Kunstkammer Rau: „Traum und Vision. 1500 – 2000“

Traumhafte Ausstellung im Arp Museum läuft bis zum 10. Januar 2021

Von Peter Köster

Remagen: Traumlandschaft Arp Museum: „Traum und Vision. 1500 – 2000“
ist die Ausstellung überschrieben, die das Remagener Haus bis zum 10. Januar 2021 zeigt. Träume und Visionen faszinieren die Menschheit seit Anbeginn und sind prägend für Kunst und Kultur. Als essenzieller Bestandteil vieler Weltreligionen bilden sie die Brücke zu einem transzendenten Raum, den der Mensch braucht und sucht. Am Beispiel von 62 Gemälden, Skulpturen, Handschriften, Fotografien und Filmen aus der Sammlung Rau für UNICEF sowie hochkarätigen Leihgaben aus Museen und privaten Sammlungen offenbart sich Rätselhaftes, Visionäres, Inspirierendes.

Fantastische Welten

„Traum und Vision“ ist Teil der fantastischen Welten, die das Arp Museum in diesem Jahr einnehmen. Das Motto 2020 lautet: „Total surreal“ und steht ganz im Zeichen Salvador Dalís, für den die Kunst der Alten Meister eine reiche Inspirationsquelle war. „Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes“, befand der berühmte spanische Künstler. „Traum und Vision“ wird gleich mehrfach in diesem Jahr zu einem kuratorischen Bindeglied, zu einer inhaltlichen Triebfeder für das gesamte Museum. So zeigt sich die Kunstkammer Rau bereits zum 17. Mal „als veritable Herzkammer“, so Oliver Kornhoff, Direktor des Arp Museums Bahnhof Rolandseck. „Diese Ausstellung erzählt von den gemalten, in Holz und Stein gemeißelten Visionen und Träumen unserer Vergangenheit. Unsere Zukunft braucht unsere Träume, unsere Visionen.
Frühchristliche Visionäre wie der hl. Hieronymus aus der Sammlung Rau gehörten nicht zu den Gewinnern des Lebens. Vielfach war ihr Leben geprägt von langer Einsamkeit, von Verzicht.“

Überquerung von Wunschbrücken

Die Ausstellung beginnt mit dem Thema Traum. In ihm ist alles möglich: Es wachsen einem Flügel oder man überquert Wunschbrücken in einen transzendenten Raum zu Geistern und Göttern. Im furchterregenden Blick der Medusa und in den großformatigen Masken und Fetischfiguren aus Afrika und Papua-Neuguinea gewinnen unsere Traumgestalten ein Gesicht. Sie bannen das Böse, vertreiben schlechte Träume oder lassen den Träger mit den Ahnengeistern, die sich in ihnen vergegenwärtigen, verschmelzen. Träume offenbaren aber auch Ur-Ängste der Menschen. Sie lassen die Hölle auf Erden erstehen. Exemplarisch steht hierfür der Kampf des hl. Antonius mit seinen inneren Dämonen. Die unterschiedlichen Facetten der Qualen des Heiligen werden besonders in den 27 Werken aus der Sammlung Kraft verdeutlicht, die aus unterschiedlichsten Epochen stammen. Mal ist es der Teufel, der dem asketisch lebenden Mann Trugbilder von schönen Frauen oder ein Leben in Wohlstand und Reichtum vorspiegelt, dann ist es die Misshandlung durch grausige Dämonen, die ihm unerträgliche Schmerzen zufügen. Seine Versuchungen und Peinigungen sind vor allem beliebte Bildmotive in der spätmittelalterlichen Kunst (u. a. hier bei Cranach, Dürer, Brueghel). Einer der Höhepunkte der Ausstellung ist die Darstellung des hl. Antonius von Jan Mandijn aus dem 16. Jahrhundert. Eine der jüngsten Arbeiten in diesem Themenbereich stammt von Antonius Höckelmann (1937 – 2000), der seinen letzten Bildzyklus kurz vor seinem Tod der „Versuchung des hl. Antonius“ (1998 – 2000) gewidmet hat. In der Moderne wird die Hölle zur Unterwelt: In durchsichtig dunklen Schlieren huschen geisterhafte Schatten durch die Vorhölle von Johannes Brus. Peter Gilles wirft seine inneren Dämonen mit seinem eigenen Blut auf die Leinwand zurück.

„Sommerland der Geister“

In den Zwischenwelten liegen Ekstase, Schlaf und Tod eng nebeneinander. Dort ruht der schlafende Jesusknabe auf einem Totenschädel, der visionär auf seine Endlichkeit hinweist. Daneben setzt Gustave Courbet eine klassische Schönheit, eine Bacchantin, in Szene. Punktuell beleuchten einige Fotografien die spätere Entwicklung. Die Technik- und Wissenschaftsbegeisterung des 18. und 19. Jahrhunderts führt dank der rasanten Schnelllebigkeit ihrer Entwicklung zu einer Flucht aus der Vernunft ins „Sommerland der Geister“. Der Spiritismus ist um 1900 eine weltweite große Volksbewegung, an der auch eine ganze Künstlergeneration teilnimmt: Victor Hugo, Rainer Maria Rilke und zahlreiche Surrealisten lassen sich von Geisterhand führen, schreiben automatisch, entdecken das Unbewusste.

Vision | Kunstkammer Rau: linker Raum

Der dritte Teil der Schau widmet sich dem Thema der Vision. Visionen sind Teil vieler Weltreligionen – sie sind identitätsstiftend für eine Gemeinschaft und formen ihre religiöse Basis. Bibel, Talmud und Koran leben von den Offenbarungen der Propheten und ihrer Nachfolger, die in direkter Zwiesprache mit dem Göttlichen oder mit seinen Boten erfolgen. Ein beliebtes Bildmotiv in Renaissance und Barock ist der hl. Hieronymus. Er steht in Zeiten der Gegenreformation für eine neue religiöse Innerlichkeit. In der modernen Kunst werden Visionen ebenso zum Ausdruck gebracht: Der deutsche Künstler Blalla Hallmann etwa weiß seine schizophrenen Halluzinationen und Visionen unter einem Vogelhut gut beschützt. Paul Jenkins verdichtet die Geister der Vergangenheit zu informellen Farbphänomen und Heiner Koch fängt Seelen in Gestalt bunter Schmetterlinge in einer kleinen Holzvitrine ein. Dort ruhen sie auf wächsernen Seelenbroten, die zu Allerseelen für die Verstorbenen gebacken wurden, um eine gute Ernte zu garantieren.

BUS:

Bild 1: Peter Gilles. „Traum“, 1993, Sammlung Kraft, Köln © VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Foto: Peter Köster

Bild 2: Blackwater-Gebiet. Papua-Neuguinea. Giebelmaske von einem Männerhaus.
Foto: Peter Köster

Bild 3: Volkmar Schulz-Rumpold. Ohne Titel 1995-2000. Foto: Peter Köster

Bild 4: Johannes Brus. Vorhölle 2002. Foto: Peter Köster

Bild 5: Antonius Höckelmann. Die Versuchung des Hl. Antonius 199/2000.
Foto: Peter Köster

 

 

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