Spannungsreiches Ausstellungsportfolio im Stadtmuseum Siegburg

Von Peter Köster

Siegburg. Das Stadtmuseum in Siegburg: klein aber fein: In der 230 Quadratmeter großen Wechselausstellung werden jedes Jahr besondere Ausstellungen zeitgenössischer Kunst durchgeführt. So wie 2018, als sich dort Markus Lüpertz ein Stelldichein gab. Oder gegenwärtig wie mit der großen Heinz Mack-Schau, zu sehen noch bis zum 17. März, die im Zusammenwirken mit dem ebenfalls in Siegburg ansässigen Katholisch Sozialen Institut (KSI) veranstaltet wird.
„Malerei Gaby Kutz – Ars Politica“ nennt Gaby Kutz ihre Ausstellung, die das Museum vom 24. März bis 5. Mai zeigt. Das OEuvre von Kutz aktiviert Erinnerungen zu Aspekten deutscher Geschichte und aktueller politischer Themen. Auf der Grundlage von Fotografien der Zeitgeschichte bildet Gaby Kutz Menschen ab, die sich aktiv für ein demokratisches Staatswesen, für Friedens- und Freiheitspolitik eingesetzt haben. Die Zeitspanne der von ihr gewählten Motive und Szenen umfasst den Zeitraum der 1950er Jahre bis heute. Die Ausstellung umfasst drei große Themenzyklen, die Gaby Kutz bewegen: Politiker und Freigeister in Szenen aus den 1960er Jahren bis 2015; Folgen politischer Entscheidungen mit Bildserien von den 68ern und der RAF bis zum Weltwirtschaftsgipfel 2007 sowie Szenen mit Bezug zu folgeschweren Ereignissen in Europa wie dem Fall der Mauer, den Flüchtlingsbewegungen oder politischen Attentaten.

Steinzeug in alten Gemälden vom 19.5. bis 14. 7.

Siegburg ist die Stadt der Keramik und da ist es nur folgerichtig, sich mit diesem Material näher auseinanderzusetzen. „Steinzeug in Gemälden Alter Meister“ heißt die Ausstellung, die vom 19. Mai bis 14. Juli gezeigt wird. Steinzeuggefäße des Mittelalters und der frühen Neuzeit aus Siegburg waren teuer und begehrt, die Trinkgefäße und Schenkkannen wurden als herausragende Prestigeobjekte gehandelt. Daher wundert es nicht, dass diese Gefäße auch auf Gemälden ihrer Zeit zu finden sind – auf Bildern mit Innenraumszenen, wo scheinbar absichtslos platzierte Steinzeuggefäße den dargestellten Szenen einen Anschein von realem Alltagsleben geben; tatsächlich waren sie aber ein Symbol für die Wohlhabenheit des Hauses und seiner Bewohner. Auch Küchenstücke mit Siegburger Steinzeug spiegeln nicht die Küchenausstattung der Zeit, sondern weisen indirekt auf prunkvolle Tafeleien hin. In Stillleben und Blumenstücken gezeigte wertvolle Siegburger Becher und Krüge korrespondieren gleichnishaft mit der vornehmen Gesinnung des Auftraggebers. Für diese Ausstellung werden erstmals Reproduktionen von historischen Gemälden mit Siegburger Steinzeug zusammengetragen und den originalen Gefäßen gegenüber gestellt.

Vanessa Niederstrasser vom 21. 7. – 8. 9.

„Malerei und Objekte – Evolution of my State“ lautet der Titel der Ausstellung von Vanessa Niederstrasser, die vom 21. Juli bis 8. September präsentiert wird. Zunächst studierte Niederstrasser Architektur, um dann zur freien bildenden Kunst zu wechseln. Die Affinität zu Ecken, Kanten und spitzen Formen, die aus ihrer Kunst spricht, mag von diesem ursprünglichen Interesse herrühren. In ihren Anfängen als freischaffende Künstlerin formte sie aus Silikontupfen Kugeln und steckte sie auf im Wald gefundene und in der gleichen Farbe eingefärbte Äste. So entstanden bizarre Skulpturen, die wie futuristische Gewächse anmuten. Auch humorvolle figürliche oder amorphe Gebilde fanden auf diese Weise Gestalt. In den USA, wo sie seit etwa zehn Jahren lebt, drängten sich ihr überall Dreiecks- und Rautenformen auf, die dort als Warn- und Achtungsschilder eingesetzt werden, Straßenmarkierungen, Warnkegel, Schachtabdeckungen. Es sind Symbole übertriebener Sicherheitsmaßnahmen, die dem Einzelnen die Eigenverantwortung entziehen und die individuelle Denk- und Entscheidungsfähigkeit reduzieren.

Werner Fritz vom 15. 9. bis 10. 11.

Eine Art Wiederentdeckung ist Werner Fritz. „Drei Malerei und Zeichnung“ unter diesem Thema widmet das Stadtmuseum dem „eher stillen Künstler“, wie ihn die Museumsdirektorin Gundula Caspary bezeichnet, eine Ausstellung. Dauer: 15. September bis 10. November. 2,10 x 2,30 m mit Leinwand bespannte Keilrahmen. Der formale Rahmen ist fest und unumstößlich. Innerhalb dessen beginnt ein langer Prozess des Ringens um jedes Bild. Schicht um Schicht, mit vielen Übermalungen geht es um die Spannung zwischen Vorder- und Hintergrund, um die gegenstandslose und doch in der Figürlichkeit begründete Bildkomposition, die motivlos, verwirrend präzise und klar daherkommt. Werner Fritz zeigt erstmalig in diesem Umfang großformatige Malerei. Einige der gezeigten Bilder sind eigens für diese Ausstellung entstanden. Ihren Ursprung hat die Malerei in teils fingernagelgroßen Skizzen, deren Spontanität im großen Format eine eigene Dynamik entwickeln. Im Kontrast zur Malerei stehen die sehr minimalistischen Silberstiftzeichnungen auf grundiertem Papier. Auch hier geht die Figürlichkeit in einer ornamentalen Gegenstandslosigkeit auf.

René Böll vom 17. 11. – 12. 1. 20

„René Böll – Tiktaalik Malerei und Gedichte“, vom 17. November bis 12. Januar 2020 steht der bekannte Künstler (Sohn des berühmten Vaters Heinrich Böll und dessen Nachlassverwalter) im Zentrum der Siegburger Schau. Fasziniert von dem „Tiktaalik“ genannten Urtier, das wohl als eines der ersten Lebewesen das Meer verlassen hat, widmet sich Böll mit seinen malerischen Mitteln auf der Basis akribischer Studien den Facetten der Evolution seit ihrem Ursprung des Lebens im Wasser. Er durchschreitet dabei Jahrmillionen an Entwicklungsgeschichte vom Hadaikum über das Tiktaalik im Oberdevon sowie dem Blaufußtölpel bis hin zum Holozän, dem Menschen. Dabei stellt sich der Künstler die Frage, was aus dieser Urzeit noch in uns steckt, „wieviel vom Meer wir noch in uns tragen“. Mit Aquarell, chinesischer Tusche oder Silberstift formuliert er eine dem Menschen immanente Frage nach dem Sein, deren Antwort jedoch im Ungewissen liegt, ebenso wie die Entschlüsselung der Bilder René Bölls, die stets geheimnisvoll bleiben. Gedichte des Künstlers zum Thema runden die Ausstellung ab.

 

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Bild-1: Gabi Kutz © Foto Thomas Paulus Fotografie

Bild-2: Siegburger Steinzeug in Gemälden Alter Meister Georg Flegel, Stillleben, 17 Jh. © Wikipedia

Bild-3: Vanessa Niederstrasser © Vanessa Niederstrasser

Bild-4: Werner Fritz Werner Fritz, o. T., 2014 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Peter Oszvald

Bild-5: René Böll René Boll, o. T., 2014 – 2018 © Samay Böll 2018