„Otto Piene – Alchemist und Himmelsstürmer“ im Arp Museum

Von Peter Köster

Remagen. Das Licht – der Urgrund der künstlerischen Auseinandersetzung mit Form und Farbe – sowie die Luft und der Kosmos mit seinen Gestirnen stehen im Zentrum der Ausstellung „Otto Piene – Alchemist und Himmelsstürmer“, die bis zum 5. Januar 2020 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen gezeigt wird. Die Ausstellung entsteht in Zusammenarbeit mit der More Sky Collection, Sammlung Edgar Quadt, dem Otto Piene Estate und der Galerie Sprüth Magers.

Otto Piene, der 1928 in Bad Laasphe geboren wurde, studierte von 1950 bis 1953 an der Kunstakademie in Düsseldorf. Er war ein maßgeblicher Mitbegründer der ZERO-Bewegung, und als experimentierfreudiger „Künstler-Forscher“ befasste er sich intensiv mit den vier Elementen. Pienes Werk fügt sich damit perfekt ein in die lichtdurchfluteten Räume des Arp Museums, dessen Architektur als eine Hymne an die immaterielle Kraft des Lichts gelesen werden kann. Das Remagener Haus, das sich im Kunstjahr 2019 dem Thema „Sammlungen“ widmet, knüpft daran an und ehrt mit Otto Piene, nach K. O. Götz, Bernard Schultze, C.O. Paeffgen und Gotthard Graubner – nun einen weiteren bedeutenden Gegenwartskünstler mit Wurzeln im Rheinland.

Bilder aus Öl, Feuer und Rauch

Das Museum widmet Otto Piene (1928-2014) Raum für eine Schau mit 63 Leinwänden, Grafiken, Keramiken, Licht- und Luftplastiken. Zu sehen sind u.a. einige der Rauch- und Feuerbilder mit Blasen und Krusten, mit denen Piene weltweit bekannt wurde. Darunter sind etwa die gelb-orangefarbene Arbeit „Dayglow” aus dem Jahre 1993 oder eine Arbeit auf Karton mit dem Titel „Ikarus Die”, die der Künstler 1980 schuf. Auch das Werk „Es brennt“ von 1966, das aus Öl, Feuer und Rauch auf einer Leinwand entstanden ist, ist Teil der Ausstellung. Während ängstliche Nachbarn den Notruf wählten, sprühte Piene schwarzen Lack auf Leinwände, behandelte ihn mit leicht entflammbaren Lösungen nach und ließ das meist kreisförmige Ergebnis schließlich kontrolliert in Flammen aufgehen. Durch Ausbalancieren des Feuers schuf Piene immer neue Motive, deren Abstraktionsgrad nicht nur in den Augen des Schöpfers angenehm ins Kosmisch-Elementare kippte. Mit seinem Gemisch aus Ruß und Farben suchte Piene Anschluss an die Alchemisten und das feuergetriebene Sonnensystem.

Frühwerk überstrahlt Spätwerk

Pienes Frühwerk, also die Arbeiten aus den 1950er Jahren, als sich Piene gemeinsam mit Heinz Mack und Günther Uecker anschickte, eine neue, Zero, genannte Form der Malerei zu schaffen, überstrahlt dabei das Mittel- und Spätwerk. Mit Farbtupfern oder gestochenen Löchern verwandelte er seine Bilder in Reliefs, bevor er Anfang der 1960er Jahre zu seiner wahren Berufung als Feuerteufel fand. Aus dieser längst in den Kanon aufgerückten Frühzeit sind in Remagen einige schöne Beispiele zu sehen. Während in den 1950er Jahren die individuelle, gestische Expressivität der informellen Malerei die abstrakte Kunst beherrscht, sucht Otto Piene nach einer universelleren Sprache. Das Kunstwerk soll nicht nur Malerei oder Skulptur im klassischen Sinne sein, es soll einen ganzen „Raum“ – im Sinne einer ganzheitlichen Erfahrung – eröffnen. Die Grundlagen für diese künstlerischen Ideen entwickelt er in engem Austausch mit seinen Kollegen Heinz Mack und Günther Uecker in Düsseldorf. Mit der Gründung von ZERO stoßen sie 1958 eine Kunstbewegung an, die sich bald international durchsetzt. Einer der starken Impulse in den Arbeiten von Otto Piene ist dabei das Wesen und das Wirken von Licht, es wird konstitutiv für sein Schaffen, wie er selbst formuliert: „Und das Licht ist da und dringt überall hin und nicht ich male, sondern das Licht.“ „Es bestimmt seine Werke, verwandelt ihre Farben und Oberflächen, bringt sie in Bewegung, belebt sie. Räume werden zu sphärischen Orten, die mit ihrer Luzidität und ihrer Lust am Spiel die Betrachter verzaubern“, so Jutta Mattern, Kuratorin der Ausstellung.

Teil einer kosmischen Ordnung

Beispielhaft hierfür steht der speziell für die Ausstellung gebaute Lichtraum, der die Licht-Choreographie des Lichtraums (Jena) aus dem Jahr 2007 für die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher in Rolandseck erlebbar macht. Hier präsentiert sich das Licht als Schöpfer des Kunstwerks: durch perforierte Wände fällt bewegtes Licht. Gleichzeitig sind im Raum drei Apparate positioniert, die sich in abgestimmten Sequenzen in Bewegung setzen und das Licht über die Wände tanzen lassen. Es sind diese lichtkinetischen Arbeiten Pienes, die er Anfang der 1960er Jahre entwickelt hat, die es dem Betrachter ermöglichen, sich als Teil einer kosmischen Ordnung zu empfinden. Mit einem seiner späteren „Inflatables“, einer Ausstellungskopie der monumentalen Luft-Plastik „Paris Star“ von 2008, besetzt eine großformatige Piene-Arbeit den Außenraum des Museums. Im Kabinett der Ausstellungsetage wird die beeindruckende Lichtchoreographie des Lichtraums (Jena) aus dem Jahr 2007 für die Besucherinnen und Besucher erlebbar.

Feuer und Rauch avancieren zu „Malinstrumenten“

Für seine Lichtkompositionen verwendete Piene zumeist helle, gut reflektierende Öl- und Aluminiumfarben. Zu dieser Farbpalette gehören Weiß, Gelb, Gold und Silber. Seiner symbolischen Bedeutung nach gilt Gold als Symbol der Sonne und des göttlichen Prinzips, Gelb steht für das Sonnenlicht. Für die Alchemisten des Mittelalters war Gold erstarrtes Licht, Silber erinnerte an den Glanz von Mond und Gestirnen oder auch an die Oberfläche von Wasser. An diese kosmologische Materialästhetik und -symbolik schließt sich Piene mit seiner Arbeit an. Seine Feuerbilder mit ihren zum Teil aus der Kosmologie entlehnten Bildtiteln entstehen zu Beginn der 1960er Jahre. Realisiert werden sie in vielen farblichen wie technischen Variationen auf Leinwänden und Papier und erzählen von seiner Faszination für eine kosmische Welt und deren Gestaltwerdung. Nicht selten entstehen auf der Farbschicht Risse, Krusten und Blasen, der Lack verläuft, es bildet sich ein hochexplosives Gemisch, das sich auf der Leinwand als Spritzer verteilt. Bisweilen gelingt es nicht, die Flammen zu kontrollieren und den richtigen Zeitpunkt des Löschens zu finden. Manches Mal zerstört dann das Feuer das Ursprungsmotiv und die Bildfläche. Feuer und Rauch avancieren so zu „Malinstrumenten“.

Sky-Art-Projekte

Diametral der Erde entgegengesetzt finden sich Pienes Inflatables, die zu seinen Sky Art-Projekten gerechnet werden und mit seinem Lebensmittelpunkt in den USA ab 1964 eine besondere Aufmerksamkeit erfahren. Diese mit Luft gefüllten Skulpturen, aus Spinnakertuch gefertigt, erobern als Sterne mit zusätzlichen Luftschläuchen versehen den Himmel. Wie das Licht ist auch die Luft von fundamentaler Bedeutung für Pienes Werk, künstlerischer Ausdruck seiner Faszination für das Universum, Mittel der realen Erweiterung seiner Ideen in den Raum.

Wie erwähnt, zeigt sich die Diskrepanz zu seinen späteren Werken. Dazu zählen vor allem seine Keramiken, die streng genommen, mehr das Geschmäcklerische offenbaren. Sie wirken irgendwie wie eine Backware, die mit Zuckergussglasur überzogen ist. Ach ja, und dann sind da noch diese güldenen Oberflächen, die mehr Effekthascherei betreiben. Also wenn Bling-bling, dann doch bitte in Zero-Silber. Apropos Zero: Es war das Jahr 1957, als in Düsseldorf zwei junge Künstler in ihren Ateliers Ausstellungen zeitgenössischer Kunst initiieren, um den Neuanfang in der Kunst auszurufen. Innerhalb von nur wenigen Jahren wird aus der losen Ausstellungsgemeinschaft im Hinterhofatelier von Heinz Mack und Otto Piene die international vernetzte Avantgardebewegung ZERO (Null), zu der Künstler wie Günther Uecker, Yves Klein, Jean Tinguely und Piero Manzoni zählen. Die erste Ausstellung von Zero in einem deutschen Museum fand im Januar 1963 im Haus Lange in Krefeld statt. 1966 nur knapp zehn Jahre später, löste sich Zero mit einer legendären Abschiedsparty im Bahnhof Rolandseck auf, dahin, wo Otto Piene in Form seines Werkes nun zurückkehrt.

Tonplatten aus dem Westerwald

In der Ausstellung repräsentieren vielgestaltige Reliefs und Skulpturen das keramische Schaffen Pienes. Als „schwere Bilder“ bezeichnet er seine Raster- und Grubenkeramiken. Als Grundlage dienten unterschiedlich große, von der Keramikwerkstatt vorgefertigte Tonplatten aus einer Tongrube im Westerwald. Die sinnlich taktilen Oberflächen der Grubenkeramiken wirken zum über-wiegenden Teil ohne Glasur sehr grob, während die feineren Rasterkeramiken linear rhythmisierte Reihungen von Kreis- und Punktformationen aufweisen.  Mit ihrer unregelmäßigen glänzenden Platinoberfläche und dem darunterliegenden silbrig-grauen Ton erinnert die Arbeit Kleiner Urknall (2006) in ihrer Struktur an die erstarrten Lichtblitze einer Explosion. Pienes Hemisphären (2006) weisen dagegen zahlreiche kleine Löcher in den plastischen Erhebungen auf. Ähnlich wie bei seinen Feuerarbeiten die aktiv beteiligten Elemente Feuer und Luft waren, so sind es hier alle vier Elemente: Feuer, Wasser, Erde und Luft.

Hommage á Fontana

In diesen Kosmos von Otto Pienes Arbeiten gesellen sich Werke des italienisch-argentinischen Künstlers Lucio Fontana (1899 – 1968). Der italienische Schöpfer der geschlitzten Leinwände war ein wichtiger Weggefährte Otto Pienes und gehörte zu den wichtigsten Inspirationsquellen der Mitglieder der ZERO-Gruppe. Ihre Bewunderung galt seiner radikalen Revolutionierung der Malerei und Skulptur und war für sie ein wesentlicher Impulsgeber für ihr eigenes und kollektives Schaffen. Verehrung zeigten Piene, Uecker und Mack zudem auch auf der documenta III 1964 mit dem Lucio Fontana gewidmeten kinetischen Lichtraum Hommage á Fontana sowie mit einem geplanten Bankett zu Ehren Fontanas, das 1966 oder 1967 im Festsaal des Bahnhofs Rolandseck stattfinden sollte.

Farbe, Klang, Raum, Bewegung und Zeit

Ab 1947 entwickelte Fontana Ideen zu Farbe, Klang, Raum, Bewegung und Zeit und fasste diese in fünf Manifesten zum Konzept des Spazialismo zusammen. 1949 entstehen schließlich seine plastischen Malereien, die zur Werkreihe der Buchi (Löcher) gehören. Seine für diese Ausstellung ausgewählten Werke beschränken sich auf eben diese Schaffensperiode, da das Kreismotiv eine Entsprechung in Pienes Werken findet. Beide Künstler arbeiteten bevorzugt mit lasierter Keramik, mit Metallen und entwickelten ortsbezogene Lichtinstallationen, beide rückten die Parameter Raum, Licht und Bewegung ins Zentrum ihrer Kunst. Sie definierten damit den klassischen Werkbegriff neu zugunsten einer sinnlichen Erfahrung, die sich in einem Zeit- und Raumkontinuum vollzieht. Fontanas Einfluss auf Piene wird im Arp Museum mit wenigen Exponaten deutlich, die, was möglicherweise nicht im Sinne des Erfinders war, das Werk des Feuerkünstlers doch um einiges überstrahlen. Eine schwarze Fontana-Leinwand mit großen, mittig gesetzten und den Raum geradezu auffressenden Löchern hat etwas gespenstisch maskenhaftes und strahlt eine elementare Tiefe aus. Leider vermisst man diese bei Pienes kosmisch angehauchten Bildern.  

Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp

Otto Pienes geistige Verbindungen zur klassischen Moderne zeigt das Arp Museum in einer dialogischen Gegenüberstellung von einigen seiner Arbeiten mit Werken von Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp im Rahmen der  Sammlungspräsentation. Parallelen finden sich sowohl im literarischen Werk von Hans Arp als auch in den malerischen und bildhauerischen Arbeiten dieser beiden Pioniere der Abstraktion. Während Hans Arp das bewegte Oval bzw. den Nabel und Otto Piene den biomorphen Kreis immer wieder darstellen, erhebt Sophie Taeuber-Arp den geometrischen Kreis konsequent zu einem zentralen Motiv. Sie sortiert ihn, teilt ihn, lässt ihn auf Linien balancieren und tanzen, als Kegel, Zylinder oder Kugel in die Dritte Dimension wachsen oder nutzt ihn als Grundplatte von Reliefs. Sie begreift den Kreis als reine Form, den sie ähnlich wie Otto Piene von abbildenden Parametern „befreit“ und lässt ihn frei schwebend einem ganz eigenen Rhythmus folgen. Und so schließt sich der Kreis in dieser Ausstellung zu einem Kosmos, in dem sich Otto Piene, Lucio Fontana, Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp begegnen und auf ihre je unterschiedliche Art und Weise mit ihrer Kunst die irdische Welt gestalten.

 

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Bild 1:
„Bausch“ Otto Piene, 1998: Foto: Peter Köster

Bild 2:
Hemisphäre Platin Otto Piene | 2007
More Sky Collection | © VG Bild-Kunst, Bonn 2019: Foto: Peter Köster

Bild 3:
Otto Piene, Komet, 1973, More Sky Collection © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Foto: Peter Köster

Bild 4:
Otto Piene, Unordentlichlyrisch, 2012, More Sky Collection
© VG Bild-Kunst 2019: Foto: Peter Köster