Hans Josephsohn im Museum Folkwang

Große Retrospektive präsentiert existenzielle Plastiken – Menschliche Figur im Zentrum der künstlerischen Arbeit

Von Peter Köster

Essen. Hans Josephsohn (1920–2012) gehört zu den großen Bildhauern der europäischen Moderne nach 1945. Im Zentrum seiner künstlerischen Arbeit steht die menschliche Figur. Die Ausstellung „Existenzielle Plastik“ wird bis zum 24. Juni im Museum Folkwang präsentiert. Die Essener Schau ist die größte Josephsohn-Ausstellung in Deutschland und zeigt einen umfassenden Überblick über das Gesamtwerk dieses bemerkenswerten Künstlers. Die Werkschau versammelt mehr als 70 zum Teil großformatige Plastiken und Reliefs des Bildhauers von den frühen Werken der 1950er Jahre bis zum fulminanten Spätwerk seit den 1990er Jahren. Zusätzlich veranschaulichen Gipsmodelle und Zeichnungen aus allen Schaffensphasen seine Arbeitsweise.

Kopf, Halbfigur, Stehende, Liegende

Hans Josephsohn konzentrierte sich in seiner Arbeit auf einige Grundformen der menschlichen Figur: Kopf, Halbfigur, Stehende, Liegende. „Skulptur kann nicht viel“, äußerte Josephsohn einmal. Dennoch strebte er ein Leben lang danach, die menschliche Existenz mit den Mitteln der Bildhauerei zu erfassen. Die Suche nach der richtigen Form bestimmte seine Arbeit. Gips war dabei sein
bevorzugtes Material. Mit Gips, dem „weichen Stein“, konnte er seine Werke immer wieder neu bearbeiten und durch Hinzufügen und Wegnehmen von Material weiterentwickeln. Josephsohns Werke bestehen aus nacheinander aufgetragenen Schichten; die Oberflächen wirken mitunter brüchig und zerklüftet, immer wieder gibt es Spuren des nachträglichen Glättens. Diese prozesshafte Arbeitsweise ist auch in den Messinggüssen erkennbar. Die raue Oberfläche ist notwendiger Bestandteil seiner Plastiken. Sie ist das Ergebnis eines langen, manchmal jahrelangen Prozesses, bei dem Josephsohn die Werke immer wieder bearbeitet hat.

Körperlichkeit und Abstraktion

Die Ausstellung zeichnet anhand der Präsentation von Gipsmodellen diese spezifische Arbeitsweise Josephsohns nach. Der Bildhauer arbeitete meist nach Modell und suchte für jedes Werk das richtige Maß zwischen Körperlichkeit und Abstraktion. Einige seiner frühen Arbeiten sind schmal wie Stelen, andere Plastiken geben akkurat die Gesichtszüge und Körperhaltung des Modells wieder. Josephsohns späte Halbfiguren sind dagegen überlebensgroße Werke aus Messing, deren Körperformen nur noch ansatzweise erkennbar sind. Schon früh interessierte sich Josephsohn für antike Kunst sowie für die Skulpturen und Plastiken der Assyrer, Hethiter, Ägypter und Griechen. Er sagte: „Erinnern wir uns an die romanische Plastik oder indische Plastik. Diese großen Kulturen, die gehen mit dem Natureindruck sehr frei um, ändern die Massen entschieden und machen Sachen, die in der Natur gar nicht möglich sind, und sie erzeugen in höchstem Maße Leben.“

Suche nach dem Archetypus des Körpers

Hans Josephsohn hat nie eine Akademie besucht. Er hat vier Jahre beim Schweizer Bildhauer Otto Müller gelernt. Der bekannte Philsosoph Ernst Bloch („Das Prinzip Hoffnung“) war sein Schwiegervater. Da Bloch aber nichts von Bildhauerei verstand, konnte er seinen Schwiegersohn auch nicht fördern. Josephsohn musste also ohne seinen prominenten Schwiegervater klarkommen. Die Werke des französischen Bildhauers Aristide Maillol begeisterten den jungen Künstler Hans Josephsohn. Er bewunderte die Geschlossenheit, das Reduzierte und die Lebendigkeit von Maillols Figuren. Der Schweizer Künstler Karl Geiser war ebenfalls ein wichtiges Vorbild. Doch von den glatten Oberflächen, wie sie Müller, Maillol und Geiser umsetzten, distanzierte Josephsohn sich schon früh. Die glatte Oberfläche war nie sein Ziel, die Zusammenhänge der Formen waren ihm wichtiger.

Häufig mit Giacometti verglichen

Der Bildhauer Hans Josephsohn widmete sich zeitlebens der menschlichen Figur. In Kopfplastiken, liegenden und stehenden Figuren erprobte er, wie wenige Eingriffe genügen, um menschliche Körperformen anzudeuten, oder er zeigte umgekehrt, wie viel Material man wegnehmen kann, sodass das Bestehende dennoch als Körper erkennbar bleibt. Es mag überraschen, dass er häufig mit dem bekannten Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti verglichen wurde. Obwohl Josephsohns massive Werke im Gegensatz zu Giacomettis skelettartigen Skulpturen zu stehen scheinen, verfolgte Josephsohn einen ähnlichen künstlerischen Ansatz: „Wenn wir bei Giacometti etwas wegnehmen, dann ist überhaupt nichts mehr da. Die Figur besteht nur aus Zusammenhängen. Das ist bei mir auch so. Sie können ein Stück wegnehmen, dann ist es nicht mehr dasselbe.“ Josephsohn meißelt nicht, er modelliert. Er formt Gipsmasse zu plastischen Bildern. Seit Mitte der 50er arbeitet er mit stilisierten Figurationen, sucht nach dem Archetypus des Körpers. Es sind grobe Rohentwürfe. „Ich habe bei der Arbeit nur eine Vorstellung vom ganzen. Da ist es wichtig, wie hoch es ist, was vorspringt, was leer bleibt. Solange die Gipsform nicht in Bronze gegossen ist, verändert er die Plastik, oft noch Jahre später.

Die Halbfigur – also die Darstellung von Kopf und Oberkörper – beschäftigte Josephsohn von Beginn an. Die traditionelle Funktion der Halbfigur als Porträtbüste war für ihn nur ein Ausgangspunkt, es ging ihm nicht darum, das konkrete Erscheinungsbild einer Person plastisch wiederzugeben. Josephsohn war fast 70 Jahre alt, als er in den Halbfiguren für sich eine neue Form entwickelte, zunächst im kleinen Format, später überlebensgroß. Bei manchen dieser Arbeiten erinnert nur noch wenig an menschliche Konturen, allein Andeutungen von Nase, Stirn, Haaransatz, Ohren und Hals geben Orientierung. Erst bei längerer Betrachtung wird das Werk zu einem als Figur erkennbaren Gegenüber. Auch bei seinen Reliefs, die das Dynamische menschlicher Beziehungen und Konflikte abbilden, verzichtete er auf eine detaillierte Darstellung. Wohl auch deshalb erscheint die Spannung zwischen den Figuren mit ihren rauen Oberflächen aus Messing im Wortsinn greifbar. 40 Reliefs und Reliefskizzen verdeutlichen in der Ausstellung Josephsohns intensive Beschäftigung mit dem menschlichen Miteinander. Mehr als 60 Jahre war Josephsohn als Bildhauer tätig. Bis ins hohe Alter blieb er produktiv und arbeitete regelmäßig in seinem Zürcher Atelier. Dort bewahrte er seine Werke, die Reliefskizzen und Zeichnungen auf, in denen er mit schnellem Strich die Grundformen seiner geplanten Werke festhielt. Im Relief sah Hans Josephsohn die Möglichkeit, den Ausdruck seiner Plastiken zu steigern. Wie auf einer Bühne gestaltete der Bildhauer menschliche Begegnungen voller Dramatik. Dabei lässt sich aus den bewegten Szenen keine eigentliche Geschichte ablesen. Im begrenzten Bildraum wird die Handlung auf ein Minimum reduziert. Rahmen und Nischen, Balken und Vorsprünge bestimmen die Bildfiguren in ihren Bewegungen. Traditionell dient das Relief als Flächenschmuck der Architektur. Josephsohn nutzte es, um zwischenmenschliche Begegnungen in eine plastische Form zu bringen. Auf diese Weise bildete er die Dynamik verschiedener Beziehungen und Konflikte ab. Wie auch bei seinen freistehenden Plastiken verzichtete er auf eine detaillierte Darstellung.

Entwürfe auf Papier

Zeichnen gehörte zu Josephsohns künstlerischer Ausbildung. Fast 30 Zeichnungen dokumentieren in der Ausstellung Josephsohns Ideen. Mit großer Beharrlichkeit erprobte der Schweizer Künstler seine bildhauerischen Mittel und deren Wirkmöglichkeiten. Sein Lehrer Otto Müller erkannte schon an den ersten Skizzen, dass der noch junge Künstler mühelos den Charakter einer Skulptur erfassen konnte. Josephsohn schuf während seiner Lehrzeit Zeichnungen, die seine Künstlerkollegen bald schon als eigene Kunstwerke betrachteten. Doch Josephsohn war nicht überzeugt: „Ich habe mit dem Zeichnen aufgehört, weil ich dachte, ich kann einfach schöne Zeichnungen machen, aber es ist zu wenig Eigenes drin.“ Fortan nutzte er den Zeichenstift nicht mehr, um Formen wiederzugeben, sondern um Skizzen für seine plastische Arbeit anzufertigen. Mit einfachen Linien und Andeutungen hielt er seine Ideen fest.

Die Retrospektive im Folkwang Museum würdigt eine bedeutende Künstlerpersönlichkeit der figurativen Bildhauerei des 20. Jahrhunderts: Sein bildhauerisches Werk stellt auf eigentümliche und unverwechselbare Weise Fragen nach der existenziellen Verfassung des Menschen.

 

BUS:

Hans Josephsohn Stehende (1968), Relief (1974) und Halbfigur (1991)
Courtesy Josephsohn Estate, Kesselhaus Josephsohn/ Galerie Felix Lehner, Hauser & Wirth Foto: Stefan Altenburger

Installationsansicht „Hans Josephsohn, Existenzielle Plastik“ im Museum Folkwang Courtesy Josephsohn Estate, Kesselhaus Josephsohn/Galerie Felix Lehner, Hauser & Wirth Foto: Museum Folkwang, Jens Nober

Hans Josephsohn Ohne Titel, 2006 Liegende, Messing, 79,5 x 220,5 x 70 cm
Courtesy Josephsohn Estate, Kesselhaus Josephsohn/ Galerie Felix Lehner, Hauser & Wirth Foto: Stefan Altenburger