Klebstoff für den „Zweiten Ausschnitt“

Arp Museum zeigt Sammlungsteil Nummer 2 von Gerhard Meerwein

von Peter Köster

Remagen/Mainz. Ein Kunst-Sammler trennt sich von seinem Werk und übergibt seinen Nachlass einem Museum. Nutznießer dieser umfangreichen Schenkung von über 400 Collagen des Mainzer Sammlers Gerhard Meerwein, ist das Arp Museum Bahnhof Rolandseck. „Ich wollte die Arbeit nicht einfach in einem Archiv versenken, wollte sie aber in guten Händen wissen, in einem Haus, von dem ich die Vorstellung habe, dass mit dem Material auch gearbeitet wird.“ Das Arp Museum erfülle in idealer Weise diese Voraussetzungen. Die Sammlung Meerwein soll dem Haus in Zukunft sowohl für eigene Präsentationen als auch für Leihgaben an andere Häuser dienen. Gerhard Meerweins Wunsch war es, für die Zukunft seine Arbeiten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sie als „Arbeitsmittel“ einer bestehenden Sammlung zu überlassen, die in Verbindung mit ihrem Bestand Konzepte zur Nutzung dieses Materials entwickeln kann

Das Lebenswerk übereignet

„Gerade im Jubiläumsjahr des Arp Museums Bahnhof Rolandseck, das in diesem Jahr seinen zehnten Geburtstag feiert, erfüllt es uns mit Stolz, dass Gerhard Meerwein vertrauensvoll unserem Museum sein Lebenswerk übereignet hat“, freut sich Museumsdirektor Dr. Oliver Kornhoff über das generöse Vermächtnis, das sich zugleich als perfekte Ergänzung der eigenen Sammlung erwies. Waren es doch die Protagonisten Dadas, die Hauspatrone Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp, die gemeinsam mit ihren Zeitgenossen die Collage maßgeblich als innovative Kunstform der Moderne prägten, wobei sich insbesondere Hans Arp mit dem Zufall als Kompositionsprinzip beschäftigte. Diese sind ebenso Gegenstand der Sammlung wie Joseph Beuys, Max Ernst und El Lissitzky um nur ein paar zu nennen.

 „Farbe im Raum“, lautete vor zwei Jahren der Titel der Ausstellung. Davor wurde die Sammlung nur drei Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Kunstverein Augsburg (2009), im Kunsttempel in Kassel (2011) und im Essenheimer Kunstverein (2012), jeweils mit dem Fokus auf die Wirkung der Werke in unterschiedlichen Raumzusammenhängen. Mit einem „Ersten Ausschnitt“ präsentierte Gastkurator Arne Reimann 2015 erstmals die Schwerpunkte der Sammlung. Ihre Einzigartigkeit, aufgrund der technischen Vielfältigkeit der Gattung, entfaltete sich in den historischen Räumen des Bahnhofs Rolandseck. Die Sammlung zeigt mit ihrem besonderen Schwerpunkt die unterschiedlichsten Stilrichtungen und Techniken der Collage von 1945 bis heute.

Wichtiges Ausdrucksmittel im Dadaismus

Nun also folgt Teil 2 des Projekts: „Collagen. Die Sammlung Meerwein. Zweiter Ausschnitt.“ Und erneut gewährt diese Schau, die bis zum 15. April 2018 gezeigt wird, einen intensiven Einblick in diese einzigartige Sammlung, die Gerhard Meerwein in vier Jahrzehnten zusammengetragen hat. „Collage ist Sehen und Denken und Sein. Gesammelt ist sie: Meer und Wein“ (Auszug aus Sara Focke-Levin, Collage). Unter dem „Prinzip Collage“, (Collage stammt von dem französischen coller ab, welches „kleben“, „zusammenstellen“ bedeutet,   versammelte Gerhard Meerwein Kunstwerke, beginnend mit der klassischen Form des „Papier collé“, dem geklebten Papier. Dieses wurde von George Braque und Pablo Picasso um 1912 im Zuge des Kubismus’ in die Malerei eingeführt. Aus dieser Frühform entwickelten sich Anfang des 20. Jahrhunderts vielfältige Spielarten. Vor allem in der Kunst des Dadaismus waren Collage-Techniken ein wichtiges Ausdruckmittel.

Die Sammlung umfasst „Papierarbeiten“ im weiteren Sinne, von deutschen Künstlerinnen und Künstlern oder jenen, die einen dauerhaften Bezug zu Deutschland haben. Der Schwerpunkt liegt auf Arbeiten, die in der Zeit von 1920 bis 2012 entstanden sind und generiert sich aus einer persönlichen Auswahl Gerhard Meerweins. Die facettenreiche Sammlung umfasst neben Papier- und Materialcollagen auch Decollagen, Assemblagen, Montagen und Reliefs bis hin zu freien Gruppierungen. Sie veranschaulicht das weite Feld verschiedenster Collage-Techniken.

70 Collagen werden präsentiert

Insgesamt 70 Collagen sind in der Ausstellung präsent und zeugen von den unterschiedlichen Collagetechniken der jeweiligen Künstlerinnen und Künstler. Ergänzt werden die Collagen von einer Vielzahl dokumentarischer Exponate und Korrespondenzen, zum Beispiel dem Schriftverkehr zwischen Künstlern und Sammler, der aus dem Fluxus hervorgegangenen Mail-Art, aber auch privaten Fotos und ausgewählten Katalogen aus der Bibliothek Meerweins. Diese vermachte der Sammler dem Museum begleitend zu seinen gesammelten Werken. Die in den Vitrinen ausgestellten Objekte verraten darüber hinaus noch mehr über die Beziehung zwischen Sammler und Künstler, indem sie seine Collage-Sammlung um eine persönliche Ebene erweitern. Ergänzt werden sie von gewidmeten Textbeiträgen der Künstlerinnen und Künstler, die sie für den Ausstellungskatalog schufen. Ihre individuellen Beziehungen zu Gerhard Meerwein sind in Gedichten, Statements wie auch einem dadaistischen anmutenden Gedicht festgehalten und werden in der Ausstellung auszugsweise an den Wänden zitiert.

Die persönlichen Beziehungen zu den Künstlerinnen und Künstlern zeigt auch die Auswahl der präsentierten Collagen. Beispielsweise die Arbeit „Barock“ (1983) von Gloria Brand markierte den Beginn einer engen Verbundenheit mit Gerhard Meerwein. Jürgen O. Olbrich wählte eigens für die Ausstellung 15 Werke aus seiner „Postcards-Correction“ aus, die den Namen Gerhard Meerwein ergeben und die sich nun an den Pilastern im Flur aufgereiht befinden. Die persönliche Beziehung zum Künstler scheint grenzenlos, wenn der Sammler Meerwein selbst zum Künstler wird, als er gemeinsam mit Jürgen O. Olbrich und Achim Schnyders die Arbeit „3 x 3 Copy“ schuf.

Werke sind räumlich nah beieinander

Die Biografien und Arbeiten von Gloria Brand, Sara Focke-Levin, Jürgen Möbius, Gerhard Olbrich und Paul Stein erzählen beispielhaft von der jahrelangen Verbundenheit zu Gerhard Meerwein und zum Land Rheinland-Pfalz. „Die Ausstellung bildet insgesamt eine große (und großartige) Collage“, sagt Arno Reimann, der auch den zweiten Teil der Sammlung kuratiert hat. Den Künstlerinnen und Künstlern sind ausgewählte Bereiche in den Ausstellungsräumen des historischen Bahnhofs zugeordnet, ohne sie voneinander abzugrenzen. Arne Reimann ist es wichtig, dass die Werke auch räumlich nah beieinander sind, entsprechend ihrer einstigen Präsentation in Meerweins Wohnung. So finden sich beispielsweise zwei „Ausreißer“, Arbeiten von Sara Focke-Levin, im Ausstellungsbereich von Jürgen O. Olbrich. Die Besucherinnen und Besucher entdecken beim Gang durch die Ausstellung weitere Collagen der Künstlerin im Nordraum. Die Verbindung von gesammelten Werken im Zusammenspiel mit persönlichen Korrespondenzen der Künstlerinnen und Künstler, ihren Textbeiträgen und den collagierten Interviews für den Katalog sind der Klebstoff für den „Zweiten Ausschnitt“ der Sammlung Meerwein.

 

BUS:

Bild 1 – Jürgen O. Olbrich mit W. Hainke, Ohne Titel, 1985,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Daniel Rettig

Bild 2 – Gloria Brand, Ohne Titel, 1984,
Foto: Daniel Rettig

Bild 3 – Sara Focke-Levin, Faltung, 1993,
Foto: Daniel Rettig

Bild 4 – Paul Stein, Hauswand, 1978,
Foto: Mick Vincenz