Es dauert. Es ist riskant. Es bleibt womöglich für immer

Von Peter Köster

Remagen Bahnhof/Rolandseck. „Der Ofen hat immer das letzte Wort. Der Ton kann beim Brennen reißen, auseinanderfallen, austrocknen vor der Fertigstellung, explodieren und vieles mehr“, sagt Oliver Kornhoff, Direktor des Arp Museums, als er die mit den Kunst-Keramiken bestückte Ausstellung „Es dauert. Es ist riskant. Es bleibt womöglich für immer“ eröffnet, die bis zum 15. Juli gezeigt wird. Stipendiatinnnen- und Stipendiaten des Künstlerhauses Schloss Balmoral sowie des Landes Rheinland-Pfalz zeigen im Bahnhof Rolandeck des Arp Museums eine Leistungsschau ihrer Arbeiten.

Die Erfahrung einer stetigen Veränderung unserer Umgebung machen wir täglich. Gleichzeitig gehört zum komfortablen Dasein des Menschen aber eine gewisse Vorhersehbarkeit dessen, was um uns und vor allem mit uns selbst geschieht. Im Fokus der Residenzaufenthalte 2017/2018 im Künstlerhaus Schloss Balmoral steht die künstlerische Keramik, mit der die Stipendiatinnen und Stipendiaten drei bis neun Monate lang experimentiert haben.

„Kunstwerke sind die beständigsten und darum die weltlichsten aller Dinge.“ Hannah Arendt (Vita activa oder Vom tätigen Leben). Was dauert an, was sind die zeitlichen Aspekte eines Kunstwerkes? Bemisst sich die Zeit nach der Dauer der Herstellung des Kunstwerkes? Wie verläuft der Prozess vom Nachdenken, Recherchieren, Skizzieren bis hin zur Produktion eines Objekts? Wann begegnet das Kunstwerk seinem Publikum? Auf welche Risiken lässt sich der Künstler oder die Künstlerin dabei ein? Wie lange hält eine Betrachterin, ein Betrachter vor dem Kunstwerk inne? Und endlich: Ob überhaupt und wie lange bleibt das Kunstwerk erhalten? All das sind Fragen, deren Antworten für jede künstlerische Arbeit unendlich variieren können und die in der Ausstellung auf mehreren Ebenen zusammenkommen. Das Risiko des künstlerischen Arbeitens kann Mut zu unbequemen oder gefährlichen politischen Themen erfordern, oder umgekehrt. Es gibt ein Bewusstsein über die Abhängigkeit von der öffentlichen Meinung, der Wertung der Kuratorinnen und Kuratoren sowie der Galeristinnen und Galeristen. Zudem begleitet die Künstlerinnen und Künstler stets der Zweifel über das ausgesuchte Material und Verfahren.

Titelgebender Dreiklang

Der gebrannte Ton kann Jahrtausende überleben, geht aber mit vielen Risiken in der Produktion einher: In diesem Material tritt der titelgebende Dreiklang – die Zeit, das Risiko und die Dauerhaftigkeit – mit besonderer Deutlichkeit hervor, denn der Ton ist ein sehr zeitintensives wie risikoreiches künstlerisches Material. Er muss mehrere langwierige Produktionsstufen durchlaufen, die jede für sich mit der Zerstörung drohen, bis es zu einem fertigen Objekt kommt, das für immer erhalten bleiben kann. Die Keramik ist reich an Ausdrucksformen – sie variiert in Haptik, Farbigkeit und Stil enorm. Mit diesem Vorhaben konzipierte die Kuratorin Olga Vostretsova die Ausstellung. Insgesamt 15 Stipendiatinnen- und Stipendiaten des Künstlerhauses Schloss Balmoral und des Landes Rheinland-Pfalz arbeiteten 2017/18 an ihren Projekten in Deutschland sowie in Seoul, Paris und New York. Die in dieser Zeit entstandenen Arbeiten stellen sie nun in den historischen Ausstellungsräumen des Bahnhofs Rolandseck aus, bevor sie im Anschluss in der Alten Post in Pirmasens gezeigt werden. In ihren Werken befragen sie die globalisierte Gegenwart und technologisierte Zukunft, arbeiten mit alten und modernen Mythen, mit der Geschichte der Ideen und Formen, gehen auf politische Themen ein und machen zwischenmenschliche Kommunikation sichtbar. Die Künstlerinnen und Künstler mit Stipendien des Landes Rheinland-Pfalz-Arbeitsstipendien, Aufenthaltsstipendien im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf sowie in der Cité Internationale des Arts Paris, in der Residency Unlimited in New York und im Goyang Art Studio Seoul, führten ihre künstlerische Praxis ohne thematische Vorgaben fort.

Mythische Landschaft durch Licht und Malerei

Die Aspekte der Zeit, des Risikos und der Dauerhaftigkeit kommen aber bei allen ausgestellten Arbeiten auf mehreren Ebenen zusammen: auf der Ebene der Produktion und des Materials, auf thematischer Ebene, als Arbeitsmethoden und schließlich auf der Ebene der Rezeption und der biografischen Hintergründe der Beteiligten. So entwarf Ingo Bracke für die Nische am Eingang des Arp Museums eine begehbare Installation, die an die Präsentationsmechanismen des 19.Jahrhunderts anlehnt. Sie zeigt mittels Licht und Malerei die mythische Landschaft in einer Diorama-, Panorama-, Wunderwelt. Moussekas Installation zeigt ein ganzes Dorf aus Keramik mit seinen Einwohnern, Tieren und Häusern. Dieses verkörpert das pessimistische Nachdenken des Künstlers über sein Herkunftsland Kongo. Eine Begegnung des Neuen und des Alten findet in der Arbeit von Daniel Wetzelberger statt. Der Künstler beobachtet Dinge, die ihn alltäglich umgeben und kommentiert sie mithilfe von Keramik humorvoll und tiefsinnig. Seine Arbeit Profile 1- 5 bringt angebrochene Steinkacheln ins Arp Museum Bahnhof Rolandseck, welches sich unweit von ihrem Produktionsort Sinzig befindet. Diese stammen aus einem vor dem Schloss Balmoral gelegenen Pavillon, dessen Fußboden mit historischen Mosaikfliesen bedeckt ist. Die „guten“ schmücken den Pavillon, und die alten, aussortierten Fliesen mit abgebrochenen Ecken wurden zum Ausgangspunkt für die Profile: fünf dicke Keramikformen – geschlossene Rechtecke oder Rahmen, von denen jede einer Fliese zugeordnet ist.

Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler: Emma Adler, Ingo Bracke, Antye Guenther, Elmar Hermann (in Zusammenarbeit mit Soya Arakawa, Nora Hansen, Anne Hoffmann, Taisiya Ivanova und Olga Vostretsova), Emily Hunt, Berit Jäger, Hayeon Kim, Fabian Knöbl, Alfons Knogl, Maria Kropfitsch, Lambert Mousseka, Emma Perrochon, Yvonne Roeb, Claudia Schmitz, Daniel Wetzelberger. Als Gäste: Ebinger -Schnaß Keramik und Markus Karstieß (IKKG). Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Einen besonderen Beitrag zu dieser Drucklegung leisteten die assoziativen Reaktionen der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler auf den Titel der Ausstellung.

 

BUS:

Bild 1: Emma Perrochon. Oology (work in progress) 2018.
Foto: Peter Köster

Bild 2: Yvonne Roeb, Entre Nous, (Relief) 2017.
Foto: Peter Köster

Bild 3: Hayeon Kim. Stammerer, 2017.
Foto: Peter Köster