Kunstmuseum Bonn zeigt bis 13. Januar 2019 Flaneure in der Kunst

Von Peter Köster

Bonn/Paris. Was haben die heutigen Pokemon-Go-Spieler mit dem französischen Dichter Baudelaire aus dem 19. Jahrhundert gemeinsam? Sie verkörpern beide die Vorstellung des Flaneurs. Der Flaneur erweckt in seiner traditionellen Form das Bild eines Gentleman, der mit einer Zigarre und vielleicht auch einem Gehstock durch eine Stadt spaziert und dabei über philosophische Fragen sinniert. Auf die Suche nach dem Sujet des „Flanierens“ begibt sich das Kunstmuseum Bonn in der aktuellen Ausstellung „Der Flaneur. Vom Impressionismus bis zur Gegenwart“, die bis zum 13. Januar 2019 zu sehen ist.

Ausgeleuchtet in allen Facetten

Das zunächst literarisch angelegte Motiv des Flaneurs – das Wort stammt vom französischen Substantiv Flâneur und bedeutet Spaziergänger, Faulenzer, Schlenderer oder Nichtstuer, Müßiggänger, Tagedieb, Erkunder der Stadt, Genießer der Straße, beschäftigt Maler wie Vincent van Gogh, Lyonel Feininger, Camille Pissarro und den amerikanischen Fotografen Garry Winogrand. Aber auch deutsche Künstlerinnen und Künstler wie August Macke, Max Liebermann, Ernst Ludwig Kirchner, Corinne Wasmuht und George Grosz beschäftigten sich mit dem Sujet. Die Ausstellung, kuratiert von Volker Adolphs und Stephan Berg, (Vorbereitungszeit cirka zwei Jahre) folgt dem Weg des Flaneurs durch einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren, vom Ende des 19. Jahrhunderts bis ins 21. Jahrhundert. 160 Werke von 68 Künstlern schlagen einen Bogen vom Impressionismus bis zur Gegenwart, vom ausgelassenen Treiben auf dem Pariser Boulevard (Adolph von Menzel) bis zur virtuellen Städteerkundung per „Google View“ (Johanna Steindorf). Das Phänomen wird in allen erdenklichen Facetten ausgeleuchtet. Die absolut sehenswerte Schau verfolgt ihr Thema nicht nur aus einer historischen Perspektive, sondern entwickelt es mit zahlreichen Beispielen bis in die Gegenwart.

Paris und Berlin als Terrain des Flaneurs

Impressionismus, Expressionismus und Neue Sachlichkeit zeigen Paris und Berlin als das erste Terrain des Flaneurs. Seit den 1930er Jahren ist die Fotografie ebenfalls ein zentrales Medium der Erfahrung des Urbanen. In der Gegenwart nutzen Künstler – neben Malerei und Fotografie – Performance, Film und Audiowalk, um die dynamischen Strukturen der Stadt zu erfahren und zu bestimmen. Gemälde fangen das Spontane, die Geste, Lichtreflexe, Bewegungen schnappschussartig ein, Kompositionen von Jean Béraud, Louis Anquetin und Gustave Dennery nehmen quasi vorweg, was Fotokünstler wie Brassaï, Alfred Sieglitz, Otto Steinert und viele andere im 20. Jahrhundert in ihren atmosphärischen Bildern zeigen.

In sechs Kapitel aufgeteilt

Die spannende Welt der Flaneure ist in sechs Kapitel aufgeteilt. Die Metropolen sind in erster Linie Paris, wo es auch August Macke 1907 hinzog, und Berlin, wo der Expressionist Ernst-Ludwig Kirchner seine unvergesslichen Straßenszenen malte. Doch man lernt auch andere Positionen kennen. Beate Streuli zeigt ein fesselndes Foto- und Videopanorama von Istanbul. Die junge Candida Höfer entdeckte 1968 Liverpool für sich und schuf eine wunderbare Fotoserie. Sogar Bonn war einmal ein Pflaster für Flaneure: August Macke hat sich von seinem Atelier aus auf die Lauer gelegt, Peter Piller unternahm als Künstler-Flaneur 2006 eine gut dokumentierte „Peripheriewanderung“ rund um Bonn. Übrigens: Piller ist gerade aktuell zu sehen u.a. mit seinen Linolschnitten im Museum Morsbroich Leverkusen.

Aber natürlich ist Paris die Nummer eins des Flaneurs. Camille Pissarros Blick auf den überfüllten Boulevard Montmartre am Mardi Gras oder Auguste Chabauds Pariser Nachtimpression vom Gare du Nord lassen nachvollziehen, warum die Seine-Metropole zum Mekka der Flaneure wurde. Berlin erscheint in der Schau als Gegenmetropole: härter, widersprüchlicher. Zwar malte Lovis Corinth mit der lockeren Hand eines späten Impressionisten den Boulevard Unter den Linden, doch Kirchners Kokotten, die Fratzen von George Grosz, sowie Karl-Horst Hödickes apokalyptische Szenerie rund um den Bahnhof Zoo zeigen die Kehrseite der Idylle.

Figur gerade heute aktueller denn je

„Der Raum blinzelt den Flaneur an: Nun, was mag sich in mir wohl zugetragen haben?“ – so schrieb der Kunstkritiker Walter Benjamin. Der Gedanke lässt sich in die Zukunft ausdehnen. Der Flaneur sieht ein Nagelstudio und denkt sich: Hier wird morgen vielleicht ein Doppelmord geplant. Dann wendet sich sein Blick zu einem Taxistand, an dem übermorgen die große Liebe beginnt. Er erblickt einen Bäckerladen, in dem eines Tages der Messias erscheinen wird. Und nein, das ist keine Flucht vor der Realität. In diesen Fantasien werden Eigenschaften des Raums ausprobiert. „Der Flaneur ist Maler, Komponist und Filmemacher, er ist Autor und Publikum zugleich“, sagt Kurator Volker Adolphs. Mit der zunehmenden Beschleunigung unseres Alltags entsteht der Wunsch nach Müßiggang und Zeit zur Reflexion. Vor diesem Hintergrund ist gerade heute die Figur des Flaneurs aktueller denn je.

„Gentleman und Müßiggänger“

Baudelaire charakterisierte den Flaneur als „Gentleman und Müßiggänger.“ „Dem Flaneur kommt eine Schlüsselrolle zu, um Städte zu verstehen in den Straßen der Stadt“ und einen „Mann der Menschenmengen.“ Benjamin prägte außerdem den Begriff des städtischen Beobachters – sowohl als Analysewerkzeug als auch als Lebensstil. Gar nicht so weit entfernt vom Anblick der heutigen Pokemon-Go-Jäger, die ständig auf dem Bürgersteig stehenbleiben und wieder losgehen. Zahlreiche internationale und nationale Museen und Privatsammlungen (u.a. Musée d´Orsay, Paris; Tate, London; Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid) unterstützen die Ausstellung mit wichtigen Leihgaben. Die Ausstellung wird gefördert von der Kulturstiftung des Bundes und der Hans Fries-Stiftung, Köln.

 

BUS:

1. Die beiden Metropolen des Flaneurs: Links Berlin, rechts Paris.
Foto: Peter Köster

2. Corinne Wasmuht. Öl auf Holz, 243 x 142 cm (Zweiteilig), Y. König.
Foto: Peter Köster

3. Lyonel Feininger, Dame in Mauve, 1922 Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm. Museo Thyssen Bornemisza, Madrid. VG Bild Kunst, Bonn 2018.
Foto: Peter Köster