Kunstmuseum Bonn zeigt Hans Hartungs Spätwerk

Von Peter Köster

Bonn/Antibes. In den 40er und 50er Jahren ein Weltstar, dann für einige Zeit von der Bildfläche verschwunden, erlebt Hans Hartung in Bonn so eine Art Wiedergeburt. Einen umfassenden Einblick in sein expressives Werk der Jahre 1962 bis 1989 bietet das Kunstmuseum von Donnerstag, 24. Mai bis Sonntag, 19. August in der Ausstellung „Hans Hartung. Malerei als Experiment“ in Kooperation mit der Fondation Hans Hartung et Anna-Eva Bergman, Antibes.

Richtiger Ort für das Projekt

Das Kunstmuseum präsentiert die größte bisher in Deutschland gezeigte Malereiausstellung Hans Hartungs seit mehr als 30 Jahren. Darunter befinden sich bisher selten gezeigte Großgemälde. Der Fokus der über 40 gezeigten Arbeiten liegt dabei auf dem Spätwerk. Ob in Acryl oder Vinyllack auf Leinwand, in seinen abstrakten Kompositionen strahlen dem Betrachter gelbe, markant gesetzte Linien oder auch schwarze, teiltransparente Balken entgegen. Es sind die Linien, die das Werk des viel geehrten Künstlers (1960 wurde er auf der Biennale in Venedig mit dem Großen Internationalen Preis der Malerei ausgezeichnet – zudem nahm er drei mal an der Documenta in Kassel teil) wie ein roter Faden durchziehen. Die Arbeiten der aktuellen Ausstellung gehören zum Kernbestand der Fondation Hans Hartung et Anna-Eva Bergman aus Antibes. In seinem von ihm dort entworfenen Haus mit Atelier und Pool, wo er bis zu seinem Tod 1989 arbeitete, hat Hartung allein 16.000 Arbeiten hinterlassen. Heute kann man sie dort, in der Stiftung Hartung-Bergman, besichtigen. Dem Reichtum dieses Archivs, das dem Wunsch der beiden Künstler entsprechend eingerichtet wurde, ist die umfassende Darstellung des Schaffens Hans Hartungs zu verdanken, konstatiert Elsa Hougue (Fondation Hartung-Bergman) und bescheinigt dem Kunstmuseum: „Das ist der richtige Ort für das Projekt.“

Zeitweise selbst Picasso überstrahlt

Hans Hartung (1904-1989) gehört zu den herausragenden Malerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1904 in Leipzig geboren, stu¬dierte an den Kunst¬aka¬demien in Leipzig und Dresden und sie-delte 1935 nach Frank¬reich über. Er wohnte dann in Paris, wo er sein Studium fortsetzte. Hier lebte er inmitten der künstlerischen Avantgarde seiner Zeit. Nach dem Krieg wurde er schnell einer der gefeierten Protagonisten der „École de Paris“, deren informelle Bildsprache für die Malerei der späten 1940er- und 1950er-Jahre kennzeichnend war und deren Erfolg zeitweise selbst den des Jahrhundertgenies Picasso überstrahlte. Hartungs Beitrag zum Informel, eigentlich „Tachismus, la tache“ (Farbfleck) wie Kurator Christoph Schreier bemerkt, „war eine Malerei der kalkuliert-expressiven Gestik“. Sie wurde zu einer Art Markenzeichen des Künstlers und prägte in der Folge sein Bild in der Kunstgeschichte. Der deutsch-französische Maler und Graphiker zählte zu den bedeutendsten Vertretern der gegenstandslosen Malerei und des europäischen Informel. Schon früh stieß Hans Hartung unter dem Einfluss von Wassily Kandinsky und Paul Klee zum abstrakten Stil. In seiner Auffassung legte er der Kunst eine eigene Realität bei. Damit verbunden war die strikte Vermeidung der Abbildung von Wirklichkeit im Kunstwerk. Schnell wie ein Blitz sehen Hartungs Striche und Linienbündel immer aus, wie mit einer einzigen Handbewegung impulsiv gemalt. Trotzdem kann seine anscheinend unbewusste Geste viel ausdrücken: Manche Arbeiten strahlen Ruhe aus, andere Schwermut, heftige Dynamik, Ordnung und Unordnung, Wut. „Meine Malerei wird von der Wirklichkeit geformt, sie reagiert auf Erschütterungen, die von außen und von innen kommen“, schrieb Hartung. Seine Art zu malen sei „einfach ein neues Ausdrucksmittel, eine andere menschliche Sprache – und zwar direkter als die frühere Malerei“.

Spurensicherung kosmischer Energien

Wie ist eine Malerei zu verstehen, die unter den paradoxen Vorgaben von Spontaneität und Kalkül entsteht? Hans Hartung hat lange vorgegeben, dass seine gestischen Bilder in direkter Aktion auf der Leinwand als unmittelbarer Ausdruck von Emotionen entstanden seien. In Wirklichkeit hat der Künstler bis 1960 seine Gemälde durch Zeichnungen altmeisterlich exakt vorbereitet. Hartungs Bilder beschreiben keine psychischen Extremsituationen. Er entwickelt eine Methode, ein Muster, um das Bild zu organisieren. Erst wird ein fast monochromer, gelegentlich mit Farbflecken aufgelockerter Grund hergestellt, vor dem sich die einzelnen oder gebündelten, bald heftig, bald leise agierenden Linien zur Geltung bringen. Man kann die Bilder psychologisch, als Aufzeichnung seelischer Zustände, man kann sie auch als Spurensicherung kosmischer Energien deuten. Die Titel der Bilder lassen keine Rückschlüsse zu auf die Intentionen des Künstlers. Sie lauten „T (gleich Tableau) 1955 – 17“ (Entstehungsjahr und laufende Bildnummer). Möglicherweise hat gerade die Vieldeutigkeit der Bilder, ihre rätselhafte Inhaltlichkeit zu ihrem unglaublichen Erfolg in den fünfziger und sechziger Jahren beigetragen. Hartung lieferte genau die Art von abstrakter Kunst, die dem Publikum halbwegs einleuchtete, auf die es sich einen Reim machen, die es sogar in die eigenen vier Wände hängen konnte.

Farbe auf Leinwände geschleudert

Wirklich kühn und avantgardistisch wird sein Schaffen in den 1960er-Jahren, in denen sein Stern auf dem Kunstmarkt im Zeichen der Pop-Art und des frühen Minimalismus allmählich zu sinken begann. 1973 zieht sich Hartung in das südfranzösische Antibes zurück, wo sein hoch experimentelles Spätwerk entsteht. Zunehmend löst er sich von den präzisen Entwurfszeichnungen, die bis dato Vorgabe und gestalterische Leitlinie für seine Gemälde waren. Mit Hilfe von selbstgebauten oder konstruktiv modifizierten Gerätschaften wie Spritzpistolen, Reisigbesen, Gummipeitschen, wirft und schleudert Hartung die Farbe nun auf die zunehmend größer werdenden Leinwände und das in einem so eng getakteten Produktionsrhythmus, dass er oft gar nicht mehr zum Signieren seiner Gemälde kam. Auf diese Weise entstand innerhalb von zweieinhalb Jahrzehnten das furiose Finale für ein reiches, in manchem noch unentdecktes und unerforschtes Künstlerleben.

 

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„T1989-R17“ (1989). Die letzte Arbeit, die der Künstler vor seinem Tode 1989 fertigstellte.
Foto: Peter Köster

„T1973-R15“ (1973).
Foto: Peter Köster

„T1985-H41“ (1985).
Foto: Peter Köster

Das einzige Werk aus der Sammlung Kunstmuseum.
Foto: Peter Köster