Bundeskunsthalle zeigt „California Dreams“: San Francisco – Ein Porträt

Von Peter Köster

Bonn. „If you’re going to San Francisco. Be sure to wear some flowers in your hair“…. Scott McKenzies Welthit ist eine Hommage an die Stadt am Pazifik. Auch wenn die Hippi-Ära (Markenzeichen: Blumen im Haar) mittlerweile Geschichte ist, so weht doch noch immer ein Hauch der Flower Power Zeit durch San Francisco. Die Ausstellung „California Dreams“, die bis zum 12. Januar 2020 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen ist, zeichnet ein Bild dieser historischen Metropole und unternimmt gleichzeitig den Versuch, mit so manchem Klischee aufzuräumen.

Golden Gate Bridge

San Francisco ist bekannt für die Golden Gate Bridge oder die Tech-Industrie. Die Ausstellung „California Dreams“ zeichnet ein vielfältiges Panorama der Stadt San Francisco über vier Jahrhunderte. Seit dem Goldrausch im 19. Jahrhundert gibt es den Mythos vom Sehnsuchtsort Kalifornien. San Francisco und Kalifornien als ganze Region stehen seit jeher symbolisch für die Träume von einem „besseren Leben“: Träume von Wohlstand und Überfluss, von anderen (zuweilen utopischen) Gesellschaftsordnungen, innovativen Lebensentwürfen und künstlerischen Perspektiven sowie von neuen wissenschaftlichen und technologischen Horizonten. Sowohl der pazifisch-asiatische Raum im Westen als auch Europa im Osten haben San Francisco nachhaltig geprägt. Mit Kunstwerken und historischen Objekten erzählt die Ausstellung die wechselvolle Geschichte dieser Stadt, von der immer wieder weltweite Impulse ausgingen. So berührt die Schau wichtige globale Fragen unserer Gegenwart, besonders die Themen Migration und Vertreibung. Die Schau würdigt San Francisco als einen Ort, dessen pluralistische Identität bis heute stetig neu verhandelt werden muss.

Im Silicon Valley

Immer relevant bei den „California Dreams“: Die Themen Migration und Verdrängung. Zuerst gerieten die Indianer der Westküste zwischen die Fronten der Eroberer. Heute sind es die Obdachlosen, die im Silicon Valley von den Bürgersteigen vertrieben werden, damit es dort genügend Stellplätze für die neuen E-Scooter gibt. Die Bundeskunsthalle klammert außerdem nicht aus, dass für den Traum von einem besseren Leben immer auch Minderheiten ausgegrenzt oder ausgebeutet wurden. Deshalb liegen Schwerpunkte auf den Schicksalen der chinesisch- und japanisch-stämmigen Kalifornier: Sie litten zeitweise unter Berufsverboten und Enteignungen oder wurden während des zweiten Weltkriegs interniert.

Über 300 Kunstwerke und historische Artefakte

Die Bonner Ausstellung spannt den Bogen über vier Jahrhunderte Geschichte. Gut 300 Objekte geben einen Eindruck von Kalifornien und insbesondere San Francisco als Orte mit weltweiter Anziehungskraft: Biografien und Gemälde erzählen vom Goldrausch, vom rasanten Wiederaufbau nach dem großen Erdbeben von 1906, von der Hippie-Ära und der Homosexuellen-Befreiungsbewegung. So kann noch bis Januar 2020 beispielsweise die Originalkleidung von Apple-Gründer Steve Jobs neben dem traditionellen Rock einer Miwok-Indianerin bewundert werden, oder man spaziert durch Exponate aus dem Wilden Westen. „Die wunderbare Arbeit von Doug Hall: eine zehn Meter große Doppelprojektion, wo man wirklich eintaucht in die Bucht von San Francisco“, beschreibt Henriette Pleiger, eine der beiden Kuratorinnen der Ausstellung. „Man fährt mit einem großen Containerschiff unter der Golden Gate Brücke durch und erlebt quasi Wasser, Pazifik, das Maritime.“

„Yerba Buena“ (gutes Kraut)

Naturgewalt und wirtschaftliche Power – als wäre man vor Ort: Wie eine Aktualisierung des berühmten Turner-Gemäldes „Regen, Dampf und Geschwindigkeit“ wirken auch andere Gemälde, Fotos und Projektionen in Riesenformaten. Daneben historische Gebrauchsgegenstände der indigenen Bevölkerung, sowie, im chronologischen Verlauf, die „Olivetti“-Schreibmaschine von Allen Ginsberg und eine „Levi Strauss“-Jeans. Alles fast wie zum Anfassen: Man taucht ein in die vielen Facetten der „California Dreams“. Spannend zu sehen, wie sich, als man Mitte des 19. Jahrhunderts Gold fand, die Einwohnerzahl innerhalb weniger Monate verzwanzigfachte und aus dem Dorf „Yerba Buena“ (gutes Kraut) San Francisco erwuchs. Wie man – eigentlich komplett irrational – ein kolonietypisches rechtwinkliges Straßennetz über Hügel legte und so „Die Straßen von San Francisco“ entstanden, die dann 1906 nach dem großen Erdbeben in Schutt und Asche lagen.

Sylvia Kasprycki, Mitkuratorin von „California Dreams“, macht deutlich, dass die Ausstellung nichts verherrlichen wolle. „In vielerlei Hinsicht sind all diese revolutionären gesellschaftlichen Bewegungen eine Reaktion auf vorhergehende Missstände. Wir zeigen, wie der Goldrausch zu Umweltverschmutzung geführt hat. Bis heute ist die San Francisco Bay Area durch hydraulische Bergbauverfahren mit Quecksilber verseucht. Das ist die Schattenseite, die bis heute nachwirkt. Auf der anderen Seite zeigen wir, dass Kalifornien heute die progressivste Umweltpolitik macht in den gesamten USA.“

Eine Geschichte der Welt im Kleinen

„California Dreams“ zeigt eine Geschichte der Welt, mit Fokus auf San Francisco. Der kalifornische Traum, diese Utopie von Freiheit, Mut und Widerstandskraft? „Da ist schon etwas dran und davon bleibt am Ende der Ausstellung noch etwas übrig“, glaubt Sylvia Kasprycki und ergänzt: „Diese besondere Identität San Franciscos zeigt sich ganz aktuell wieder und über die Schau hinaus. Diese Geschichte wird weiter geschrieben.“

 

BUS:

Bild 1: Originalkleidung von Apple -Gründer Steve Jobs.
Foto: Peter Köster

Bild 2: Musikalische Heroen der Hippie-Ära Janis Joplin und Jimi Hendrix.
Foto: Peter Köster  

Bild 3: Liu Hung Resident Alien 1988 Öl auf Leinwand San Jose Museum of Art © San Jose Museum of Art.
Foto: Peter Köster