„Gratwanderung“ im Museum August Macke-Haus

Von Peter Köster

Bonn. In einer Holz- und Linolschnitt-Ausstellung unter dem Titel: „Gratwanderung“ stellt das Museum August Macke-Haus Verbindungen zwischen 26 Expressionisten und acht zeitgenössischen Künstlern her. Die mal  schwarz-weißen, mal farbigen Holzschnitte und Stempeldrucke sind bis zum 15. September zu sehen.

Der Holz- und Linolschnitt galt bei den Expressionisten als unmittelbare und unverfälschte Kunstform. Heute ist er wieder beliebt – als Antwort auf digitale Flüchtigkeit. Zu den Kernstücken der Ausstellung gehört das druckgrafische Werk von August Macke, das erstmals vollständig und mit vielen noch nie ausgestellten Arbeiten zu sehen ist. Hier darf sich das Haus bei Macke-Enkel Til Macke bedanken, der dem Museum ein großes Konvolut von Linolschnitten des Künstlers zur Schenkung machte. Weitere Arbeiten steuerte das Bonner Kunstmuseum bei. Dazu gehört u.a. der Druckstock zu Mackes Linoldruck „Begrüßung“ von 1912. Das Motiv der Tänzerin geht auf eine Arbeit Mackes von 1910 zurück.

Wände mit Ornamenten tapeziert

So wie die Expressionisten den Holzschnitt einst von der Funktion als Buchillustration und reinem Reproduktionsmittel befreiten und ihn als eigenständiges künstlerisches Medium etablierten, so nehmen sich auch heute Künstler technische und thematische Freiheiten. Dazu zählt der Leipziger Künstler Christoph Ruckhäberle, der die Wände des ersten Raumes mit einer ornamentalen, aus einzelnen Holzschnitten zusammengesetzten Tapete versah. Auf Ruckhäberles farbiger Tapete behaupten sich expressionistische Porträts wie Marie von Malachowskis „Medusa“ und „Athene“ (1922/24). Ruckhäberle reagiert mit seiner Arbeit unmittelbar auf August Mackes Motivwelt und auf die expressionistischen Ideen des Gesamtkunstwerks. Indem seine Grafik zur räumlichen Installation und zum farbigen Hintergrund für die charaktervollen schwarz-weißen Porträts der Expressionisten etwa von Emil Nolde oder Georg Tappert wird, verschränkt sich der Dialog zu einem unmittelbaren Miteinander.

Den Themen des Alltags ist ein Raum gewidmet, in dem die überaus detailreichen Holzschnitte von Gabriela Jolowicz den Badezimmerszenen und Aktdarstellungen von „Evarist“ Adam Weber gegenüberstehen. In beiden Fällen sind es intime Einblicke, die dem Betrachter erlaubt werden. Träumerisch-mystisch geht es weiter mit der „Versöhnung“ (1912) von Franz Marc, dem passenden Gedicht von Else Lasker-Schüler und einem großformatigen Holzschnitt von Gert & Uwe Tobias, eines der Highlights dieser Schau. Als „Sehnsuchtsort und Konfliktfeld“ ist das Thema Landschaft in der Ausstellung besetzt. Hier wird deutlich, zumindest in den großen Darstellungen landwirtschaftlicher Maschinen von Georg Winter, wie sehr einem der harmlose Blick auf die Natur verloren gegangen ist. Anders sieht es aus bei den politischen Themen, denn Künstler wie Franz M. Jansen, die nach dem Ersten Weltkrieg den gesellschaftlichen Aufbruch mitgestalten wollten, nutzten besonders im Holzschnitt eine plakative Bildsprache.

Druckstöcke für stempelartige Worte

Der Künstler Barthélémy Toguo aus Kamerun steht stellvertretend für eine aktuelle „zerrissene Welt“, die zwar andere Themen hat, aber dieselben Diskussionen führt. Seine Holzbüsten sind zugleich die Druckstöcke für stempelartige Worte, die sich mit dem bürokratisch gesteuerten Transit von Menschen beschäftigen. Das Museum August Macke Haus verfügt, nicht zuletzt dank der Dauerleihgabe der Sammlung von Scheven und der Kooperation mit dem „Evarist“ Adam Weber Archiv, über einen ausgezeichneten Bestand an Holz- und Linolschnitten expressionistischer Künstlerinnen und Künstler, der nun erstmals umfänglich gezeigt werden kann.

Der Brückenschlag vom Expressionismus in die Gegenwartskunst vermittelt dabei aufschlussreiche Einblicke in den Wandel der Kunst und ihrer Auffassung, wie er sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts vor dem Hintergrund tiefgreifender gesellschaftlicher und politischer Veränderungen vollzogen hat. Es ist kein Zufall, dass die Künstlergruppe „Brücke“ ihr Manifest mit den Leitworten „unmittelbar und unverfälscht“ in Holz und August Macke Plakat und Einladungskarte zu einer Ausstellung Rheinische Expressionisten eigenhändig in Linoleum schnitten. Nicht nur ließen sich Bild und Text im Druckstock ideal vereinen und die neuartige Formenwelt in vielfältiger Auflage in die Welt tragen. Auch die Anlehnung an die spirituell wirkende Verbindung von Bild und Text mittelalterlicher Andachts- und Erbauungsbilder war kalkuliert – genau wie das Beieinander der unterschiedlichen Epochen und Gattungen im Almanach „Der Blaue Reiter“.

Endgültigkeit der Formen

Auch oder gerade heute fasziniert der Holz- und Linolschnitt. Das langsame Arbeiten mit dem Messer unter großem körperlichem Einsatz sowie die Endgültigkeit der Formen scheinen im Widerspruch zu unserer schnelllebigen, digital geprägten Zeit zu stehen. Die zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler reflektieren die Möglichkeiten des alten Mediums, seine Wirkung und hinterfragen gängige Wahrnehmungsmuster. Ob Tal R seinen „Almanachin“ eine historische Sammlung von Frühstücksbrettchen schneidet, Christoph Ruckhäberle die Motivwelt Mackes aufgreift oder Gabriela Jolowicz hintersinnig Beobachtungen aus dem Alltag in Szene setzt, die Reminiszenz an die Vorreiter der Moderne ist spürbar.

 

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Bild 1: Holzbüsten mit stempelartigen Worten von Barthélémy Toguo.
Foto: Peter Köster

Bild 2: Großformatiger Holzschnitt von Gert & Uwe Tobias.
Foto: Peter Köster

Bild 3: Ornamentale, aus einzelnen Holzschnitten zusammengesetzten Tapete von Christoph Ruckhäberle.
Foto: Peter Köster