Bis zum 29. April: „August Sander: Das Gesicht der Landschaft“

Siebengebirgsmuseum zeigt berühmten Fotografen in einer beachtenswerten Ausstellung – Fotografie als künstlerisches Medium – Schau mit 70 Werken 

Von Peter Köster

Königswinter/Köln. Bereits seit der Antike und durch alle Epochen hindurch haben Künstler Porträts von Menschen geschaffen. Damit ist dieses Genre eines der zentralen Themen innerhalb der Kunstgeschichte. Verbunden mit dem Menschen und der Vergegenwärtigung von Aspekten der Individualität und Identität, Momenten gesellschaftlicher und kultureller Zusammenhänge oder auch sozialer Bindungen gehört das Porträt auch in der aktuellen Kunst – und hier vor allem in der Fotografie – zu den wichtigen und sich immer wieder neu formulierenden bildnerischen Inhalten. Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie ermöglicht einen umfangreichen Überblick über die zeitgenössische Porträtfotografie am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Originale Glasplattennegative

Das Siebengebirgsmuseum Königswinter (Museum für Rheinromantik) zeigt in Kooperation mit der Photographischem Sammlung/SK Stiftung Kultur Köln die Ausstellung „August Sander: Das Gesicht der Landschaft“. Die in die Ausstellung einbezogenen analog erarbeiteten Werke entstanden auf Basis der von August Sander (1876 – 1964 Köln) hinterlassenen, originalen Glasplattennegative und wurden in den 1990er bis in die 2010er Jahre in der Photographischen Sammlung/ SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln, handgefertigt. Einige der 70 Arbeiten werden zum ersten Mal vorgestellt. Ähnlich wie bei seinen Portraits verfolgte der Fotograf die Absicht, den Charakter einer Landschaft oder Region zu beschreiben. Die Ausstellung, die bis zum 29. April läuft, zeigt panoramatische Ansichten im Landschaftswerk des Fotografen, zudem Straßen und Ortsansichten, Ansichten von Baumgruppen, von Wegen und Wäldern, von Gesteinsformationen und der Vegetation bis zu Nahansichten einzelner Pflanzen. Dabei spielten für den Naturliebhaber August Sander die Orchideen eine wichtige Rolle.

Einen Einblick in den Arbeitsalltag des Berufsfotografen August Sander bieten einige original gerahmte Familien- und Gruppenportraits, die der Sammler Christoph Beyer als Leihgaben zur Verfügung stellte. Sie entstanden als private Auftragsarbeiten in den Jahren 1910 bis 1930. Auch in diesen Arbeiten Sanders zeigt sich die für ihn typische Sorgfalt der Bildkomposition, die für sein künstlerisches Portraitwerk ebenso charakteristisch ist wie für seine landschaftlichen Arbeiten. Fotografische Einzelbilder, Sequenzen, Dokumente, zeigen den Menschen in unterschiedlichen Lebensräumen, befassen sich mit seiner Präsenz im fotografischen Bild und mit der Bedeutung des Porträts in individualisierender, typisierender, kultureller und auch abstrahierender Hinsicht. Ablesbar wird zudem der Wandel, den die Fotografie in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat, sei es mit Blick auf die analoge und digitale Technik, sei es mit Blick auf die breitere künstlerische Akzeptanz. Sanders Aufnahmen zwischen Mikro- und Makrokosmos entstanden überwiegend in den 1920er/30er Jahren. Sie repräsentieren eine seinerzeit moderne ästhetische Auffassung im Kontext der sachlich dokumentarischen Fotografie.

Fotografien aus Sanders Labor

Der über drei Jahrzehnte in Köln ansässige Fotograf zählt zu den weltweit bekanntesten Vertretern seiner Disziplin. Fotografie war für August Sander  sowohl ein Instrument zur sachlich dokumentarischen Erfassung als auch ein künstlerisches Medium. Sein Ziel war es, mittels verschiedener Motivgruppen ein weitgefasstes, möglichst naturgetreues Zeitbild wiederzugeben. Diesbezüglich wurden vor allem seine Porträts immer wieder viel zitiert, jedoch auch seine Landschaften und botanischen Studien untermauern seine Intention in bemerkenswerter Weise. „Das Gesicht der Landschaft“: Sander war von der Physiognomie der Menschen ebenso fasziniert wie von der „Physiognomie der Landschaft“, worunter er die Spuren des Wandels alternierender Landschaftsformen verstand. Geologische oder botanische Eigenschaften fanden ebenso seine Aufmerksamkeit wie kulturell spezifische Gestaltungen und Nutzungen. Stimmungen und atmosphärischen Feinheiten spürte er nach, um gewissermaßen die Mimik des Ganzen zu erfassen. Es sind zum großen Teil Fotografien aus August Sanders Labor: Feine Vergrößerungen, deren Graustufen und Verläufe präzise gehandhabt sind. Sander konnte Gesichter, Kleider, Schatten und Hintergründe irgendwie zusammengießen, verdichten und verweben. Die Einheit des einzelnen Bildes ist viel höher zu bewerten als die Einheit des geplanten Werks.

August Sander stammt aus einem winzigen Städtchen namens Herdorf im Westerwald, wo die Kleinbauern als Genossenschaftler auch Erz förderten und verhütteten – das Arbeitsjahr wurde zwischen Feld- und Industriearbeit saisonal unterteilt. Noch vor dem Ersten Weltkrieg, in dem er Soldat war, hatte er sich mit einem mittelständischen Fotobetrieb im österreichischen Linz etabliert. In der Nachkriegszeit bekommt er in Köln Kontakt mit den „progressiven Malern“, als Patriarch unter Freigeistern, als Handwerksmeister inmitten der revolutionär gestimmten Boheme. Der Fotograf genießt heute international hohe Anerkennung als Wegbereiter einer Positionierung der Fotografie unter den modernen künstlerischen Medien. Seine Arbeiten sind in vielen großen Sammlungen innerhalb und außerhalb Deutschlands – sehr stark auch in Museumssammlungen in den USA – vertreten. Zahlreiche Ausstellungen und Veröffentlichungen würdigten und würdigen sein Werk. Mit ihrer Sammlungs- und Ausstellungstätigkeit spielt in diesem Zusammenhang die Kölner Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur eine wichtige Rolle. Dort wird das August Sander Archiv betreut. Köln besitzt den weltweit größten Bestand zum Werk des Fotografen.

„Menschen des 20. Jahrhunderts“

Oft schon stand in der Vergangenheit Sanders Portraitwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ im Zentrum der Rezeption, wenn auch einzelne Publikationen und Ausstellungen sich mit Sanders Arbeiten auf dem Gebiet der Landschaftsfotografie befassten. Mit dem aktuellen Projekt soll dieser Aspekt unter der speziellen Themenstellung von Sanders „Rheinlandschaften“ vertieft werden. Ein zentraler Schwerpunkt der Arbeit des Siebengebirrgsmuseums mit der Stadt Königswinter und dem Heimatverein Siebengebirge bezieht sich auf die Rezeption von Landschaft in unterschiedlichen Manifestationen wie Literatur, Malerei oder Fotografie. Die Wahrnehmung und der Wandel von Landschaft sind zentrale Motive vieler Fotografen, unter denen August Sander bis heute eine unbestritten prägende Position einnimmt. Seinen Wahrnehmungsweisen und Themen nachzuspüren, stellt dabei eine besondere Herausforderung dar, die im Kontext der Arbeit des Siebengebirgsmuseums einen passenden Rahmen findet. Eine Medienstation innerhalb der Ausstellung zeigt Gegenüberstellungen von Sander-Fotografien mit heutigen Ansichten von jeweils demselben Standort. Diesem Projekt widmete sich der Fotograf Gerhard Fleischer. Fleischer verfolgt in seinem aktuellen Projekt das Ziel, eine Reihe der von Sander aufgenommenen Ansichten möglichst exakt nachzuempfinden. Dazu sucht er denselben Aufnahmestandpunkt auf und wartet möglichst ähnliche Lichtverhältnisse ab. In der direkten Gegenüberstellung der Fotografien bei großer zeitlicher Distanz werden Veränderungen des Landschaftsbilds z. B. hinsichtlich der Nutzung oder des Bewuchses besonders deutlich.

 

BU:

Bild 1
August Sander als Titelbild. Foto: Peter Köster

Bild 2
Ruine Heisterbach, 1930.

© Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn, 2017

Bild 3
August Sander im Siebengebirge, um 1941.

© Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn, 2017

Bild 4
Ein Motiv aus dem Siebengebirge, 1938

© Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn, 2017