Marina Abramovic: Rätsel und Faszinosum

Zwei Jahre Vorbereitungszeit, um die berühmteste Performancekünstlerin der Welt in die Bundeskunsthalle nach Bonn zu holen

Von Peter Köster

Bonn/Wien. Radikal, umstritten und bewundert zugleich: Sie ist die berühmteste Performance-Künstlerin der Welt: Marina Abramovic. Seit über 40 Jahren sprengt die 71-jährige Serbin mit ihren extremen Aktionen die Grenzen der Kunst. Sie hat sich gepeitscht, mit einer Glasscherbe ein Pentagramm in den Bauch geritzt, ein Messer in die Finger gerammt, ihre Hand in eine laufende Waschmaschinentrommel gelegt und im Feuer fast das Bewusstsein verloren. Zum internationalen Star avancierte sie 2010 mit einer großen Retrospektive im MoMA in New York. Jetzt zeigt die Bonner Bundeskunsthalle bis zum 12. August die große Retrospektive „The Cleaner“. Die Schau präsentiert Werke aus 50 Jahren ihres Schaffens: Filme, Fotografien, Malerei, Skulpturen, Zeichnungen, Installationen, Performances – radikale Auseinandersetzungen mit Schmerz und Schönheit, Verlust und Vertrauen, Beschmutzen und Säubern. Vor allem einige Re-Performances und partizipative Arbeiten bereichern das intensive Ausstellungserlebnis.

Seit über zwei Jahren habe die Bundeskunsthalle die Ausstellung von Marina Abramovic auf „dem Schirm“. „Endlich hat es geklappt“, freut sich Rein Wolfs, Intendant des Hauses über die Schau. Sie fügt sich nahtlos ein in den Kanon bisher gezeigter großer Ausstellungen mit solch weiblichen Kunstikonen wie Hanne Darboven, Pina Bausch und Katharina Sieverding. Marina Abramovic ist eine der meistdiskutierten internationalen Künstlerinnen – vor allem im Bereich ihrer bahnbrechenden Performances, mit denen sie immer wieder die eigenen physischen und psychischen Grenzen auslotet. Die große europäische Retrospektive ist exklusiv in Bonn zu sehen und spiegelt umfänglich die Facetten ihres Werks. Dabei sind persönliche Erfahrung und auch Verantwortung ein zentraler Punkt ihrer Arbeit. „A powerful performance will transform everyone in the room.“ (Marina Abramovic)

Umgang mit dem eigenen Körper

Abramovic setzt sich auseinander mit Erinnerung, Schmerz, Verlust, Ausdauer und Vertrauen. Die Ebene der Zeit(-erfahrung) und der Umgang mit dem eigenen Körper sind weitere Faktoren, die ihr Werk so eindrücklich werden lassen. Ihre Abramovic-Method der Konzentration und Mobilisierung der eigenen Kräfte, um eine größtmögliche Toleranz und Offenheit im Dialog zu erreichen, wird in Workshops weltweit praktiziert. Abramovic spricht grundlegende Existenzfragen an, provoziert und berührt somit in direkter Weise den Betrachter.
Um ihr das Schwimmen beizubringen, warf ihr Vater Marina Abramovic mit sechs Jahren vom Boot aus ins offene Meer. Dann ruderte er zurück, ohne sich umzublicken, um am Ufer zu warten. Die Künstlerin erzählt diese Begebenheit gern, wenn sie von ihrem lieblosen Elternhaus und der Kindheit im ehemaligen Jugoslawien spricht. Oder um zu erklären, wie sie wurde, was sie ist: „Das Erlebnis hat mich für mein ganzes Leben geprägt.“ Seitdem ist es für sie wichtig, etwas zu tun, wovor sie Angst hat. Sie fürchtet auch in ihrer Kunst nicht einmal Schmerz und Tod.

Autobiografie „Durch Mauern gehen“

Abramovic ist der Fixstern der Performance-Kunst. Seit den Siebzigerjahren setzt sie ihren Körper extremen Situationen aus und ist damit zur Ikone geworden. Sie schrie, bis ihre Stimme weg war und tanzte, bis sie umfiel. Sie peitschte sich aus und lag nackt auf einem Eisblock. Noch quälender als diese Schmerzen aber waren wohl jene Aktionen, in denen sie lange Zeit bewegungslos dasaß. Etwa, als sie 75 Tage lang im New Yorker Museum of Modern Art auf einem Stuhl ausharrte, sieben Stunden täglich. Abramovic ist ihren Zuschauern schon immer Rätsel und Faszinosum gewesen. Eine halbe Million Menschen kamen, um sie im MoMA regungslos sitzend zu beobachten, auch wenn die meisten nicht verstanden, was das alles sollte. Was will diese unbeirrbare Frau mit ihren Gewaltakten sagen? Geht es Abramovic vielleicht nur um Aufmerksamkeit? Wie hält sie das durch? Antworten dazu findet man in ihrer Autobiografie „Durch Mauern gehen“. Dort schildert sie erstmalig umfassend, was sie sich bei ihren Körper-Experimenten gedacht hat: „Ich wollte die Grenzen erforschen, wollte wissen, wie weit das Publikum gehen würde.“ Abramovic beschreibt, wie nervös sie im Vorfeld ihrer ersten Performance-Arbeit „Rhythm 10“ war, die sie als 26-Jährige in Edinburgh aufführte, wie sie mit Migräneanfällen kämpfte, kaum Luft bekam. Ihr Plan war, sich mit verschiedenen Messern zwischen die Finger der linken Hand zu stechen. „Wie beim Russischen Roulette geht es um Mut, Leichtsinn, Verzweiflung und Düsterkeit“, so Abramovic. „Es war eine sehr ernste Sache und notwendig.“ Unfälle hatte sie mit eingeplant: Immer, wenn sie in ihre Hand stach, wechselte sie das Messer.

Als lebendes Pendel inszeniert

Körperliche Qualen sollten von nun an Grundbestandteil ihres Werkes sein. In einer ihrer ersten Nackt-Performances mit dem deutschen Künstler Ulay inszenierten sich die beiden als lebendes Pendel – sie rannten aufeinander zu, kollidierten und prallten voneinander ab. „Relation in Space“ wurde 1976 auf der Biennale in Venedig aufgeführt. Die Zuschauer hörten, wie nacktes Fleisch auf nacktes Fleisch prallte. „Wir waren verliebt, und das Publikum spürte das genau“, sagt Abramovic heute. Aber natürlich wussten die Leute sonst nichts über unsere Beziehung, sodass jeder alles Mögliche auf uns projezieren konnte. (…) Ist das Ausdruck von Feindseligkeit? Von Liebe? Von Gnade? Als es vorbei war, waren wir völlig euphorisch.“ 1977 saß sich das Liebespaar auf der Kölner Kunstmesse gegenüber und ohrfeigte sich 20 Minuten lang. „Es wirkte persönlich, aber in Wirklichkeit hatte die Performance nichts mit unserer Beziehung zu tun. Es ging darum, den Körper als Musikinstrument zu benutzen“, erklärt Abramovic die Performance „Light/Dark“. Die Künstlerin setzt sich in ihrer Kunst mit grundlegenden Existenzfragen auseinander. Ihre Arbeiten zeichnen sich dabei durch die Betonung der Zeit und den Einsatz des eigenen Körpers aus. In der Performance „Luminosity“ saß die Künstlerin 1997 zum Beispiel 60 Minuten lang nackt und ohne Bodenkontakt balancierend auf einem Fahrradsattel.

Trennung von Ulay auf chinesischer Mauer

Energie und Präsenz wurden zum zentralen Wesensmerkmal ihrer Kunst. Das Schaffen von Marina Abramovic hat eine tiefe dem Menschen zugewandte Mission. Abramovics erste Performances entstanden im Belgrad der Tito-Diktatur, wo die Künstlerin 1946 geboren wurde. Auf internationalen Festivals in Edinburgh, Amsterdam, Mailand und Neapel lernte sie früh Gleichgesinnte kennen, unter anderem Joseph Beuys, Hermann Nitsch sowie Frank Uwe Laysiepen, genannt Ulay. Bei ihrer Performance „The Artist is Present“ blickte die serbische Künstlerin drei Monate 1565 fremden Menschen in die Augen. Aber nur bei einer einzigen Person wurde Abramovic von ihren Gefühlen überwältigt: Es war der Künstler Ulay. Mit ihm hatte Abramovic in den 70er Jahren eine Liebesbeziehung. Das Künstler-Paar lebte nomadisch in einem VW-Bus mit Aborigines und Tibetern und arbeitete auch zusammen. Nicht nur ihr Leben, auch ihre Trennung inszenierten die beiden auf ganz besondere Weise: Drei Monate lang gingen sie sich auf der Chinesischen Mauer entgegen, um sich in der Mitte zu treffen und ein letztes Mal zu umarmen. Und jetzt sahen sie sich nach mehr als 20 Jahren zum ersten Mal wieder und die Liebe ist immer noch da. Als möglicherweise letztes gemeinsames Projekt planen beide ein Buch über Anekdoten. Das verriet Ulay in Bonn. „Wir haben gemeinsam soviel erlebt, da ist ein solch literarisches Werk überfällig“. Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle entstand in Kooperation mit dem Moderna Museet, Stockholm, und dem Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, Dänemark.

Globart Award 2018

Während die Bundeskunsthalle die Retrospektive von Marina Abramovic zeigt, erhielt die Performancekunst-Pionierin jüngst in Wien den Globart Award 2018 Die Marmorstatue symbolisiere Kraft und Mut, so die Jury. Die undotierte Auszeichnung, die vor ihr u.a. Hans Küng, Riccardo Muti, Freda Meissner-Blau oder Tino Sehgal erhalten hatten, wurde Abramovic für „ihr künstlerisches Lebenswerk und ihr Vorbild“ verliehen. „Sie sprengt nicht nur die Grenzen der Kunst, sondern fesselt unzählige Menschen mit ihrer Suche nach Wahrheit und lässt sie zum Vorbild für Generationen werden“, hieß es in der Begründung.

 

BUS:

Nr. 1: Konzentration und Umklammerung.
Foto: Peter Köster

Nr. 2: Historische Aufnahme (v.l.) Marina Abramovic, Joseph Beuys, Dunja Blazevic, Direktorin des SKC Belgrad, 1974.
Foto: Peter Köster

Nr. 3: Performancekunst-Pionierin beim Signieren.
Foto: Peter Köster

Nr. 4: Original-Waschmaschine, in deren laufende Trommel Marina Abramovic ihre Hand legte.
Foto: Peter Köster

Nr. 5: Intensiver Augenkontakt Mensch/Tier.
Foto: Peter Köster