„Malerei und Bildhauerei ist die Nummer eins in meinem Leben“

Markus Lüpertz in Siegburg – „Lüpertz-Festspiele“ im KSI und Stadtmuseum

Von Peter Köster

Siegburg. Markus Lüpertz hielt Hof in Siegburg, um höchstselbst die „Lüpertz-Festspiele“, wie sie Dieter Ronte bei seiner Einführung im Stadtmuseum nannte, zu eröffnen. Ronte würdigte Lüpertz Arbeiten als „Ikonographie ohne didaktischen Zeigefinger“. Sein Werk habe herausfordernden Charakter, der Betrachter müsse es jeweils für sich selbst vollenden. Die Doppelausstellung (Stadtmuseum) und Katholisch-Soziales Institut (KSI)), sie entstand in enger Zusammenarbeit mit der Galerie Breckner, Düssseldorf, läuft noch bis zum 3. März.

Im Mittelpunkt dieser Ausstellung, steht das grafische- und skulpturale Werk von Markus Lüpertz. Dazu gehören die ikonischen Werkzyklen und Portfolios wie das „Mykenische Lächeln“ oder „Arkadien“. Es sind ausdrucksstarke Arbeiten, die aus größeren Bild- oder Figurenerfindungen einzelne Charaktere herauslösen oder die Motive als figurenreiche Szenen erscheinen lassen. Der Werkzyklus „Mykenisches Lächeln“ basiert auf der Original-Mappe „Zehn Holzschnitte zum Mykenischen Lächeln“ (1985/1986). Sie folgen einer fast gleichnamigen Serie großformatiger Gemälde.

„Toscana und Michael Engel“

Darüber hinaus feiern zwei neue, unveröffentlichte Grafikserien, „Toscana“ und „Michael Engel“, in Anlehnung an Michelangelos Sixtinische Kapelle, Premiere in Siegburg. Die grafischen und skulpturalen Arbeiten, die Stadtmuseum und KSI ausstellen, geben einen umfassenden Einblick in die handwerkliche Vielfalt sowie die mythenumwobenen Bilderzählungen des Markus Lüpertz. Über den grafischen Teil seines Oeuvres ist bisher nur sehr wenig bekannt. Dabei entstanden die ersten Blätter schon zu Beginn der 1980er Jahre und wuchsen dank intensiver Beschäftigung mit den verschiedensten Drucktechniken auf ein mittlerweile umfängliches und zum Teil autonomes Werk. Bereits die knapp 380 Nummern des Werkverzeichnisses von 1991 verzeichnen neben Kaltnadelradierugnen, Linol- und Holzschnitten auch Ätzungen, Aquatinta, Prägungen sowie Lithografien und Serigrafien und sogar den Einsatz von Bohrmaschinen.

Die Lithografie-Zyklen – darunter einige bisher unveröffentlichte Serien und ganz neue Werke – zeigen deutlich an, dass es der Künstler auch auf diesem Gebiet zu eindringlichen Bilderzählungen gebracht und er sich auch diesen Bereich der bildenden Kunst längst zu eigen gemacht hat. Neben den grafischen Arbeiten werden Skulpturen gezeigt, in denen sich Lüpertz mythologischer und historischer Figuren annimmt, darunter der griechischen Helden Odysseus und Herkules sowie der Nymphe Hora.

Der 76-jährige Markus Lüpertz zählt mit zu den renommiertesten und bekanntesten zeitgenössischen deutschen Künstlern. Neben Gerhard Richter, Sigmar Polke, Georg Baselitz und Anselm Kiefer wird Lüpertz von namhaften Kuratoren zu den „Big Five“ der deutschen zeitgenössischen Kunst gezählt. Seine monumentalen Skulpturen schmücken zahlreiche Plätze und sind in den wichtigsten Kunstsammlungen der Welt vertreten. Seit den 1960er Jahren entsteht sein spannungsvolles, umfangreiches Gesamtwerk, das sich an der Philosophie, Geschichte, Mythologie, Literatur, Musik und Kunstgeschichte der vergangenen Jahrhunderte orientiert, schlussendlich aber eine komplett neue Bildsprache entwickeln konnte.

Sich regelmäßig neu als Künstler erfinden

Diesen Markus Lüpertz live zu erleben ist ein großes Amüsement und wäre sicherlich sein Eintrittsgeld wert. Kostproben aus der Talkrunde mit Dominik Meierring, Generalvikar beim Erzbistum Köln: Da zeigte sich Lüpertz humorvoll, eloquent und bisweilen zugänglich mit einem messerscharfen Kunstverstand. Er habe schon immer Wert auf handwerkliches Können und Bildung legt. Das waren die Prinzipien, denen er sich als Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie (1986 bis 2009) verschrieben habe. „Kunst ist mehr als nur ein Studium.“ Er selbst wolle nicht als genetisches Wunder in die Geschichte eingehen, sondern als großer Künstler. Sein Credo ist, immer das Beste, das Größte und das Schönste zu schaffen.

Der Erfolg gibt ihm recht. Der 1941 in Liberec, (Reichenberg) Böhmen geborene Maler, Grafiker und Bildhauer und langjährige Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie, hat sich bisher selbst richtig eingeschätzt, denn die Genialität, die er sich zuschreibt und in der sich regelmäßig neu als Künstler erfindet, wird ihm von der Kunstkritik allenthalben attestiert. Neben viel Lob und Ehre für sein Werk, das dem Neoexpressionismus zugeordnet wird, erfährt Lüpertz wegen seiner Selbstgewissheit und Eitelkeit – Nadelstreifen-Anzug, schwarze Krawatte, Ohrring, grauer Spitzbart, dicker Klunker am Finger, Gehstock mit silbernem Totenkopf auch immer wieder Kritik – die ihn aber ernsthaft nicht wirklich anficht. Er liebt den großen Auftritt. „Man sieht in einem guten Anzug besser aus, als in einem schlechten Anzug, finde ich. Ich selbst sehe mich als einen gut gekleideten älteren Herrn,“ so Lüpertz in einem WDR-Interview. Darin spricht er sich gegen die Fürstenrolle (Malerfürst) und den Dandy aus. „Fürst kann ich nicht sein, denn ich bin an keines Menschen Hof beschäftigt. Und ein Dandy bin ich auch nicht. Denn ein Dandy arbeitet nicht. Ich arbeite.“ Im übrigen seien die Menschen von der Figur Lüpertz verstellt. „Sie sehen die Malerei nicht mehr.“ Auch zu seinem Gehstock vertritt er seine Meinung. „Den Stock habe ich seit meinem Autounfall. Das der Stock nicht aussieht wie einer von der Krankenkasse ist klar. Das entspricht nicht meiner Ästhetik“.

Ein besonderes Verhältnis pflegt der Maestro mit der Presse. Nicht immer das Beste, wie er betont. Es gebe immer wieder Auseinandersetzungen. Dann spricht er Klartext. „Die Presse wird immer schlechter. Sie schreiben den Namen falsch. Sie verwechseln die Jahreszahlen. Sie stellen falsche Vergleiche. Sie schreiben von Holzskulptur und dabei handelt es sich um eine Bronzeskulptur. Sie haben nicht einmal hingeschaut. Die Leute nehmen ihren Beruf nicht ernst genug. Das ist eine ewige Kette mangelnder Sorgfalt.“

Malertype des 19. Jahrhunderts

Und wie beurteilt er seine Künstlerkollegen? Er respektiere die Amerikaner. Sie haben großartige Künstler. Dennoch schwingt unterschwellig Kritik mit, wenn er konstatiert: „Die haben immer ein Produkt, das kann man vervielfältigen.“ Das sei in Europa nicht der Fall. Er selbst sei eine Malertype, die im 19. Jahrhundert erfunden worden sei. „Mit den Ruinen, mit den Verzweifelungen, die Kunst in ihrer Purnis zu begreifen und nicht als Produkt, das man produziert. Gleichwohl gebe es in den Staaten wundervolle Arbeiten. Ob von Warhol oder Lichtenstein. Es gebe Rauschenberg, es gebe Jesper Johns, den er sehr schätze, also diesen ganzen amerikanischen Expressionismus. Ihm selbst habe das amerikanische Informel von de Koning sehr viel gegeben.

Das klingt ja fast ein bisschen wie eine Rückschau. „Ich kann nicht zurückschauen. Ich kann mich nicht erinnern. Ich war 38 Jahre Professor und Rektor. Es ist so, als hätte dies nie stattgefunden. Ich nehme das nicht wahr. Noch mal, ich kann mich nicht erinnern, was ich da eigentlich gemacht habe. Mein Leben ist völlig ausgefüllt. Es ist kein Vakuum entstanden. Ich bin verblüfft. Als hätte dies alles nicht stattgefunden. Bis auf seine „Malerei und Bildhauerei“ die nach wie vor die Nummer eins in seinem Leben sind.

In Siegburg präsentierte sich dieser Maler und Bildhauer Markus Lüpertz zudem als Universalkünstler. Im KSI griff Markus Lüpertz kraftvoll in die Tasten seines Flügels und begleitete die Formation „TTT“, gemeinsam mit ihm bestehend aus Manfred Schoof (Trompete) und Gerd Dudek (Saxofon)
mit denen mit der zusammen seit längerem Free Jazz zelebriert. Im Stadtmuseum wählte er stattdessen die leisen Töne, als er Texte und Essays rezipierte.

 

Bus:

Bild 1 – Unvollendete Skulptur des Bildhauers Markus Lüpertz.
Foto: Peter Köster

Bild 2 – Lithografie-Zyklus des Grafikers und Malers Markus Lüpertz.
Foto: Peter Köster

Bild 3,4 – Diese Blätter gehören zu einer Edition, die das Stadtmuseum herausgibt.
Foto: Peter Köster