Künstlerinnen beweisen „Courage“ – Ausstellung im Frauenmuseum

Von Peter Köster

Bonn/Koblenz. Eine über zwei Meter hohe schwarze Installation liefert das Entree für die Ausstellung „Courage“ auf der zweiten Etage des Frauenmuseums. Bis zum 30. Juli wird die in Kooperation mit dem Mittelrhein-Museum Koblenz entstandene Schau in Bonn präsentiert. Die Ausstellung vereint Bonner und Koblenzer Künstlerinnen, die sich mit dem Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland“ auseinandersetzen. Vor Bonn war bereits Koblenz Schauplatz dieser Präsentation.       

Empathie in der „Zelle“

Mit ihrer Arbeit „Empathie“ bestehend aus Holz, Spiegel, Stahlstäbe und Stoff bildet die Koblenzer Künstlerin Firouzeh Görgen Ossouli eine Gefängniszelle nach. Im Inneren befindet sich ein Spiegel. Das eigene Spiegelbild wird von einem Gitter bedeckt. Eine sich wiederholende Frauenstimme stellt die Frage: „Wo ist meine Stimme“. Mit dem Besuch der „Zelle“ und dem dadurch erlebten Gefühl, nicht gehört zu werden, möchte Ossouli den Betrachter für Menschen in schwierigen Situationen sensibilisieren und sie dazu anregen, empathisch zu  werden. In einer gemeinsamen Ausstellung, bestehend aus Gemälden, fotografischen Arbeiten, Installationen sowie Skulptur- und graphischen Textarbeiten setzen sich Koblenzer und Bonner Künstlerinnen wie Firouzeh Görgen Ossouli, Erika Beyhl, Ines Braun, Eva Maria Enders, Corinna Heumann, Alin Klass, Violetta Richard, Johanna Sarah Schlenk, Julja Schneider, Ellen Sinzig und Iris Stephan mit dem „Wandel des Frauenbildes“ in den vergangenen 100 Jahren auseinander.

Frauen stürmten die Universitäten

Eine verschwindend geringe Minderheit politisch interessierter Frauen begann sich im 19. Jahrhundert nicht nur für das Recht auf staatsbürgerliche Gleichstellung und Partizipation einzusetzen, sondern vordringlich für das Recht auf Bildung und damit den Erwerb von offiziell anerkannten staatlichen Examina. Mit der Revolution im November 1918 und dem wachsenden Engagement von Frauen auf allen gesellschaftlichen Ebenen konnte der Grundstein für die demokratische Entwicklung in Deutschland gelegt werden. Frauen stürmten sozusagen die Universitäten und bewiesen, was eigentlich nicht mehr zu beweisen war. Nach dem katastrophalen Rückschlag in der NS-Zeit entfaltete sich mit dem Grundgesetz das Potential der weiblichen Bevölkerung auf allen gesellschaftlichen Ebenen und wird bis heute weiterentwickelt. „Die Künstlerinnen in der Ausstellung zeigen, wie sehr sich jede Generation ihre eigenständige staatsbürgerliche Teilhabe erneut erkämpfen muss, um sie zu erhalten“, sagt die Kuratorin Corinna Heumann. Besonders interessant sei dabei die Tatsache, dass die Künstlerinnen ihr ästhetisches Erleben und ihre Ausdruckskraft nach Jahren der Introspektion und Darstellung innerer Abgründe ihrer Vorgängerinnen nun auf die Erforschung gesellschaftlicher Zusammenhänge richten. „Das psychoanalytische Ich tritt zugunsten des Blickes auf die Welt zurück. In der Ausstellung erlebt man Werke, in denen ein in künstlerischen Techniken souveräner, klarer und spielerischer Umgang mit verschiedenen Stilen der Kunstgeschichte zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen führt. Dem Betrachter öffnet sich damit ein hierachiefreier Kunst-Raum, der dazu inspiriert, sich mit verschiedenen individuellen und gesellschaftspolitischen Lösungsansätzen zu beschäftigen“, so Heumann.     

Dies greift die Künstlerin Johanna Sarah Schlenk mit ihrer Bodeninstallation „Nichtwählerinnen“ auf.  Eine empirische Studie der Friedrich-Ebert Stiftung befasst sie sich mit dem Wahlverhalten junger Deutscher. Danach schätzen u.a. 40 Prozent der 16 bis 24jährigen Frauen ihre politische Selbstwirksamkeit als zu gering ein, um sich an politischen Gesprächen zu beteiligen. Das illuminierte Kunstwerk besteht aus einer Bodenplatte, auf der zehn aus transparentem Silikon geformte Büsten installiert sind, jeweils fünf männliche und fünf weibliche. Die Büsten sind von innen beleuchtet. Im Hirnbereich der weiblichen Büsten befinden sich Glaubenssätze und Abbildungen von Frauenbildern, die zum Teil aus Medien stammen.

Einmalige Installation für Bonn

Erika Beyhl nennt ihren künstlerischen Beitrag „Kopfgeburt Matrurne“. Ihre Skulptur, gefertigt aus Tuffstein und Plexiglas, zeigt die ewigen (Aufanischen) Matronen, die in der Moderne als „Drei starke Frauen (…) ihr Gewicht in die Urne werfen.“ In unmittelbarer Nachbarschaft präsentiert Iris Stephan ihre Wandinstallation „Herdprämie“. Mit intelligenten Wortspielen und symbolgeladenen Fundobjekten wird das Mann/Frau Beziehungsdrama im häuslichen Umfeld humorvoll komponiert. Es ist eine einmalige Installation, die laut der Künstlerin mit Ende der Ausstellung verschwinden wird. Auffällig die sich anschließende raumgreifende Arbeit von Ines Braun. „Versuch zur Mündigkeit“ ist eine aus mehreren Elementen bestehende Wandarbeit, in der ein Vogelkäfig, Maulkörbe mit Uterusdilatoren, Kinderwagengestell, Tierpräparate, Holzkiste, Kartoffelkorb und Röntgenaufnahmen in einen Dialog treten. „Nicht nur der Kampf um das Frauenwahlrecht durchbricht das Korsett des weiblichen Rollenbildes. Der Kampf um die Gleichberechtigung wurde und wird an vielen Fronten geführt und dauert bis heute an“, so das künstlerische Statement.

Künstlerische Technik im Fokus

Das seltsam altmodisch anmutende Gemälde der Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg, Marie Stritt, Lily von Gizycki, Minna Cauer und Sophia Goudstikker ist ein digitaler Fotodruck eines Vierer-Portraits, das im „Fotoatelier Elvira“  aufgenommen worden war. Rote Farbspuren weisen auf die damals übliche Coloration von Schwarz-weiss-Fotografien hin und sollen zugleich die intellektuelle Verspieltheit der Protagonistinnen betonen. Seit über einem Jahr schon beschäftigt sich Corinna Heumann in unterschiedlichsten Varianten mit der Bedeutung des Münchner Fotoateliers Elvira. In den gezeigten Arbeiten steht die künstlerische Technik im Fokus. Der Fotodruck und die Pinselzeichnung auf Leinwand ist bewusst als Symbol für die Weiterentwicklung der Fotografie im digitalen Zeitalter gewählt. Arbeitsprozesse beeinflussen Denkprozesse. Heute gibt es weder Filme noch Dunkelkammern. Die Aufnahmen werden sofort in den Binärcode übertragen, können in aller Beiläufigkeit beliebig versendet, bearbeitet oder gelöscht werden. Die Fotos werden von Maschinen hergestellt, und Maschinen prüfen die Ergebnisse. Die Nullen und Einsen des Binärcodes auf einem Druck eines antiken Faltenwurfs sollen die neuen Prozesse und das ihnen zugrunde liegende Denken hinterfragen.     

„Rauf auf die Treppe, ran an den Aufstieg“

 „Sternstunde. Wahlrecht-Geldrecht-Berufsrecht“ heißt die gläserne Treppeninstallation, ergänzt von drei Kalligraphien aus Papier von Ellen Sinzig. Für die transparente Treppe verwendete die Künstlerin Glas, um den Weg, der noch vor den Frauen liegt, deutlich erkennbar zu machen. Mit ihrem Wahlspruch „Rauf auf die Treppe, ran an den Aufstieg“ sollen alle Frauen dazu motiviert werden, auch weiterhin für ihre Rechte in der Gleichstellung zu kämpfen. Der Weg führt zu Alin Klasses Arbeit „Double Income, No Kids“. In ihrer Reihe von Papierarbeiten möchte die Künstlerin all jenen Frauen Raum geben, die sich aktiv für das Frauenwahlrecht bzw. die Gleichberechtigung der Frau eingesetzt haben oder dies noch tun. Violetta Richard greift für ihre Wandarbeit „Lossticheln (Mensch macht Los) auf unterschiedlichste Materialien zurück. Bei ihrer Arbeit handelt es sich um eine komplexe Installation aus einer grafischen Textarbeit und einer Mischtechnik auf drei Leinwänden unter Einbeziehung der Wand, an der die Werke angebracht sind. Leinwand, Japanpapier, Stickgarn, Acryl, Künstlertusche, Washi Tape, Textfragmente und Zitate von Frauenrechtlerinnen untersteichen die Aktualität in Bezug auf gegenwärtige reale Machtstrukturen.

Den Ausstellungsreigen beschließt Julja Schneider mit der wandfüllenden Textinstallation „Es werde Licht“. Über ihre Arbeit sagt Schneider: „Der Titel ist eine leicht ironische Anspielung auf die Chance für eine Gesellschaft, die darin liegt, wirklich alle Stimmen ihrer Mitglieder zu hören, ohne, wie im Fall vor der Einführung des Frauenwahlrechts, die Hälfte der Gesellschaft auszugrenzen und dadurch einen erheblichen Teil von Weisheit, Inspiration und Verstand zu ignorieren.“ Als Vorbereitung für ihre Textinstallation bat die Künstlerin über 1000 Menschen, ihr Zitate von Frauen zuzuschicken. Aus den Einsendungen wählte sie 100 für ihre Arbeit aus. 

 

BUS:

Bild 1: Bodeninstallation „Nichtwählerinnen“ von Johanna Sarah Schlenk.
Foto: Peter Köster

Bild 2: „Kopfgeburt Matrurne“: Skulptur, gefertigt aus Tuffstein und Plexiglas mit (Aufanischen Matronen) von Erika Beyhl.
Foto: Peter Köster

Bild 3: Textinstallation: 100 illuminierte Zeichnungen, 100 Stickrahmen, 350 x 320 cm von Julja Schneider.
Foto: Peter Köster