Kunstmuseum Bonn zeigt den Kosmos von Thomas Scheibitz

Von Peter Köster

Bonn/Berlin. Thomas Scheibitz hatte seine bisher umfangreichste Ausstellung 2001 im Stedelijk Museum in Amsterdam. 2002 begann seine bildhauerische Arbeit als folgerichtige Erweiterung seines malerischen Œuvres um die dritte Dimension. 2005 folgte sein Auftritt im deutschen Pavillon auf der Biennale Venedig. Heute gehört der 1968 in Radeberg geborene Künstler zu den international beachteten, diskursprägenden Positionen seiner Generation. Dem in Berlin lebenden Berliner Maler, der künftig an der Kunstakademie in Düsseldorf in der Nachfolge von Katharina Grosse lehrt (sie legt ihre Professur nach acht Jahren nieder), widmet nun das Kunstmuseum in Bonn bis zum 29. April eine große Schau. Titel: „Masterplan/kino“.

Figuration und Abstraktion

Im Zentrum seiner Arbeiten steht die Frage nach einem neuen Verhältnis zwischen Figuration und Abstraktion. Ein großes Bildarchiv, aus dem Thomas Scheibitz unterschiedliches Bildmaterial nach dem Kriterium formaler und assoziativer Ähnlichkeit kombiniert, dient als Grundlage für Skulpturen und Gemälde. In diesem Prozess wird die direkt lesbare Gegenständlichkeit vom Künstler solange verknappt, reduziert und umformuliert, bis sie den Charakter einer weder mimetischen noch zeichenhaften Abstraktion erhält, in denen jedes verwendete Element den Charakter eines für sich selbst stehenden „Stellvertreters“ erlangt. Scheibnitz bewegt sich, wie er selbst behauptet, „am Rande einer Erfindung. Ich komme zu keinem Ende“.

Mt rund 70 Arbeiten ist Bonn eine der umfangreichsten Ausstellungen, die der Künstler in den letzten zehn Jahren entwickelt hat. Mehr als die Hälfte aller gezeigten Werke sind neu für die Schau im Kunstmuseum entstanden. Ein überaus gelungener Parcours, an dessen Ende der Nachbau seines Ateliers steht, wartet auf das Ausstellungspublikum. In den farblich neu gestalteten Räumen des Museums kommen die Werke von Thomas Scheibitz besonders zur Geltung. Ergänzt wird das aktuelle Konvolut durch ausgewählte Arbeiten aus den Jahren 1995–2016, die paradigmatisch die Entwicklungslinien, Kontinuitäten, aber auch Neuansätze dieses Œuvres sichtbar machen.

Arbeit im Schwebezustand

Scheibitz Werk bewegt sich zwischen Malerei und Skulptur. Die Motive stammen aus den verschiedensten Bereichen visueller Kultur, Architektur und Natur, klassisches Bildnis wie Comic, dienen als Inspirationsquellen. Die entlehnten Formen werden allerdings nicht zitathaft verwendet, sondern ihren ursprünglichen Kontexten und Bedeutungen enthoben und in den Grenzbereich zwischen Figuration und Abstraktion verlagert. So versetzt Thomas Scheibitz das vermeintlich Bekannte in der künstlerischen Arbeit in einen Schwebezustand. Scheibitz durchdringt traditionelle Genres von Landschaft, Stillleben und Porträt mit Abstraktion, Malerei mit einfallsreicher Farbe, seichter Tiefe und spielerischer Perspektive. Er bezieht Bilder aus einer Reihe von Quellen, von Renaissance-Gemälden bis zu zeitgenössischen Cartoons, Massenmedien und Grafikdesign. Mit einer Digitalkamera und einem kleinen Skizzenbuch verwandelt der Künstler die Bilder in ein System aus dynamischer Geometrie und Symbolen, das er zur Grundlage für Gemälde und Skulpturen macht.

Gemälde basieren auf geometrischen Figuren

Der in Berlin lebende Künstler studierte an der Hochschule für bildende Künste in Dresden. Mit seinen Skulpturen und Gemälden, die vielfach auf einfachen, geometrischen Figuren basieren, erlangte er schnell internationale Aufmerksamkeit. In seiner Malerei, die „eingebettet ist in ein Koordinatensystem“, wie es der Intendant des Kunstmuseums, Stephan Berg, auf der Pressekonferenz formulierte, geht der Künstler der Frage nach, wie die klassischen Gattungen Stillleben, Porträt und Landschaft einer Aktualisierung unterzogen werden können. Dem Vokabular seiner Formensprache liegt eine fotografische Recherche zugrunde, die sich in der montagehaften Verbindung einzelner malerischer Fragmente auf dem Bildträger niederschlägt. In ihrer Zusammensetzung mit Alltagsmotiven ergibt sich eine geschlossene Struktur, die zwischen Figuration und Abstraktion oszilliert. So gibt Scheibitz bezüglich seiner Fotografien zu Protokoll: „Die Momentaufnahmen und die Speicherung der ‚Common Objects’ sowie das wiederholte Ansehen der Aufnahmen legen die Anlässe frei, die Skizze und Zeichnung als Vorstufen für Bilder und Skulpturen nicht leisten können. Wichtig erscheint mir, dass die Fotografien dabei zur Nachfolge, weniger zur Nachahmung einladen.”

„Texte zur Kunst“

Für „Texte zur Kunst“ hat Thomas Scheibitz dieser Methode folgend einen Fünffarbdruck entworfen, der auf eine seiner Collagen zurückgeht. In dem mit „Masterplan“ betitelten Bild durchdringen sich methodische Sondierung und freie Imagination, denn die Farbzusammenstellung der Fotografien und Drucke erinnert an die prägnante malerische Palette des Künstlers. „Masterplan“ vereint divergierende Motive, die offenbar um formale Kriterien wie Struktur und Oberfläche kreisen, zu einem heterogenen Bild, welches wie eine spontane Gedankenskizze auf der linierten Seite eines Schreibblocks festgehalten wurden. Auf diese Weise wird die Edition von Thomas Scheibitz zu einem Sinnbild für den künstlerisch-kreativen Prozess selbst. Seine Bilder zeigen geometrische Schichtungen, splitternde Formen in einer Farbigkeit, die gern unterkühlt genannt wird. Die Relevanz des Werks verdankt sich der systematischen Konsequenz, mit der er die von ihm verwendeten Medien in Bezug auf ihre Spezifik, Leistungsfähigkeit und Herausforderungen befragt. In einem langen Prozess „ambivalenter Justierung zwischen Anschauung, Erinnerung und Erfindung“ (Scheibitz) erscheinen Bild und skulpturaler Körper als Kippfiguren zwischen autonomer Setzung und gerade noch herstellbarem Welt- und Wirklichkeitsbezug.

Zu der Präsentation, die in Zusammenarbeit mit dem Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen erarbeitet wurde (18. Mai –12. August), erscheint ein umfangreicher, vom Künstler selbst gestalteter Katalog mit rund 100 Abbildungen sowie Texten von Stephan Berg, Dominikus Müller und René Zechlin.

 

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Bild 1: Thomas Scheibitz (links) und Stephan Berg „beziehen Stellung vor Scheibitz Atelier.“  
Foto: Peter Köster

Bild 2: Blick in den Kosmos von Thomas Scheibitz.
Foto: Peter Köster

Bild 3: Diese „Dunkle Landschaft“ von 1995 ist das älteste Werk in der Ausstellung. Der Künstler malte das Bild noch als Student.
Foto: Peter Köster

Bild 4: Auch diese Plastik (Scheibitz-Kanne) ist Teil der Schau.
Foto: Peter Köster