„Ein Künstlerpaar der Moderne“ im Museum August Macke Haus

Von Peter Köster

Bonn/Stade. 1919 gründeten Dorothea Maetzel-Johannsen (1886-1930) und ihr Mann Emil Maetzel (1877-1955) die Künstlervereinigung Hamburgische Sezession. Sie wurden damit zu wichtigen Vertretern der künstlerischen Avantgarde in Hamburg, als in den ersten Jahren der Weimarer Republik ein Ruck der Erneuerung durch die deutsche Gesellschaft geht. Mit der Gründung der Hamburgischen Sezession erlebt die Hansestadt eine zweite, entscheidende Phase des Expressionismus. Nach dem großen Erfolg der Gemeinschaftsausstellung im Kunstmuseum in Stade im letzten Jahr zieht nun das Museum August Macke Haus in Bonn nach. „Ein Künstlerpaar der Moderne“, so der Titel der Ausstellung, wird dort bis zum 24. März 2019 gezeigt.

Aus dem Werkkomplex Tobeler

Das Bonner Haus zeigt mit dieser Doppelausstellung Expressionismus Deluxe: Mit über 150 Gemälden, Plastiken, grafischen Arbeiten und Fotoaufnahmen ermöglicht die 2017 vom Kunstmuseum Stade erarbeitete und erstmals gezeigte Ausstellung den bislang umfassendsten Einblick in das Werk des Künstlerpaares und in ein bedeutsames Kapitel des Hamburger Expressionismus. Sie basiert auf dem Bestand des Hamburger Sammlers Tim Tobeler, der seit Jahren das Werk von Emil Maetzel und Dorothea Maetzel-Johannsen erforscht und neben dem Nachlass der Familie Maetzel heute über den größten Werkkomplex des Künstlerpaars verfügt. Im Museum August Macke Haus wurde die Schau um weitere wichtige Leihgaben aus öffentlichem und privatem Besitz sowie aus dem Nachlass der Familie Maetzel ergänzt.
Es sind überwiegend die grafischen Werke der Maetzels, die in Bonn gezeigt werden. Sehr schön wurden die Holzschnitte beider Künstler neben- und übereinander auf einer langen Wand vereint. So lässt sich nachvollziehen, wie intensiv sie sich gegenseitig angeregt haben müssen. Zusätzliche Impulse bezogen sie aus Ausstellungsbesuchen der Berliner Sezession oder Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm”. Ein entscheidendes Erlebnis für beide wird die Entdeckung afrikanischer Kunst, die sie selbst zu sammeln beginnen und deren Figuren sie in ihre Bilder integrieren.

Die Farbe soll Musik machen

Wie sehr beide Künstler die damals noch völlig verschlafene Hamburger Kunstszene in Richtung Moderne zogen, lässt sich an der Entwicklung von frühen Zeichnungen zu späteren Holzschnitten, Radierungen, Skulpturen und Gemälden in der Ausstellung ablesen. Darüber hinaus ragen zwei Gemälde und vier Supraporten (schmale Bilder) von Dorothea Maetzel-Johannsen heraus: Ihr großes expressionistisches Frauenpaar auf dem Bild „Über-redung“ von 1919 ist farblich und kompositorisch reizvoll. Was es mit den Figuren auf sich hat, bleibt rätselhaft, wie so oft bei dieser Künstlerin. Zum anderen ist ein brillantes Spätwerk „Ansicht in Visby, Gotland“ von ihr zu nennen, das sie 1929 malte: eine menschenleere Stadtecke aus grauen Mauern, erhellt vom leuchtenden Gelb zweier herbstlicher Bäume. Das Gemälde kann als singuläre Leistung von Maetzel-Johannsen gelten und beeindruckt in seiner kräftigen Farbgebung. Auf dieses Bild passt ein Satz aus einem Brief an ihren Mann: „Ich möchte dahin kommen, dass meine Farbe Musik macht.“ Ergänzt wird die Schau durch private Fotografien, etwa von den Hamburger Künstlerfesten, bei denen sich vor allem Emil Maetzel engagierte. Diese Künstlerfeste finden von 1919 bis 1923 statt. Sie liefern ein Feuerwerk rasanter Revuen von Tänzern, Sängern, Schauspielern und fungieren als Ventil eines freizügigeren Miteinanders. Hier treffen sich bei den Feierlichkeiten Bürgertum und künstlerische Bohème. Die immer wieder exotischen Ausstattungen und Kostüme unterliegen der Phantasie der Künstler, unter denen Emil Maetzel als Maler herausragt. Die Freiheit der Kunst findet in der Befreiung des Lebens aus tradierten Moralvorstellungen ihren kongenialen Ausdruck.

Eigene expressive Bildsprache

Deutlich wird, wie sich die beiden inspirierten, wie sie kommentierten und kritisierten. Künstlerisch leben sich die Maetzels in den 1920er Jahren aber auseinander. Mit Reisen nach Paris (1925) und Gotland (1929) unterstreicht die aus Schleswig-Holstein stammende Dorothea Maetzel-Johannsen ihre zunehmende Eigenständigkeit. Inspiriert vom Kubismus, von afrikanischer Skulptur und der Künstlergemeinschaft Brücke entwickelt sie zwischen 1919 und 1921 eine eigene expressive Bildsprache. Formal und was die Interpretation angeht, sind ihre Mutter-Kind-Paare besonders interessant. So offensiv waren bis dahin nur selten weibliche und mütterliche Stärke und die innige körperliche Verbundenheit stillender Mütter und Kinder dargestellt worden. Von Emil Maetzel hängt ein fein gestrichelter Holzschnitt in der Ausstellung, ein Porträt von Dorothea mit gesenktem Blick. Hintergrund und Gesicht wirken wie aus einem Guss. Großartig ist auch seine „Landschaft mit Allee“ von 1939, die er eigenwillig interpretiert: Seien es die knallig türkisen Konturen des ansonsten eher gedeckt farbigen Bildes, seien es die überlangen Baumstämme, die zwei Drittel des Bildes einnehmende Wegbiegung oder der zart senfgelbe Himmel.

Zweite Hamburgische Sezession gegründet

Emil Maetzel wurde in Hamburg geboren, wo er ein Architektur-Studium abschloss und in den Staatsdienst eintrat. Er entwarf ein Haus mit Ateliers, in das die Familie 1926 zog. Vier Jahre später starb seine Frau an Herzversagen. 1933 wurde Emil Maetzel aus dem Staatsdienst entlassen – bei Beibehaltung der Bezüge. Mit Ivo Hauptmann und Erich Hartmann gründete er 1945 die zweite Hamburgische Sezession, die sich 1952 wieder auflöste. Er nahm an diversen Ausstellungen teil und starb 1955.

 

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Bild 1 – Emil Maetzel: Die gelbe Brücke, 1917, Öl auf Leinwand
Privatbesitz © Foto: Krümmer Fine Art, Hamburg

Bild 2 – Emil Maetzel: Afrikanisches Stillleben mit Benin-Tierplastik und
Flasche, 1922 Öl auf Malpappe 61 x 50 cm Sammlung Tobeler
© Foto: Michael Hensel

Bild 3 – Dorothea Maetzel-Johannsen: Überredung, 1919 Öl auf Rupfen
Sammlung Tobeler © Foto: Michael Hensel

Bild 4 – Dorothea Maetzel-Johannsen: Das kranke Mädchen, 1919
Öl auf Leinwand Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Dauerleihgabe aus Privatbesitz © Foto: Sammlung Maetzel-Erben