Max Ernst Museum präsentiert Joana Vasconcelos – Erste Ausstellung der portugiesischen Künstlerin in Deutschland

Von Peter Köster

Brühl. Der Ausstellungstitel verrät es bereits „maximal“: Und das Maximale hat die portugiesische Künstlerin Joana Vasconcelos für ihre mitunter raumgreifenden Werke aus den Räumlichkeiten des Max Ernst Museums herausgeholt. Das Brühler Haus zeigt als erstes Museum in Deutschland die international erfolgreiche Konzeptkünstlerin in einer absolut sehenswerten Schau. Dauer: bis 4. August.

Die 20 Objekte und Installationen aus den letzten 20 Jahren, die das Max Ernst Museum präsentiert, vermitteln umfassende Einblicke in die Arbeitsweise von Joana Vasconcelos. Die in Lissabon lebende und arbeitende Künstlerin ist bekannt für ihre raumgreifenden Arbeiten, mit denen sie humorvoll und anspielungsreich die Grenzen zwischen Tradition und Moderne, Hoch- und Alltagskultur, Kunsthandwerk und Industrieproduktion auslotet. Sie sind, um dies vorwegzusagen, eine wunderbare Fortsetzung der heiter-pikanten Kunst von Niki de Saint Phalle.

Kronleuchter gebaut aus Tampons

Die Installationen von Joana Vasconcelos sind mitunter gigantisch. Das zeigte sich bereits bei ihrer Ausstellung im Guggenheim in Bilbao, wo die berühmteste portugiesische Künstlerin mit einer Einzelausstellung gefeiert wurde. Eine tonnenschwere Maske aus 231 Spiegeln sorgte dort für besonderes Aufsehen. Davor gastierten ihre überdimensionalen Werke im dänischen Aarhus und in Lissabon. 2012 wurde sie zudem als erste Künstlerin zu einer Einzelausstellung ins Schloss Versailles eingeladen. Für das meiste Aufsehen – fast schon Erregung – aber sorgte Vasconcelos Arbeit „Braut“ (A Noiva), die sie 2005 auf der Biennale in Venedig präsentierte. Dabei handelte es sich um einen fünf Meter hohen Kronleuchter, gebaut aus 25.000 Tampons. Mit ihrer Arbeit wollte sie die sexuelle Freizügigkeit der modernen Frau unterstreichen, wie sie sagt.

In ihren großformatigen Arbeiten verwendet Joana Vasconcelos häufig Alltagsgegenstände, die sie verfremdet, umdeutet und zu einer eigenen Art von surrealer Objektkunst verbindet. Dabei setzt sie auch Materialen wie Fliesen, Keramiken oder Stoffe ein und nutzt traditionelle Handarbeitstechniken wie Häkeln, Nähen und Stricken. In ihrem Atelier in der Nähe von Lissabon entstehen auf diese Weise ihre sogenannten Walküren, bizarre, voluminöse Stoffwesen, die ihre Umgebung wirkungsvoll einnehmen. Ihre Werke behandeln dabei Fragen von kultureller Identität und Geschlechterrollen und zeigen Berührungspunkte zu künstlerischen Strategien.

„Carmen Miranda“ und „Capricorne“

Zu den Highlights, die Joana Vasconcelos im Max Ernst Museum zeigt, gehört zweifelsohne „Carmen Miranda“, ein riesiger aus 300 Edelstahl-Töpfen und Deckeln zusammengesetzter Stöckelschuh. Für diese Installation hat die 47-Jährige bewusst den „Tanzsaal“ im Parterre gewählt, weil hier ihre Arbeit in einen Dialog mit der Großplastik von Max Ernst „Capricorne“ (1948) treten kann. Vasconcelos bewundert Max Ernst seit ihrer Jugendzeit. Als Abiturientin ließ sie sich vor 30 Jahren im Centre Pompidou in Paris fotografieren. Ihre Arbeit hier im Zusammenwirken mit ihrem großen Vorbild zu präsentieren – vorausgegangen war eine Einladung zu dieser Schau durch Museumsdirektor Achim Sommer – „ist ein bisschen wie nach Hause kommen“.

Kunst muss Zeit generieren

Ihr „künstlerisches Haus“, ihre „Vorstellungswelt“ zeigt die 47-Jährige im Ausstellungsbereich (Souterrain). Dazu zählt die „Baumwollstadt mit ihren Stoffwallküren.“ Man kann sich dem nur schwer entziehen. Man muss es sich einfach anschauen, Genau dies beabsichtigt Vasconcelos mit ihren Werken. „Dadurch wird ein bestimmtes Gefühl beim Museumsbesucher erregt, und das ist es, was mich interessiert. Nicht irgendeine Theorie, die dahintersteht, und nicht das Projekt an sich, sondern das Gefühl, das entsteht, wenn man die Ausstellung sieht, so die Künstlerin. Und sie fährt fort. „Niemand nimmt sich Zeit fürs Museum. Die Leute stehen maximal drei Sekunden vor einem Bild. Ich will das mit meinen Werken ändern. Wenn du es betrachten willst, musst du zwangsläufig durch das ganze Museum laufen, du musst dir für die Skulptur und für den Raum, in dem sie hängt, Zeit nehmen. Das ist auch die Aufgabe der Kunst: Sie muss Zeit generieren, um Raum zu schaffen fürs Reflektieren, fürs Nachdenken.“ Wie mit ihrer Arbeit „Im „Haar-Raum“ will die Künstlerin daran erinnern, wie „Technologie Schönheit verändert hat“. Ihren Spiegel, den sie mit verschiedenen alten Fönen bestückt hat, verändert etwas, wenn man sich ihm nähert: die Frisur. Sie zeigt ferner stehende männliche Schaufensterpuppen, sitzende weibliche – alle übersät und gefangen mit unzähligen Plastik-Kabeln. Ihre Vision einer Stadt hat Vasconcelos in einem „Licht-Raum“ gestaltet: Ein Wäscheständer ist mit Steckdosen, Kabeln und Lämpchen behängt. Bewusstes Chaos.  

Joana Vasconcelos, die in Lissabon Kunst, Juwelierkunst im Hauptfach studiert hat, greift vielfach ikonenhafte Symbole der Volkskunst auf, so etwa in ihrer Installation „Rotes unabhängiges Herz Nr. 3“, einem überdimensionalen, aus unzähligen rot-durchsichtigen Plastikmessern, Plastikgabeln und Plastiklöffeln gefertigten Objekt, das sich in einem abgedunkelten Raum dreht. Dazu erklingt Fado-Musik der Sängerin Amália.  

Die Überblicksausstellung „Joana Vasconcelos – Maximal“ ist in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin und ihrem Studio in Lissabon entstanden. Zu dieser Werkschau gehört auch eine etwa drei Meter hohe, bauchige, transparente Teekanne, die auf dem Rasen des Museums installiert ist.

 

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Bild 1: Joana Vasconcelos, Coração Independente Vermelho 3,  prova de artista (Rotes unabhängiges Herz Nr. 3, (2013), durchscheinendes Plastikbesteck © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Peter Köster

Bild 2: Joana Vasconcelos vor ihrer Teekanne. Foto: Peter Köster

Bild 3: Joana Vasconcelos, „Carmen Miranda“, 2008, Kochtöpfe und Deckel aus rostfreiem Stahl,. © VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto: Peter Köster

Bild 4: „Carmen Miranda“ in der Rückansicht. Foto: Peter Köster

Bild 5: Blütensofa von Joana Vasconcelos. Foto: Peter Köster

Bild 6: Big Booby, 2016, handgehäkelte Wolle, Industriestrickwaren, Polyester, rostfreier Stahl, 256x 256x 70 cm, Sammlung der Künstlerin, © VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: Peter Köster