„Aufbruch der Frauen in die Politik der Moderne“

Von Peter Köster

Bonn. 2019 jährt sich zum 70. Mal die Verabschiedung des Grundgesetzes, in der die Gleichberechtigung von Frauen und Männern zementiert wurde. Das Frauenmuseum Bonn nimmt dies zum Anlass für eine mehrteilige Ausstellung zum frauenpolitischen Aufbruch. Das Gesamtthema lautet: „Von der Gleichberechtigung zur Selbstbestimmung“. Die Ausstellung wird bis zum 1. November gezeigt.  

Der erste Teil der Schau thematisiert den Kampf um politische Partizipation anlässlich des 100jährigen Jubiläums des Frauenwahlrechts. Teil zwei behandelt das Thema: „Kampf um die Verankerung der Gleichberechtigung im Grundgesetz der BRD bis zu den ersten Ministerinnen in der Bundesregierung“. Den Abschluss liefert „Frauen am Bauhaus“ als Teil des Projekts „100 Jahre Bauhaus im Westen“. 

Ministerium „erfunden“

Nach 1945 war der frauenpolitische Aufbruch überall zu spüren, aber mit der Etablierung alter Parteistrukturen verpuffte er bald. Die Durchsetzung der Gleichberechtigung 1949 war daher ein wirklicher Meilenstein. Doch die Reform des Ehe- und Familiengesetzes im Bürgerlichen Gesetzbuch, die daraufhin nötig wurde, stieß auf große Hindernisse. Während sich viele Frauenverbände an Rhein und Ruhr für eine rechtliche Verbesserung von verheirateten Frauen einsetzten, leisteten die Kirchen und das neue Familienministerium erbitterten Widerstand. In der Politik waren Frauen nach wie vor stark unterrepräsentiert. Zwar gab es im Landtag in NRW mit Christine Teusch schon von 1947-1954 eine erste Ministerin, doch das Beispiel machte keine Schule – weder in der Bundesregierung noch in anderen Bundesländern. Die erste westdeutsche Ministerin auf Bundesebene, Elisabeth Schwarzhaupt, trat erst 1961 ihr Amt an. Kanzler Adenauer hatte sich lange gegen eine Frau in seinem Kabinett gewehrt, doch musste er sich schließlich dem Druck der Frauen-Union beugen. Da schon alle Ministerien besetzt waren, wurde für Elisabeth Schwarzhaupt das Gesundheitsministerium „erfunden“. Auch diese Strategie fand bei beiden Volksparteien keine Nachahmung. Erst 1975 wurde Inge Donnepp von der SPD zweite Ministerin in NRW.

Ein weiterer frauenpolitischer Aufbruch fand mit dem Beginn der Neuen Frauenbewegung nach 1968 statt. In ihren Forderungen nach  Selbstbestimmung nahm der Kampf gegen § 218 einen zentralen Stellenwert an. Die 1971 im STERN veröffentlichte Selbstbezichtigungskampagne „Ich habe abgetrieben“, initiiert von der Wuppertaler Journalistin Alice Schwarzer, gab der Bewegung einen großen Mobilisierungsschub. Die aktiven Frauengruppen machten auch auf die Gewalt gegen Frauen aufmerksam. Die ersten autonomen Frauenhäuser in Köln, Bielefeld und Düsseldorf brachten seit 1976/77 tabuisierte Themen wie Gewalt in der Ehe in die Medien. Die vielfältigen Aktivitäten der Frauenbewegung haben Gesellschaft und Politik nachhaltig verändert.

Feministische Kunst

Künstlerinnen der Nachkriegszeit mussten ihre Existenz sichern. Viele hatten ihr Lebenswerk verloren. Schon vor 1968 engagierte sich die Malerin Sarah Schumann, gegenwärtig mit einer Schau im Auktionshaus Van Ham gewürdigt, für die Kunst von Frauen. Anfang 1970 brach die feministische Kunst mit gewohnten Sehweisen und revolutionierten das bisherige Frauenbild: Valie Export, Natalie LL. Carolee Schneemann, u.a. Ulrike Rosenbach gründete die Schule für den kreativen Feminismus in Köln. In Bonn entstand 1973 die Gruppe ‚Frauen formen ihre Stadt‘, initiiert von Marianne Pitzen, der späteren Direktorin des Frauenmuseums. Diese versammelte für die Ausstellung nachfolgende Künstlerinnen: Heidi Adrian,  Anne Beikircher,  Irmtraud Büttner – Hachmeister,  Sharon Calman,  Angelina Gradisnik,  Kristina Kanders, Marlene Leal da Silva-Quabeck,  Ewa Partum,  Biggi Slongo, Sarah Schumann. Gastrednerin bei der Eröffnung der Ausstellung war u.a. Birgit Schneider-Bönninger, die damit ihr Debüt im Frauenmuseum als neue Kulturdezernentin der Stadt Bonn hatte.

 

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Bild 1: Die Schweizer Künstlerin Biggi Slongo mit ihrer Arbeit Trümmerfrauen, 2016, Pflasterstein, BH. Foto: Peter Köster  

Bild 2: Housewife 86. 2019, Öl auf Vintage-Tapete auf Holz von Kristina Kanders. Foto: Peter Köster

Bild 3: Gläserne Frau: Glasarbeit, Höhe 1,90 m, Breite 0,60 m. Grisaillemalerei von Anne Beikirchner. Foto: Peter Köster

Bild 4: HERstory: Öl auf Leinwand, 2019 von Sharon Calman. Foto: Peter Köster

Bild 5: Sarah Schumann. Foto: Peter Köster