Folkwang-Museum in Essen zeigt Edvard Munch in einer Kabinett-Ausstellung

Von Peter Köster

Essen. Wer an Edvard Munch denkt, denkt unwillkürlich an das Gemälde „Geschrei“. Zweifelsohne eines seiner berühmtesten Werke. Edvard Munch, einer der wichtigsten europäischen Künstler, steht im Zentrum einer Kabinett-Ausstellung mit Gemälden und Grafiken aus der Sammlung des Museum Folkwang. Ein besonderes Highlight liefert Munchs Gemälde „Die Mädchen auf der Brücke aus dem Munch Museum in Oslo“. Diese Leihgabe gehört mit zu der Sammlungspräsentation, die bis zum 22. April in Essen gezeigt wird. Die Ausstellung „Edvard Munch. Sehnsucht und Erwartung“ bildet den Auftakt der neuen Reihe Meisterwerke zu Gast, die in losen Abständen Meisterwerke aus anderen Museen gemeinsam mit Werken der Essener Sammlung präsentiert.

Innere Zerrissenheit des Künstlers

Munchs Werk ist von Liebe, Angst und Tod bestimmt. Die symbolgeladene Atmosphäre verleiht vielen seiner Werke eine unheimliche Komponente. Die Seelenzustände, die innere Zerrissenheit des Künstlers, manifestiert sich in drastischen Bildfindungen, wie etwa in den Werken „Angst“ oder „Geschrei“. Edvard Munch (geboren 1863 Loten – gestorben 1944 Oslo) lebte von 1892 bis 1908 vorwiegend in Deutschland. In Berlin gehörte er einem Avantgardekreis um August Strindberg an; hier entstanden die Hauptwerke, die er im Lebensfries zusammenfasste. Dort fand er erste Förderer und Sammler, die er in großartigen Porträts festhielt. Für Munch eine entscheidende Phase.

Gemälde „Die Mädchen auf der Brücke“

Das Gemälde „Die Mädchen auf der Brücke“, das 1927 entstand und nun erstmalig in Essen gezeigt wird, zeigt drei wartende Mädchen auf dem Landungssteg des Badeorts Åsgårdstrand am Oslofjord. Munch schuf im Laufe von drei Jahrzehnten immer neue Versionen dieses Sinnbilds jugendlicher Hoffnungen und Sehnsüchte. Das Gemälde aus dem Munch Museum ist eine der jüngsten Versionen dieses berühmten Themas und kommt als Gegengabe für die Ausleihe von Paul Gauguins Mädchen mit Fächer (1902) nach Essen. Gezeigt wird das Werk gemeinsam mit drei Gemälden sowie einer Auswahl von 17 grafischen Arbeiten Munchs aus der Sammlung des Museum Folkwang. Bereits der Gründer des Museums, Karl Ernst Osthaus (1874-1921), erwarb zu Beginn des 20. Jahrhunderts wichtige Werke des norwegischen Künstlers. Heute besitzt das Museum eine kleine, hochkarätige Sammlung von Arbeiten Munchs, die drei Gemälde, ein Aquarell und 27 Druckgrafiken umfasst. „Edvard Munch. Sehnsucht und Erwartung“ ist die bisher größte Zusammenschau von Munch-Werken aus der Folkwang-Sammlung.

Für die Sammlungspräsentation wurden Werke ausgewählt, die unterschiedliche seelische Empfindungen thematisieren. Die Arbeiten zeigen einsame Menschen, die des Nachts in ihrem Zimmer wachen oder melancholisch am Meeresufer sitzen. Andere Werke stellen Paare dar, die sich endlich gefunden haben. Munch widmete sich wie kein zweiter Künstler seiner Zeit den Nöten und Sehnsüchten, Sorgen und Erwartungen des Menschen. Krankheit, Angst und Todeserwartung sind Themen, die zum Menschsein dazugehören und an denen Munch nicht vorbei geht. Bildmotive, die uns beunruhigen, die schreckliche Vorkommnisse, Martyrien, den Tod oder Teufel zeigen, waren in der europäischen Bildtradition seit jeher vorhanden, man denke etwa an Albrecht Dürers „Ritter, Tod und Teufel“ oder die symbolgeladenen Phantasien des Hieronymus Bosch. Während jedoch die Bildfindungen des Mittelalters, der Renaissance und des Barock von der christlichen Ikonographie bestimmt sind, entsteht in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Literatur, Bildender Kunst und Musik ein vermehrtes psychologisches Interesse am Unheimlichen, Unerklärlichen und Unfassbaren. Die Beschäftigung mit den schwer fassbaren Formen der Angst beflügelt die Phantasie der Künstler geradezu. Das Dunkle, Mysteriöse, die Schattenseiten des Lebens faszinieren Künstler ebenso wie Rezipienten.

 

BUS:

Edvard Munch „Die Mädchen auf der Brücke,“ 1927 Öl auf Leinwand,
100 x 90 cm Munch Museum Oslo

Edvard Munch „Frauen am Meeresufer,“ 1898 Farbholzschnitt, 45,6 x 51 cm
Foto: Museum Folkwang

Edvard Munch „Mondschein,“ 1896 Farbholzschnitt, 40,8 x 47,2 cm
Foto: Museum Folkwang