Talking Art führte ein Gespräch mit der Künstlerin Bertamaria Reetz anläßlich ihrer Einzelausstellung

Kämpfen und Spielen – AT KÆMPE OG LEGE
im dänischen
KUNSTCENTRET SILKEBORG BAD vom 12.1.2019 bis 29.4.2019

Talking Art: Welche Umstände führten zu einer Ausstellung von Bertamaria Reetz in Dänemark?

Bertamaria Reetz: Frau Jette Philipsen nahm im Namen der Europäischen Bewegung „Europabevaegelsen Region Oestjyland“ Kontakt mit mir auf, um die blaue Friedensherde in der Europastadt Aarhus 2017 an geeigneter Stelle einem interessierten Publikum vorzustellen. Nach dem Event in Aarhus nahm sie die Bewerbungsunterlagen für meine künstlerische Tätigkeit mit und leitete diese an die Direktorin des KunstCentret Silkeborg Bad, Frau Iben From, weiter. Von da an war der Kontakt zu Frau From hergestellt und alles entwickelte sich für eine Ausstellung in Silkeborg.

Talking Art: Welche besondere Beziehung hat Bertamaria Reetz zur Künstlerin Käthe Kollwitz?

Bertamaria Reetz: Käthe Kollwitz wurde in einer persönlichen Lebenskrise zu meiner Bezugsperson: Das Leben und soziale Engagement, ihr Wirken gegen Krieg, Hunger, Ungleichbehandlung und für gesellschaftliche Probleme ihrer Zeit wurde zum Ansporn für meine eigene soziale Betätigung. Auch das zeichnerische Schaffen der Kollwitz und ihr Herantasten an die Bildhauerei wurden für mich zum Vorbild für meine eigene künstlerische Arbeit. Gesellschaftliche Probleme stehen mir ganz nah, wo ich immer etwas verändern möchte, und da sehe ich auch nicht zu, da greife ich ein! Ich finde, als Künstlerin oder als Künstler sollte man sich nicht nur an der Leinwand bewegen, sondern man sollte auch den Zeitgeist einfangen.

Talking Art: Was ist ein Schwerpunkt des malerischen Werks?

Bertamaria Reetz: Ich widme mich dem Menschen und seinen Emotionen. Die Gesichter sind oft schemenhaft verhüllt und bieten so nur Momentaufnahmen, die andererseits dem Betrachter das Ergründen eigener Emotionen und Befindlichkeit erlaubt. Immer wieder scheint sich der Betrachter beobachtet zu fühlen, obwohl andererseits Augen und Mimik der gemalten Gesichter stark abstrahiert sind.

Talking Art: Wieso läßt sich bei den Gesichtern oft gar nicht auf ein Alter schließen, manche wirken jung, manche alt?

Bertamaria Reetz: Mein großes Thema ist „Werden und Vergehen“, das im übertragenen Sinne auch auf das gesellschaftliche Miteinander anzuwenden ist. Meine Werke appellieren an das Miteinander und das gegenseitige Verantwortungsgefühl, das oft heute nicht mehr funktioniert, aber in gesellschaftlichen Krisen wie etwa Kriegen und Katastrophen ganz verloren geht.

Talking Art: Warum sind die Bilder farblich so stark reduziert?

Bertamaria Reetz: Farblichkeit würde von der eigenen Reflektion, dem Blick in das innere Ich, auf die eigenen Gefühle und Emotionen ablenken. Die Reduktion ermöglicht Kontemplation.

Talking Art: Warum haben die Bilder diese Größe?

Bertamaria Reetz: Es geht mir um Eindringlichkeit, aber nicht um Überwältigung – und: ich brauche die Freiheit der Größe, ich empfinde eine Freude an der Freiheit. Ich brauche Luft, und deshalb überschreiten meine Gesichter und Antlitze oft die Begrenzung der Leinwand.

Talking Art: Bertamaria Reetz präsentiert auch Zeichnungen. Warum ist Ihnen das Zeichnerische so wichtig?

Bertamaria Reetz: Lange Zeit habe ich immer wieder einen ganzen Monat im Jahr gezeichnet, um meine handwerklichen Fähigkeiten auf einem Level zu halten. Die Bewegungen der Hand durch den Zeichenstift und das konzentrierte Auge auf die Zeichnung kamen auch der Malerei zugute. Von daher habe ich mit dem Zeichnen wieder angefangen, was mir viel Freude bereitet.

Talking Art: Auch das plastische Werk beschäftigt sich mit dem Menschen. Warum Hände?

Bertamaria Reetz: Das eigene Gefühl, mit den Händen etwas zu schaffen, zu bewirken, wird auf die Plastik übertragen. Schon bei der Malerei verwende ich nicht etwa Pinsel und Spachtel, sondern male mit den Händen. Ich muss das Gefühl haben, mit den Händen modellieren zu können. In der Plastik konzentriere ich mich auf Arbeiterhände, Hände, die etwas geschaffen haben, die geschuftet haben, deren Anmutung und Haptik eine ganze oft bittere und harte Lebensgeschichte erzählen kann. Ich wende mich damit bewußt gegen die Verkopfung in der Gesellschaft und in der Kunst. Das sind nicht die Hände von Intellektuellen, sondern die Hände der arbeitenden und oftmals verarmten Menschen, die mit ihrer Hände Kraft überleben müssen.

Talking Art: Ihr soziales Engagement als Künstlerin spiegelt sich nicht nur im bildnerischen und bildhauerischen Schaffen, sondern auch im Projekt der Blauen Friedensherde. Aber wieso blau?

Bertamaria Reetz: Das besondere Ives-Klein-Blau findet – als Friedensfarbe – seine Entsprechung im Blau der EU, der UN, der UNESCO oder UNICEFF. Sie ist die Farbe der europäischen Friedensbewegung. Als kurzzeitiges Kunstevent macht seit 2009 eine Herde von 50 bis 100 dieser Blauschafe im Rahmen einer europäischen Ausstellungstour Station in den Städten, die sich an der Aktion beteiligen. Ich appelliere damit an soziale Verantwortung und werbe für eine tolerante Geisteshaltung. Alle sind gleich – Jeder ist wichtig!