Haus der Kunst in München zeigt Jörg Immendorff

Von Peter Köster

München. Das Haus der Kunst am Englischen Garten in München gehört zweifellos zu den wichtigsten Ausstellungshäusern Münchens und weit darüber hinaus. Es zeigt Retrospektiven moderner, zeitgenössischer Künstler oder themenbezogene Ausstellungen. Die Einrichtung besitzt keine eigene Sammlung, es ist ein reines Ausstellungshaus. Und genau darin liegt ihre große Stärke, wissen Eingeweihte. So hat das Haus der Kunst die Möglichkeit, den wechselnden Programmen viel Raum zu geben. Künstler wie Ai Weiwei, Gilbert & George oder Andreas Gursky und auch die Besucherinnen und Besucher ihrer Ausstellungen freuten sich über die riesigen, meterhohen Räume, in denen die Kunstwerke hervorragend zur Geltung kamen. Im rückwärtigen Teil des monumentalen Gebäudes empfängt die Goldene Bar ihre Gäste, nicht nur zu Museumszeiten. Im Keller des Hauses liegt zudem Münchens bekannteste Disko: Das P1. Nun aber beschäftigt eine zentrale Frage das Geschehen im Haus. Wie kann Münchens international renommiertes Vorzeigehaus, das nun mittlerweile reichlich in die Jahre gekommen ist und zudem seit geraumer Zeit unter massiven Geldproblemen leidet, zukunftsfähig aufgestellt werden?

Neuer äußerer und innerer Anstrich

Der britische Star-Architekt David Chipperfield, von ihm stammt u.a. der Aufbau des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel, will dem Haus einen neuen äußeren und inneren Anstrich geben, das heißt, er will das Haus baulich verändern. Dazu gehört auch, dass er die Bäume vor und hinter dem Haus der Kunst fällen lassen will, um so das Gebäude nach allen Seiten sichtbar zu machen. Da dürften wohl nicht nur Umweltschützer auf die Barrikaden gehen. Wegen der bevorstehenden Sanierung des Hauses könnte die Ausstellungshalle für Jahre komplett geschlossen werden, warnte der künstlerische Direktor Okwui Enwezor, der mittlerweile das Haus verlassen hat, vor dieser Maßnahme. Bernhard Spies, kaufmännischer Direktor, der von der Bundeskunsthalle in Bonn ins Haus der Kunst wechselte, befürchtet dies nicht. Es sei möglich, das Haus nur teilweise zu schließen und in zwei Bauabschnitten zu arbeiten. Das sei eine Kostenfrage, und man prüfe dies derzeit gemeinsam mit dem Bauamt.

Aktuell wird Jörg Immendorff gezeigt

Ungeachtet aller Umbau- und Gestaltungspläne zeigt die Ausstellungshalle aktuell bis zum 27. Januar 2019 Jörg Immendorff (1945-2007). Immendorff pflegte sein Image als Künstler und harter Kerl, doch er hatte auch weiche und nachdenkliche Seiten, die man neben seinem politischen Sendungsbewusstsein in der Retrospektive „Für alle Lieben in der Welt“, kuratiert von Ulrich Wilmes und Damian Lentini, entdecken kann. Die Retrospektive umfasst annähernd 200 Werke aller Schaffensphasen. Sie folgt keiner strengen Chronologie, vielmehr stellt sie entscheidende Schwerpunkte der Werkentwicklung in Kapiteln dar. Mitte der 1960er-Jahre als Beuys-Schüler an der Düsseldorfer Akademie, erprobt sich Immendorff zunächst als Agitationskünstler. Die Aktionen der „Lidl-Akademie“, die er mit seiner ersten Ehefrau Chris Reinicke entwickelt, stehen für Liebe und Frieden und den Wunsch die Welt zu verändern, sich gegen die uninspirierte und wenig geistreiche Politik in Deutschland aufzulehnen. „Lidl“ ist dabei ein Kunstwort in der Tradition von Dada. Intuition und Schöpfergeist sollen durch die Aktionen befreit werden. Später steht Immendorff der KPD nahe. Einige Jahre arbeitet er als Hauptschullehrer und entwickelt eine Bildsprache, in der Wort und Bild gleichberechtigt nebeneinander stehen. Unter dem Titel „Rechenschaftsbericht“ entsteht ein Zyklus von Gemälden mit klarer politisch-pädagogischer Botschaft.

Ein Grenzgänger zwischen Ost und West

Erst Ende der 1970er-Jahre fasst Immendorff den Entschluss, sich vollkommen der Kunst zu verschreiben. 1976 beteiligt er sich an der Biennale in Venedig und 1977 folgt schließlich der Einstieg in den Café Deutschland-Zyklus, angeregt durch Renato Guttusos Café „Greco“, das Immendorff in einer Ausstellung in Köln gesehen hatte. In den Café Deutschland-Bildern arbeitet er sich an der Politik seiner Zeit ab – es ist die Zeit der RAF und innenpolitischer Konflikte auf beiden Seiten der Mauer –, eine Wiedervereinigung scheint vollkommen außerhalb jeglicher Realität. In düsteren, theaterhaften Barszenen, die von Prominenten und Künstlern bevölkert sind, stellt Immendorff sich selbst meist als Grenzgänger zwischen Ost und West dar. Neben der klaren politischen Motivation zeigen die Bilder jedoch auch Immendorffs Gedankenwelt, in der Ideen über Zeit und Raum miteinander im Dialog stehen. 1998 erfährt der Künstler, dass er an ALS erkrankt ist. Seine Welt wird dunkler und sein Werk richtet sich zunehmend nach innen. Er arbeitet bis zu seinem Tod – am Ende nur noch mit Unterstützung von Assistenten, die seine Anweisungen im Atelier ausführen.

 

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Bild-1: Das Haus der Kunst am Englischen Garten. Foto: Corinna Heumann

Bild-2: Jörg Immendorff: „Die Lidlstadt nimmt Gestalt an“, 1968 Kreide auf Holz 70 x 90 cm © Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York

Bild 3: Jörg Immendorff: Für alle Lieben in der Welt. For all Beloved in the World Ausstellungsansicht / Installation view Haus der Kunst, 2018 Foto: Maximilian Geuter

Bild-4: Jörg Immendorff: „Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?“, 1973 Acryl auf Leinwand, 2-teilig 130 x 210 cm © Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York