung

In der Sammlung des Arp Museums (rund 250 Arbeiten) befinden sich Werke aus allen Schaffensphasen Hans Arps: Frühe Weimarer Zeit (Aktzeichnungen), Dada (Construction élémentaire), Surrealismus (Arpaden), sowie alle Techniken: Collage, Papiers déchirés, Papier froissé, Découpage, Zeichnung (Bleistift, Gouache, Tusche, Aquarell) und Druckgrafik. Einzigartig im Bereich der Collage sind bei Arp die frühen Papiers déchirés. „Während seine Künstlerfreunde Max Ernst oder Hannah Höch aus darstellenden Motiven eine surreale Bilderwelt kreieren, setzt er auf den ruhigen poetischen Wert seiner Papiers déchirés, bei denen er kleine Papierfetzen frei vor einem scheinbar unendlich weiten Hintergrund tanzen lässt“, sagt Astrid von Asten, die gemeinsam mit Sarah-Lena Schuster die Ausstellung kuratiert. Kaum einem Künstler sei es gelungen, den freien Raum des Blattgrundes mit solcher Dimension zum Bestandteil des Werkes an sich werden zu lassen. „Somit bilden Zeichnungen, Collagen und Holzschnitte nicht nur den wegweisenden Auftakt seines reichhaltigen OEuvres, sondern ergänzen und bereichern es lebenslang.“

Wie mannigfaltig Arps Arbeiten sind, lässt sich in der kleinen aber feinen Kabinett-Ausstellung auf der Patronatsetage entdecken. Begleitend zum Bestandskatalog zeigt die Präsentation einen Querschnitt durch rund 60 Jahre seines innovativen Schaffens. Gegliedert in zehn Gruppen spiegelt die Schau den Katalogaufbau wider und erlaubt so einen Einblick in die vielfältigen Techniken und Themenkreise, die Arp in einer schier unendlichen Fülle von Zeichnungen, Collagen und Druckgrafiken umsetzte. Papierarbeiten bilden, neben seiner Dichtung – und eng mit jener verbunden – den Ausgangspunkt in Arps OEuvre. Frühe, zunächst noch klassisch inspirierte Aktzeichnungen entstehen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Druckgrafiken und zerrissene Zeichnungen

Die folgenden Jahrzehnte setzen seiner Begeisterung für das Material keine Grenzen. Unerschöpflich, beinahe wie besessen schneidet und klebt er, zerreißt, zerknittert oder übermalt und entwickelt auf diese Weise mit dem an sich so schlichten Werkstoff Papier überraschend neue Techniken. Diese bleiben nicht ohne Einfluss auf die nachfolgenden Generationen. Und so entspringen die abgerissenen Décollagen des Nouveau Réalisme später demselben Geist wie Arps Papiers déchirés, vor allem in Bezug auf das Verhältnis und die Wechselwirkung von Kunst und Realität. Wiederholt steht bei Arps Papierarbeiten seine nicht minder wegweisende Dichtung Pate, wie etwa bei der Anordnung der Konstellationen oder den zufallsbestimmten Papiers déchirés. Die enge Beziehung zwischen seinen künstlerischen Techniken ist kennzeichnend für die Arbeitsweise des Künstlers. So bilden Fragmente seiner Druckgrafiken oder zerrissene Zeichnungen nicht selten den „Keim“ einer neuen Arbeit.

Gegenwartsposition: Thomas Huber

Mit Thomas Huber hat das Arp Museum für seinen Bestandskatalog einen zeitgenössischen Künstler eingeladen, Arps Arbeiten auf seine Weise zu deuten. „Künstler wählen einen speziellen Zugang zu den Werken, sie haben einen anderen, oft einen neuen Blick. Durch diese Art der schöpferischen Zuwendung verleiht Huber Arps Werken eine überraschende Stimme. Der Schweizer Künstler hat für diesen Katalog seine eindrückliche persönliche Begegnung mit dem Schaffen Arps Revue passieren lassen“, so Museumschef Oliver Kornhoff. Herausgekommen sei eine differenzierte und kenntnisreiche Liebeserklärung an Arp und ein wenig auch an das Arp Museum Bahnhof Rolandseck. Thomas Huber ist im Arp Museum kein Unbekannter. 2004 gestaltete er die Bibliothek des Hauses. Dadurch brachte er die Verbundenheit mit dem Hauspatron künstlerisch zum Ausdruck. Kornhoff: „In der Wertschätzung eines heutigen Künstlers wie Thomas Huber pointiert sich die Vergesellschaftung der Arp’schen Kunst, die auch für das Arp Museum ein zentrales Anliegen ist.“

 

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Freuen sich über den gelungenen Bestandskatalog und die kleine aber feine Kabinett-Ausstellung: Astrid von Asten, Sarah-Lena Schuster, Oliver Kornhoff. (vl). Foto: Peter Köster

Ohne Titel: 1964 Öl auf  Packpapier. Foto: Peter Köster