Max Ernst Museum zeigt Frauenkultur-Preisträgerin Johanna Reich

Von Peter Köster

Brühl. Zu ihren Lehrern zählte u.a. Wim Wenders, bei dem Johanna Reich an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg (HfBK) freie Kunst studierte. Nun widmet ihr das Max Ernst Museum in Brühl bis zum 8. April eine monografische Ausstellung: „Johanna Reich Die gestohlene Welt“. Reich ist Trägerin des Frauenkulturpreises des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), der bisher erst zweimal vergeben wurde. Den Auftakt machte die Künstlerin Vera Lossau. Sie wurde 2014 geehrt.

Zentrale Themen von Johanna Reich (*1977) sind die rasant voranschreitende Digitalisierung und mediale Vereinnahmung unserer Alltagswelt und deren Folgen für unsere Werte, Beziehungen und unsere Wahrnehmung. In ihren Foto- und Videoarbeiten, die meist zusammen mit Projektteilnehmerinnen und -teilnehmern entwickelt wurden, lotet die Videokünstlerin das Verhältnis zwischen realen, virtuellen und malerischen Bildern aus. Dabei spürt sie insbesondere solchen Phänomenen nach, die sich in „gestohlenen“ Momenten von der Bilderflut absetzen, die „bleiben“ und sich in das globale wie persönliche Gedächtnis eingebrannt haben.

Ikonische Bilder stehen im Vordergrund der Arbeiten „Heroines“ (2013-16) und Der Blick auf die Welt (2016). Das Projekt „Heroines“ befasst sich mit dem Thema Identitätssuche von jungen Mädchen, die Johanna Reich nach ihren Vorbildern befragte. Fotografien der gewählten weiblichen Idole wurden anschließend als Lichtbild auf das Gesicht der Projektteilnehmerin projiziert und das Ergebnis als fotografisches Porträt festgehalten. Durch die Überblendung von Projektion und Gesicht entsteht ein neues, eigenständiges Porträt, das seine Kraft aus dem Spannungsfeld zwischen ikonenhafter Inszenierung und alltäglicher Gegenwart schöpft.

Zeitgenössische Bildproduktion

Die Arbeit „Der Blick auf die Welt“ untersucht, welche Rolle die zeitgenössische Bildproduktion bei der Herausbildung unseres historischen und kulturellen Gedächtnisses spielt. Verschiedene Personen im Alter von 30 bis 90 Jahren wurden gebeten, prägende Momente der Zeitgeschichte zu benennen, die im Anschluss als Lichtbilder auf ihre Körper projiziert und auf Fotofahnen gebannt wurden. Durch die persönlichen Berichte der Teilnehmenden, die bei der Betrachtung der Fotofahnen als Tondokument über Kopfhörer angehört werden können, wird eine individuelle Sicht auf globale Ereignisse vermittelt. Auf den Fotografien sind die Abbilder weiblicher Ikonen zu sehen, Coco Chanel, Marilyn Monroe, Angelina Jolie – projiziert auf die Gesichter junger Frauen. Was zeigen die Porträts, sind sie Abbilder der „erträumten“ Identitäten der Porträtierten, Zuschreibungen des Betrachtenden oder bloße Inszenierung? Die Portraits sind eine Mischung aus allen erwähnten Faktoren, aber vor allem auch eine direkte und sogar körperliche Kommunikation mit dem Bild. Die von den Mädchen ausgewählten Ikonenbilder werden nicht per Photoshop mit den Gesichtern der Teilnehmerinnen verschmolzen, sondern per Videoprojektor auf sie projiziert. In diesem Prozess geschieht eine Zwiesprache von Porträtierten und Ikone: Jedes Mädchen muss sich fragen, wieviel sie von sich zeigt, welche Haltung sie einnimmt und wieviel Raum sie dem Bild lässt. Im Laufe des Schaffensprozesses verändern sich die Parameter, die Inszenierung wird zu einer Performance, die idealisierten Persönlichkeiten dürfen durchaus auch von ihrem Sockel gehoben werden.

Verschwinden der Handschrift

Dem zunehmenden Verschwinden der Handschrift angesichts der allgegenwärtigen Nutzung von Computern und Touchscreens geht die aktuelle Arbeit Decrypt (2018) nach. Der Zeichencode, den ein Handyfoto eines weißen Blattes erzeugt, wurde von 40 Mitwirkenden abgeschrieben und schließlich durch ein Schrifterkennungsprogramm in einen farbigen Druck zurückübersetzt. Die Personen schufen auf diese Weise mit ihrer individuellen Handschrift ein neues Bild. Die Präsentation entsteht in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin und umfasst 18 teilweise mehrteilige Arbeiten, darunter Videos, Fotografien, Installationen und aktuelle Projekte wie ein „Cut-Out“ zu Max Ernsts Figurengruppe im Außenbereich des Museums. Diese Arbeit ist eigens als Hommage an das Werk von Max Ernst entstanden.

Johanna Reich studierte Freie Kunst an der Kunstakademie Münster bei Guillaume Bill und Andreas Köpnick. Sie absolvierte einen Postgraduierten-Studiengang Medienkunst an der Kunsthochschule für Medien, Köln. Johanna Reich wurde u.a. mit dem Förderpreis des Landes NRW für Medienkunst, dem Konrad von Soest Preis und dem Nam June Paik Award Förderpreis ausgezeichnet. Ihre Arbeiten sind in zahlreichen Ausstellungen und Sammlungen vertreten, u. a. in der Sammlung Goetz München.

Parallel zu der Ausstellung im Max Ernst Museum sind Reichs Arbeiten auch in der Kölner Galerie Priska Pasquer (Albertusstr. 18 zu sehen. Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Abbildungen und Installationsansichten der ausgestellten Werke.

 

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Zwei Werke aus der Ausstellung.
Foto: Peter Köster