Kunstmuseum Bonn präsentiert Ausstellungsprogramm 2018

Von Peter Köster

Bonn. Von Hans Hartung, Thomas Scheibitz, über Heidi Specker, Matthias Wollgast, Ulla von Brandenburg, Frauke Danert, Christine & Irene Hohenbüchler, bis hin zur jungen Kunst aus Dänemark und  dem „Flaneur vom Impressionismus,“ spannt sich der Ausstellungsbogen 2018 im Kunstmuseum Bonn.

Von ganz besonderem Interesse dürfte dabei sicherlich die Ausstellung von Hans Hartung sein, die das Bonner Haus vom 24. Mai bis zum 19. August zeigt. Titel: „Hans Hartung Malerei als Experiment – Werke von 1962-1989.“ Hartung (1904-1989) gehört zu den herausragenden Malerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. In Leipzig geboren, verließ er Deutschland früh, um in Spanien und Frankreich zu leben. Als überzeugter Antifaschist nahm er auf französischer Seite am 2. Weltkrieg teil, den er schwer verwundet überlebte.

Protagonist der École de Paris‘

Nach dem Krieg wurde er schnell einer der gefeierten Protagonisten der ‚École de Paris‘, deren informelle Bildsprache die Malerei der späten 1940er- und 1950er-Jahre prägte. Hartungs Beitrag zum Informel war eine Malerei der expressiven Gestik. Sie wurde zu einer Art Markenzeichen des Künstlers und prägte in der Folge sein Bild in der Kunstgeschichte. Wirklich kühn und avantgardistisch wird sein Schaffen aber erst in den 1960er-Jahren, in denen sein Stern auf dem Kunstmarkt zu sinken begann. 1973 zieht sich Hartung nach Antibes (Côte d’Azur Südfrankreich) zurück, wo sein hoch experimentelles Spätwerk entsteht. Hartung löst sich von den präzisen Entwurfszeichnungen, die bis dato die gestalterische Leitlinie für seine Gemälde waren. Mit Hilfe von selbstgebauten oder konstruktiv modifizierten Geräten wie Spritzpistolen, Reisigbesen oder Gummipeitschen wirft und schleudert Hartung die Farbe nun auf die zunehmend größer werdenden Leinwände. Auf diese Weise entstand das furiose Finale für ein reiches, in manchem noch unerforschtes Künstlerleben. Das Kunstmuseum Bonn präsentiert mit über 40 Gemälden die größte Malereiausstellung Hartungs seit mehr als 30 Jahren, die sich exklusiv auf das Spätwerk, die Jahre von 1962 bis 1989, konzentriert. In Kooperation mit der Fondation Hans Hartung et Anna-Eva Bergman, Antibes.

„Masterplan/Kino“ mit Thomas Scheibitz

Bereits am 1. Februar startet der „Masterplan/Kino“ mit Thomas Scheibitz. Der Künstler, der bis zum 29. April gezeigt wird, bewegt sich zwischen den Polen Malerei und Skulptur. Seit seinem ersten großen internationalen Auftritt im deutschen Pavillon auf der Biennale Venedig 2005 hat Scheibitz stetig an Aufmerksamkeit und Bedeutung gewonnen. Heute gehört der 1968 in Radeberg geborene Künstler zu den international wichtigen Positionen seiner Generation. Im Zentrum sowohl des malerischen wie auch des objektbezogenen Werks steht die Frage nach einem neuen Verhältnis zwischen Figuration und Abstraktion. Ein großes Bildarchiv, aus dem Scheibitz, in geistiger Verwandtschaft zu Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas, unterschiedlichstes Bildmaterial kombiniert, dient als Grundlage für Skulpturen und Gemälde, in denen der Künstler direkt lesbare Gegenständlichkeit solange reduziert und umformuliert, bis die Arbeiten zu Kippfiguren zwischen autonomer Setzung und gerade noch herstellbarem Welt- und Wirklichkeitsbezug werden. Mit rund siebzig Arbeiten ist dies eine der umfangreichsten Ausstellungen, die der Künstler in den letzten zehn Jahren entwickelt hat, wobei mehr als die Hälfte aller gezeigten Werke neu für die Ausstellung in Bonn entstanden ist. Gefördert durch die Stiftung Kunst der Sparkasse in Bonn.

Bekanntheit durch Speckergruppen erlangt

Mit den Speckergruppen (1995/96) und anderen Werkreihen, die Betonbauten in den Mittelpunkt stellten, wurde sie bekannt. Nun widmet das Kunstmuseum   Heidi Specker (geboren 1962 in Damme, lebt und arbeitet in Berlin) eine Einzelausstellung. (Dauer: 22. Februar bis zum 27. Mai). Neben der Architektur gehört die Digitalfotografie zu ihrem künstlerischen Arbeitsfeld. Beinahe all ihren Werken ist gemeinsam, dass sie einer künstlerisch-visuellen Untersuchung historischer Werke und Gegebenheiten dienen, indem sie mit dem Blick der Kamera deren Strukturen erforschen. Dabei sind Heidi Speckers Bilder auch immer eine Reflexion des Mediums, in dem sie arbeitet, und seiner Rezeption.

Aus einer Zusammenstellung von acht Werkgruppen hat die Künstlerin eine lichte Ausstellung entworfen, in der die verschiedenen Werkgruppen miteinander verschränkt werden. Die BetrachterInnen sind eingeladen, auf eigenen Wegen den motivischen, formalen oder auch intuitiven Linien in Speckers Werk zu folgen. So wie ihre Fotografie auch immer die Reflexion über Fotografie beinhaltet, so wird die Bonner Ausstellung auch die Reflexion über das Ausstellen von Fotografie sichtbar machen. Heidi Specker lehrt an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Ihre Projekte wurden in zahlreichen Einzelausstellungen präsentiert, beispielsweise im Sprengel Museum (Hannover) 2005, der Pinakothek der Moderne (München) 2015 und der Berlinischen Galerie 2016. Die Ausstellung im Kunstmuseum Bonn ist die erste Überblicksschau zum Werk von Heidi Specker und wird wichtige Werkgruppen der letzten 20 Jahre vereinen.

Bonner Kunstpreis für Matthias Wollgast

Der Bonner Kunstpreis wurde 2009 neu konzipiert und ist seitdem an ein drei- bzw. sechsmonatiges internationales Atelierstipendium gekoppelt. Er wird im Rahmen einer Ausstellung und einem begleitenden Katalog alle zwei Jahre vergeben und ist mit 10.000 Euro dotiert. 2017 wurde der Preis zum fünften Mal nach der Neukonzeption in Kooperation mit der in Bonn ansässigen IVG-Stiftung ausgeschrieben. Die Jury für den diesjährigen Kunstpreis kürte aus 31 Bewerbungen als Preisträger Matthias Wollgast (1981geboren in Bonn, lebt und arbeitet in Düsseldorf).

Wollgasts intensive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Darstellungsformaten und das stete Hinterfragen von Vergangenheitskonstruktionen haben die Jury ebenso überzeugt wie seine kluge Einbeziehung der jeweiligen Ausstellungsbedingungen. Wollgast arbeitet mit Malerei, Zeichnung und kameraloser Fotografie sowie konzeptuell. Zentral für sein Schaffen ist die Annahme, dass Kunst von ihrem Kontext abhängig und damit einer fortlaufenden Umdeutung unterworfen ist. Wollgasts Projektvorhaben in London umfasst das „Making of“ eines Films. Fotografien, Film-Stills, Interviews, Zitate und reproduzierte Gemälde erzählen seine Entstehungsgeschichte und werden im Rahmen einer Einzelausstellung und als Publikation vom 19. April bis zum 24. Juni zu sehen sein.

Junge Kunst aus Dänemark

Zum 18. Mal präsentiert das Kunstmuseum Bonn die Teilnehmenden des neukonzipierten und im zweijährigen Turnus stattfindenden Dorothea von Stetten-Kunstpreises, der nach Tschechien und den Niederlanden nun junge Kunst aus Dänemark in den Blick nimmt. Wie in der Vergangenheit auch, richtet sich der Preis an Künstlerinnen und Künstler, die das 36. Lebensjahr noch nicht vollendet haben und noch keinen internationalen Bekanntheitsgrad besitzen.

Von dänischen Kunstexperten wurden neun Künstlerinnen und Künstler nominiert, die ihr Werk einer Jury, bestehend aus Johan Holten (Intendant der Kunsthalle Baden-Baden), Doris Krystof (Kuratorin der Kunstsammlung NRW), Jutta Mattern (Kuratorin am Arp Museum), Hans-Gerd Riemer (Bonner Sammler) und Dan Walwin (Teilnehmer des Dorothea von Stetten-Kunstpreises 2016) präsentierten. Die drei Finalistinnen und Finalisten, die aus der Jurysitzung hervorgingen, sind Masar Sohail, Amalie Smith und Amitai Romm. In einer Gruppenausstellung, die vom 21. Juni bis 30. September läuft, werden ihre Werke gezeigt und dem Gewinner oder der Gewinnerin wird der mit 10.000 Euro dotierte Preis überreicht.

Der Flaneur ist das Auge der Stadt

„Der Flaneur ist das Auge der Stadt, das auf die Stadt schaut und durch das die Stadt auf sich schaut.“ Die Ausstellung mit dem Titel: Das Auge der Stadt – Der Flaneur vom Impressionismus bis zur Gegenwart“ stellt den ersten umfassend angelegten Versuch dar, das literarisch entwickelte Phänomen des Flaneurs für den Bereich der Bildenden Kunst fruchtbar zu machen. Die Figur des Flaneurs und die Entwicklung der urbanen Metropolen sind eng miteinander verschränkt.

Das fließende, schweifende und immer auch distanzierte Sehen des Flaneurs, der ziellos über Straßen und Plätze streift und Eindrücke sammelt, kann nicht nur für das 19. Jahrhundert, sondern gerade auch für unsere heutige komplexe, urban geprägte Wirklichkeit als adäquate und ästhetisch produktive Wahrnehmungsform begriffen werden. Entsprechend verfolgt die Schau ihr Thema nicht nur aus einer historischen Perspektive, sondern entwickelt es mit zahlreichen Beispielen bis in die Gegenwart. Werke von Vincent van Gogh und Camille Pissarro, von August Macke, Ernst Ludwig Kirchner und George Grosz zeigen Paris und Berlin als das erste Terrain des Flaneurs. Seit dem frühen 20. Jahrhundert wird auch die Fotografie zu einem zentralen Medium der Erfahrung der Stadt. In der Gegenwart nutzen Künstler neben den Möglichkeiten der Malerei Film und Audiowalk, um verdichtete und zugleich ephemere Räume der Collage und der Passage zu erzeugen. Ausstellungsdauer: 20.September bis 13. Januar 2019.

Ausgezeichnet #3 Stipendiaten

„Ausgezeichnet“ ist ein gemeinsam mit der Stiftung Kunstfonds konzipiertes Ausstellungsformat. Fünf Jahre lang bespielen jeweils im Herbst ehemalige Stipendiatinnen und Stipendiaten des Kunstfonds einen Raum in der Sammlung im Kunstmuseum Bonn. Den Auftakt bildeten 2016 Mischa Leinkauf und Matthias Wermke, die per Foto und Video ihre Aktionskunst dokumentierten.

2017 reflektierte die Fotografin Viktoria Binschtok im zweiten Teil der Ausstellungsreihe das Medium Fotografie und 2018 wird die Künstlerin Frauke Dannert ihre installativen Arbeiten zeigen. Dauer der Ausstellung vom 18. Oktober bis 9. Dezember.

Frauke Dannerts zentrales Medium ist die Collage. In ihren Installationen aus Projektionen, Wand- und Bodenarbeiten überführt sie fotografische Fragmente in einen erlebbaren Raum. In ihren komplexen Collagen aus Papier greift sie auf Alltagsmaterialien zurück. Ihre Werke wurden unter anderem im Museum MARTa Herford (2013), dem Pori Art Museum Finnland (2014) und den Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum (2014) gezeigt. Das Märkische Museum Witten richtete ihr 2014 und das Museum Kunstpalast Düsseldorf 2016 eine Einzelausstellung aus, ebenso im selben Jahr das Kunstmuseum Luzern. 2015 waren ihre Werke im Sprengel Museum Hannover zu sehen.

Commedia dell’arte

Jahresübergreifend läuft die Ausstellung „Ulla von Brandenburg.“ Sie wird vom 1. November bis zum 24. Februar 2019 gezeigt. Die motivische Verdichtung im Werk Ulla von Brandenburgs, die sich aus der Formsprache von Folklore,Theater und Zirkus speist, korrespondiert mit einer außergewöhnlich hohen medialen Vielfalt. Malerei, Scherenschnitt, Aquarell, Film und raumgreifende Installationen werden miteinander verzahnt und werden zu Bühnen eines anderen Selbst. Trotz des ephemeren Charakters der Werke, die wie ein Zirkuszelt nur für die Dauer der Präsentation arrangiert werden, lässt sich eine Faszination der Künstlerin für die erstarrte Geste nicht leugnen.

Das Tableau Vivant, das lebende Bild, kam Ende des 18. Jahrhunderts in Europa in Mode und stellte bekannte Kunstwerke mit lebenden Menschen nach. Für wenige Minuten entfaltet sich in der angehaltenen Bewegung der eigentliche theatrale Effekt der Szenerie. Ulla von Brandenburg geht es allerdings weniger um die Übernahme konkreter Inhalte oder Vorbilder aus der Kunstgeschichte als vielmehr um die rein formale Inszenierung. Assoziativ greift sie auf Motive zurück, die an Hypnose, Tarot und die Commedia dell’arte erinnern, um die Grenze zwischen Schein und Sein, Bühne und Zuschauerraum aufzulösen. Sie gewährt uns einen Blick hinter die Kulissen des Lebens, ohne die Faszination des eigenen Spiels zu zerstören.

Ein Raum als Netzwerk vieler Räume

Die Künstlerinnen Christine und Irene Hohenbüchler (geb. 1964 in Wien) sind bekannt für ihre Installationen, die das Publikum im Sinne einer multiplen Autorenschaft miteinbeziehen. Interessiert an sozialen Prozessen und Handlungsräumen, fordern sie die Ausstellungsgäste zu künstlerischen Aktionen heraus. Eigenmächtige Eingriffe sind erwünscht. Im Ausstellungsraum befindet sich das Material für die Räume im Raum: Stäbe aus Holz, Flügelschrauben, mobile Tafeln und Zeichenkreide. Die Arbeit von Christine und Irene Hohenbüchler ist noch nicht fertig, sie muss von den Museumsgästen noch entworfen, gezeichnet, aufgebaut und verändert werden. In Workshops planen und gestalten Kinder und Jugendliche gemäß ihren Wünschen variable Räume. Daneben bietet die Ausstellung (Dauer: vom 6. Mai bis zum 26. August) Besucherinnen und Besuchern jederzeit die Möglichkeit, Räume zu errichten, zu verändern und zu bewohnen. Im Laufe der Ausstellungszeit entstehen Konstruktionen, Architekturen, Räume, Häuser, Wohnstätten und Spielorte. Ein Raum wird zu einem Netzwerk vieler Räume. Und dies mitten im Museum.

 

BUS:

Bild 1 – The Shared Oasis of the Gift Shop, 2014, Installation (Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solingen, 2015), Hohlpappe, Spiegeldibond, MDF-Platten, Plexiglas, kameralose Fotografien (gerahmt), Künstlerbücher, Postkartenedition, einzelne Postkarten, Poster Maße variabel.

Bild 2 – Matthias Wollgast, Vitrine IV, 2016, Holz, Lack, Plexiglas, Postkarten, 44 x 64 x 6,5 cm

Bild 3 – Porträt Matthias Wollgast.