„Aufgeblättert“ Grafikmappen aus der Sammlung Mülstroh und des LVR-LandesMuseums Bonn

Von Peter Köster

Bonn. Unter dem Titel „Aufgeblättert. Grafikmappen aus der Sammlung Mülstroh und der Sammlung des LVR-LandesMuseums Bonn“ zeigt das LVR-LandesMuseum Bonn bis zum 25. August eine Ausstellung mit herausragenden Grafikmappen. Dazu zählen Mappenwerke, die bisher ausschließlich im Depot lagerten.

Mappenwerke bieten als eigenständige Kunstform mit dem Aufklappen, Aufblättern und Entdecken der einzelnen Blätter einen besonderen Reiz. Wie kaum eine andere künstlerische Form sind sie zudem Spielwiese jener experimentierfreudigen und spannenden Zwischenbereiche, in denen sich die Wege von Literatur, Bild, Schriftkunst und Materialästhetik in Leinenboxen, Holzkästen, Schubern und Büttenpapierumschlägen kreuzen. Und doch liegen sie die meiste Zeit verborgen im Depot, denn ihre Lichtempfindlichkeit und das zugleich oft umfangreiche, großformatige, meist nicht zur Rahmung oder Hängung an der Wand vorgesehene Material macht sie zu äußerst seltenen Gästen in den Ausstellungsräumen der Museen.

Grafische Sammlung umfasst 7000 Blatt

Die grafische Sammlung des LVR-LandesMuseums Bonn mit ihrem Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert umfasst etwa 7000 Blatt, darunter auch zahlreiche Mappenwerke. In besonderer Weise wird sie durch die Dauerleihgabe der Sammlung Mülstroh bereichert, in der Künstlermappen ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. In der aktuellen Ausstellung präsentiert das Haus nun bisher nicht gezeigte Schätze, die das breite Spektrum dieser Gattung zeigen – sei es die konzentrierte Serie eines einzelnen Künstlers, die um ein spezifisches Thema kreist oder das künstlerische „Teamwork“ zu einem speziellen Ereignis, sei es der bildliche Dialog mit Literatur oder die prominente Edition als Spiegel einer Stilrichtung oder Künstlervereinigung.

Für Prominenz steht der Name Karl Otto Götz (1914–2017). Anhand der ausgestellten Mappe „Selbst“ (1946–1983) aus dem Bestand des Museums lässt sich die Entwicklung der Arbeiten von K.O. Goetz sehr schön nachvollziehen. Bereits 1933 entstehen erste abstrahierende Arbeiten, die sich noch stark am Surrealismus und Expressionismus orientieren. Im Laufe der Zeit legt K.O. Goetz seine frühen Tendenzen zugunsten der vollständig abstrakten Kunst immer weiter ab und etabliert sich spätestens ab den 1950er-Jahren als einer der Hauptvertreter der gegenstandslosen Kunst (Informell) in Deutschland. Diese spontane, gestischen Strömung etabliert sich nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem im Westen Deutschlands.

Zum „Informell“ zählt auch Hann Trier (1915–1999). Das LandesMuseum verwahrt in Zusammenarbeit mit der Kunststiftung Hann Trier den gesamten Nachlass des Künstlers. Dazu zählt auch das Buch „Tiresias“. In einer Vitrine kann es mit sogenannten Andrucken verglichen werden – Probeabzüge, bei denen die Qualität und das Zusammenspiel von Druckvorlage, Farbe und Papier geprüft wird. „Das Mappenwerk „Tiresias“ 1951, verbindet auf eindrückliche Weise Schrift und Bild. In vier gefalteten Doppelbögen, also 16 Buchseiten, wird die Schrift in die Darstellung miteinbezogen – der Text wird zum Bild und damit selbst zum Kunstwerk. Kunst und Literatur werden besonders eng verknüpft. Die antike Fabel, die Trier hier im Wortlaut von G. E. Lessing (1729–1781) wiedergibt, erzählt von der Verwandlung des Sehers Tiresias in eine Frau und wieder zurück zum Mann“, so die Kuratorin Anja Roser.

„Arche II“ fasst vier Holzschnitte zusammen

Aus der Sammlung Mülstroh stammt das Mappenwerk „Die Arche II“ von HAP Grieshaber (1909-1981). 1909 als Helmut Andres Paul Grieshaber im oberschwäbischen Rot geboren, setzte sich HAP Grieshaber schon während seiner Lehre zum Schriftsetzer und des Studiums der Kalligrafie intensiv mit der seit Jahrhunderten bekannten Technik des Holzschnitts auseinander, den er neu entdeckte und durch seine expressiven und monumentalen Darstellungen in die Sprache der Moderne übertrug. In dem Mappenwerk „Die Arche II“ hat der Künstler vier Holzschnitte zusammengefasst und sie thematisch dem christlichen Bereich um Noah und seine Arche entlehnt. Inspiration erhielt er von der landschaftlichen Umgebung der Achalm in der Schwäbischen Alp. Das Buch, das den Grafiken in der Leinenkassette beiliegt, enthält zahlreiche Abbildungen von weiteren Arche-Motiven sowie Texte vom Künstler selbst.

Auch James Reineking (1937–2018) entstammt der Sammlung Mülstroh. Der US-Amerikaner Reineking war vornehmlich Bildhauer und lebte seit 1980 in Deutschland. Mit seinen Skulpturen ist er vor allem im öffentlichen Raum vertreten. Seine Werke sind dadurch gekennzeichnet, dass er eine zunächst einfache Form zerschneidet, verbiegt und neu arrangiert. Ähnliches gelingt ihm auch in der Zweidimensionalität der Grafik. Die ausgestellte Edition besteht aus drei Aquatintadrucken und einem erläuternden Textblatt. Die Grafiken zeigen jeweils einen Viertelkreis als Ausgangsform; aus dieser wurde ein Teil herausgeschnitten und umgeklappt, sodass sich eine völlig neue Form ergibt. Die Mappe ist ein Beispiel dafür, wie Künstler ihren jeweiligen Charakteristiken in verschiedenen Kunstgattungen Ausdruck verleihen.

Bonner Wiederentdeckungen der 1960er

Nachdem im Zweiten Weltkrieg der Gründungsbau des LandesMuseums aus dem Jahr 1898 zerstört worden war, wurde am 18. Juli 1967 der Neubau eröffnet. Zu diesem Anlass stellte der Kunstverein für den Stadt- und Landkreis Bonn und für den Siegkreis e.V. eine ganz besondere Mappe, bestehend aus einer Aquatintaradierung, ein Holzschnitt, zwei Linolschnitte, ein Offsetdruck, eine Radierung, eine Kreidelithografie, zusammen. Auf dieses besondere Ereignis verweist bereits der Deckel, auf dem der Titel, das Datum und der Kunstverein vermerkt sind. Die Mappe ist in dieser Zusammenstellung ein Unikat – die insgesamt sieben Blätter sind Jahresgaben von 1967 der jeweiligen Künstler an den Kunstverein. Obwohl die sieben Beteiligten unterschiedliche Techniken für ihre Grafiken nutzen, verbindet sie ihre persönliche oder künstlerische Beziehung zum Rheinland. Die Zusammenstellung der Mappe aus der Sammlung des Hauses vermittelt somit auch einen Einblick in die hiesige Kunstentwicklung der 1960er-Jahre und fördert Wiederentdeckungen wie Paul Magar Joseph Fassbender oder Hans Juan Dotterweich zu Tage, die aktiv in der rheinischen Kunstszene tätig waren. Außerdem beteiligte Künstler: Ben Granzer, Arno Reins, Johannes Schreiter, Manfred Weil.

 

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Bild 1: Aquatintaradierung, die zur Mappe verschiedener Künstler gehört, die zur Neueröffnung des Rheinischen Landesmuseums Bonn 1967 übergeben wurde.
Foto: Peter Köster

Bild 2: Holzschnitt von HAP Grieshaber.  
Foto: Peter Köster

Bild 3: Edition 48: Verschiedene Künstler: 1648/1998 Krieg und Frieden.
Foto: Peter Köster