„Nanne Meyer. Gute Gründe“ – Ausstellung im Kunstmuseum Bonn

Von Peter Köster

Bonn. Es gibt gute Gründe, die wahrlich sehenswerte Ausstellung „Nanne Meyer Gute Gründe“ (bis zum 6. Oktober) im Kunstmuseum zu besuchen. Die Künstlerin hat sich ganz dem Zeichnen verschrieben. Alles kann ihr dabei als Inspirationsquelle für ihr vielschichtiges Werk dienen: Landkarten, Bücher, Fahrradfahren oder ein Nachtflug. Die in enger Kooperation mit Nanne Meyer realisierte Ausstellung mit Werken der 1980er Jahre bis heute liefert den bisher größten Überblick über ihr Werk. Ihr Oeuvre besitzt einen Reichtum an Fantasie und erschließt der Zeichnung neue Möglichkeiten.

Die Linie als Leitmedium

Für Nanne Meyer ist es nach 1997, als sie das Kunstmuseum als Referenzkünstlerin der Ausstellung „Zeichnung heute“ eingeladen hatte, der zweite Auftritt in Bonn. Die 1953 in Hamburg geborene und heute in Berlin lebende Künstlerin hat sich seit den 1970er-Jahren ausschließlich der Zeichnung verschrieben. Diese Konzentration hat ein vielfältiges Werk hervorgebracht, das mit der Linie als Leitmedium die unterschiedlichen Aspekte, Formen und Materialien des Zeichnerischen erkundet und bis ins Malerische und Objekthafte erweitert. Dabei verwendet Meyer neben Blei- und Farbstift, Kreide und Tinte auch Dispersionsfarbe, Gouache und Lack. Zudem verwendet sie Fundstücke des alltäglichen Lebens wie Landkarten, Lehrbücher und Schablonen, die sie bezeichnet und in eine eigene Bildrealität transformiert. Im Laufe ihres Schaffens sind Serien entstanden wie Wandlungen, Luftblicke, Verwischtes, Begrautes und nicht zu vergessen ihre Jahrbücher (1986-2018), die von Prozessen zwischen Linie und Ding, Bild und Sprache handeln. Teilweise implantiert sie Wörter und vorgefundene Texte in ihre Arbeiten. Nanne Meyer wurde bereits durch eine Reihe von Stipendien und Preisen ausgezeichnet, darunter der Villa-Massimo-Preis, der Künstlerinnenpreis NRW für Zeichnung sowie der Hannah-Höch-Preis des Landes Berlin. Darüber hinaus lehrte sie seit über 20 Jahren als Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.

Zündfunke für zeichnerische Exkursion

Ausgangspunkt für Meyers Werke sind oftmals eigene Beobachtungen, die an durchaus unscheinbaren Dingen unserer Welt ansetzen können. Aber auch komplexe Landschafts- und Raumerfahrungen auf eigenen Reisen können zum „Zündfunken“ (Nanne Meyer) für zeichnerische Exkursionen werden. In besonderem Maße kann vorgefundenes Material (Büropapier, Atlanten, Ansichtskarten) den Ideen- und Zeichenprozess inspirieren und vorantreiben. So entstehen mit der Zeit thematisch zusammengehörige Werkgruppen – bis hin zu den „Graphitgebirgen“ der letzten Jahre. Meyer zeichnet fortwährend selbst an ungewöhnlichen Orten wie im Flieger und hier mit Vorliebe nachts. „Erinnerung an einen Nachtflug“, heißt ihr großflächiges Werk, das sie aktuell für die Bonner Schau schuf. Es zeigt eine filigrane, fein verästelte weiße Zeichnung auf schwarzem Grund.

Nanne Meyer erkannte schon während ihres Studiums in den späten 1970er Jahren an der Hochschule für bildende Künste in ihrer Geburtsstadt Hamburg, dass die Zeichnung „für mich genau das Richtige ist“. Die Zeichnung liefere unbegrenzte Möglichkeiten, wenn man sich darauf konzentriert. „Zeichnen ist das intensivste, vielfältigste, bescheidenste Medium, die feinste künstlerische Ausdrucksmöglichkeit“, so die 66-jährige Künstlerin. Zeichnen sei Denken und zugleich Arbeit an einem offenen Bildvokabular des Wirklichen und Möglichen.

Nanne Meyer entwirft eine instabile Kartografie der Welt, die nichts festlegt und zu keinem Ende kommt, sondern ihre Präsenz und Produktivität gerade aus dem Schwanken, dem Verwandeln, dem Einfügen und wieder Verschwinden gewinnt. Mal ist sie malerisch-poetisch unterwegs, dann kommt sie plötzlich sehr analytisch und akribisch daher, um im nächsten Augenblick dem puren Nonsens zu frönen. Was mit Stift und Kreide auf dem Papier passiert, ist dabei mindestens ebenso spannend, wie die Basis der Zeichnung selbst. Meyer verwendet und verfremdet Postkarten, lässt sich von Schablonen für den Druck von Kimonos inspirieren, die sie in Japan auftrieb; sie erkennt in amtlichen Umlaufmappen, dass sie mal zwei, mal drei Sichtlöcher haben, bemalt sie mit blauschwarzem Schultafellack, setzt feine Zeichnungen darauf und arrangiert die Blätter zum „Sternenzelt-ähnlichen Gebilde“.

Zeichnung wechselt in dritte Dimension

Bei der Berliner Künstlerin wechselt die Zeichnung in die dritte Dimension, in das bewegte Bild oder sogar in den Animationsfilm. Interaktionen zwischen der gezeichneten Linie an der Wand und der animierten Linie im Computer entwickeln völlig andere Formen grafischer Wahrnehmung. „Beim Zeichnen hat man es stets mit (mindestens) drei Realitäten zu tun: mit der da draußen in der Welt, mit der im Kopf und mit der auf dem Papier“, so die Künstlerin. „Unter gut zeichnen können versteht man im Allgemeinen (immer noch) die größtmögliche Übereinstimmung dieser drei Realitäten“, sagt Volker Adolphs Kurator der Ausstellung. „In der Art der Übereinstimmung oder ihrer Differenz, der Harmonie oder im Knirschen zwischen diesen Realitäten, spiegelt sich das Interesse bzw. das Weltverhältnis des Zeichners.“ Was, wie auch immer mit welcher Absicht gezeichnet wird, Zeichnen ist vor allem Interpretation. Mehr oder weniger.

 

BUS:

Bild 1: „Erinnerungen an einen Nachtflug“. Acryl, Farb- und Gelstift.
Foto: Peter Köster

Bild 2: „Bett“ 1997.
Foto: Peter Köster

Bild 3: „Große Wandlungen“. 300 x 100 cm
Foto: Peter Köster

Bild 4: „Jahrbuch“.
Foto: Peter Köster