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Antje Siebrecht-Sammlung geht ins Frauenmuseum Bonn

Das Konvolut der verstorbenen Künstlerin umfasst über 700 Werke – Maler-Poetin liebte Musik und Theodor Fontane – Documenta-Teilnehmerin

Von Peter Köster

Bonn. Sie hatte noch so viel vor. So unter anderem stand ein halbjähriges Stipendium im Dänischen Königshaus auf der Schaffens-Agenda der Künstlerin Antje Siebrecht. Ein Buch wollte sie schreiben, wo sie ihre Eindrücke, die sie bei ihren vielen Reisen gewonnen hatte, festhalten wollte. Sie liebte die Musik. Theodor Fontane war einer ihrer Lieblingsschriftsteller. Antje Siebrecht wurde nur 55 Jahre alt. Ihr künstlerisches Vermächtnis überlässt sie dem Frauenmuseum (FM) Bonn. Die dem Museum angeschlossene Renate Wald Stiftung ist Hüterin der Schenkung.

Freude im Krausfeld 10. Direktorin Marianne Pitzen: „Ein Museum benötigt eine Sammlung.“ Ihr Dank richtet sich in erster Linie an die Mutter der Künstlerin, Edith Siebrecht. „Es war Antjes Wunsch, dass ihre Werke samt Archivalien in die Sammlung Frauenmuseum aufgenommen werden“, so die über 80-Jährige während der Eröffnung der Premieren-Schau im FM. In ihrem Vorhaben, die Arbeiten ins FM zu geben, wurde Edith Siebrecht maßgeblich unterstützt von der Kunstberaterin Christa Thiel (Art Consulting). Thiel kannte die Künstlerin sehr gut. Ihr war bekannt, dass Antje Siebrecht die Frauenbewegung sehr am Herzen lag und sie bereits mehrfach Kontakt zum Frauenmuseum in Bonn gesucht hatte. Freuen darf sich auch Sammlungs-Leiterin Béatrice Roschanzamir, die als Kuratorin die ehrenvolle Aufgabe hat, ein Werk-Verzeichnis zu erstellen. Sicherlich eine Herkulessaufgabe eingedenk des umfangreichen Konvoluts.

Erspüren der Künstlerin

Wie erspürt man eine Künstlerin? Indem man ihr Lebenswerk erspürt. Antje Siebrechts Lebenswerk als Vermächtnis. Gezeigt wird ein beeindruckender Querschnitt ihres farbenfrohen Werkes – Papiercollagen mit Bestandteilen aus verschiedensten Orten der Welt, aus denen Stimmungslandschaften und Erinnerungsfetzen werden. Schwingende Horizonte, hügelige Landschaften, Farben voller Wärme, Harmonie. Das sind die Bilder der Kasseler Künstlerin Antje Siebrecht, einer Malerin, die immer auf der Suche nach dem Paradies war. Siebrecht war eine Maler-Poetin. Zuletzt hatte sie angefangen zu fotografieren, übermalte die Bilder mit ihrer so eigenen Kunst. Mit Schriftzeichen und Fragmenten. Sie bemühte sich um Stipendien in der ganzen Welt, hatte Lehraufträge sowie internationale Ausstellungen und bekam vielfältige Auszeichnungen, eine globale Künstlerin war sie. Noch vor ihrem Tod bemühte sie sich um ein Stipendium in Prag. „Meine Gedanken sind frei! Mit meinen Gedanken bin ich oft auf Reisen ich sehe die einsamen Orte, die dunklen Nächte, die leuchtenden Sterne. Ein Traum? Eine Reise beginnt“, hat sie auf ihrer Homepage geschrieben.

Stadtpläne und Müll

Reisen bedeuteten für Antje Siebrecht das Sammeln bevorzugt regional hergestellter Papiere. Es schließt aber auch das Sammeln von Fundstücken unterschiedlichster Qualität ein. Plakate und Geschenkpapiere, Landkarten Stadtpläne und Müll fungieren als Erinnerungsstücke, aus denen sie ihre Inspirationen bezieht. Am Ende dieser Reise werden diese Sammelstücke ausgebreitet bemalt, bearbeitet und zu Bildern geschichtet. Diese Schichtungen der Funde erzählen Bildergeschichten, deren Dichte und Lebendigkeit sich an ihren bewegten Strukturen ablesen lässt. Die organische und sinnliche Präsenz der Collage vermittelt tiefe Einblicke in die künstlerische Arbeit, denn sie macht die einzelnen Arbeitschritte für den Betrachter nachvollziehbar.

Zwölfjähriger London-Aufenthalt

Die sichtbaren und schrittweise vollzogenen Werkprozesse im Bildaufbau lassen das Abwägen der Künstlerin ebenso erkennen, wie den Weg bis hin zur Vollendung. Die Bildschichtungen werden erst im Zusammenfluss der einzelnen Bildkapitel zur vollständigen Geschichte. Der Betrachter ist somit gefragt, das Darüber ebenso wie das Darunter in seinem inneren Auge zu einem Miteinander zu verknüpfen. Auf den Spuren von Theodor Fontane warf Antje Siebrecht einen erneuten Blick auf das ihr aus zwölfjährigem Aufenthalt seit langem vertraute London. Das Lesen von Fontanes Tagesbüchern und der bewusste Besuch seiner Wirkungsstätten regten sie zu besonderen Collagen an. In warmem Gelb ist der Namenszug des Schriftstellers unterlegt und wird als lichtes Zentrum der Bilder ausgewiesen. Papiere, Textfragmente und persönliche Anmerkungen sind um diesen Mittelpunkt herum gruppiert. In lasierenden Schichten liegen kühle Blau- und Violettöne als wolkiges Kolorit darüber. Stimmungsvolle Fontane-Bilder, Bilder aus dem Norden sind zugleich die letzten Arbeiten aus der letzten Schaffungsperiode der Künstlerin.

Einladung nach Korea

Reisezeichen sind Antje Siebrechts tatsächliche Arbeiten auf Papier, die während oder nach einer Reise entstehen. Sie hat sich in den jeweiligen besuchten Ländern wie z. B. England, USA, Norwegen, Süd-Korea, Zypern, Italien, Chile und Syrien lange aufgehalten. Sie war die erste europäische Künstlerin, die von der Korea-Foundation nach Korea eingeladen wurde. In der Vergangenheit erlangte sie verschiedene Stipendien und bestritt zahlreiche Lehraufträge. Nach einem zwölfjährigen Aufenthalt in London kehrte sie 1996 wieder in ihrer Heimatstadt Kassel zurück.

Komposition aus 365 Notaten

Antje Siebrecht wuchs in Kassel auf, legte dort 1978 ihr Abitur ab und studierte von 1979 bis 1985 an der Gesamthochschule Kassel im Fachbereich Freie Kunst, u.a. bei Prof. Hans Günther Spornitz. Von 1982 bis 1986 studierte sie gleichzeitig an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg bei Prof. Almir Mavignier. Im Zeitraum von 1986 bis 1996 lebte und arbeitete Siebrecht hauptsächlich in London, wo sie von 1986 bis 1988 am Royal College of Art studierte und mit dem Master (RCA) abschloss. Wieder zurück in Kassel bemühte sie sich um Stipendien in der ganzen Welt, hatte Lehraufträge sowie
internationale Ausstellungen und bekam vielfältige Auszeichnungen. Sie sammelte Papier aus aller Welt, raute es auf, knickte es. Leben hinterlässt ja auch seine Spuren. Darauf schuf sie ihre Reiseimpressionen. Es war, als wolle die Künstlerin immer dass Schöne bewahren, festhalten an etwas, was es längst nicht mehr gibt. Eine Komposition aus 365 Notaten auf handgeschöpften Papieren – gemalte Tagebuchblätter eines Jahreskreises. Antje Siebrecht, ledig und kinderlos, war immer auf Reisen, den inneren sowieso, aber auch zu fernen Ländern, zu neuen Erfahrungen, zu neuen Menschen und anderen Lebensentwürfen. Sie war ein neugieriger, wacher Mensch. Zudem sehr sozial eingestellt: Auf Initiative von Antje Siebrecht verkauften sie und ihre Mitschüler während der Kunstausstellung documenta 6 Bohrlocherde des „Vertikalen Erdkilometers“ von dem US-amerikanischen Künstler Walter de Maria für soziale Zwecke. Zudem unterstützte sie das Kinderhilfswerk Terre des Hommes.

Bergmuseum Messner

Antje Siebrechts Arbeiten befinden sich weltweit in privaten und öffentlichen Sammlungen, wie dem Bergmuseum von Reinhold Messner in Südtirol. Einige Werke sind ins Schlossmuseum nach Arnstadt – Kassels Partnerstadt gewandert. Einen kleinen Teil ihrer Farbstiftzeichnungen übernahm die Museumslandschaft Hessen Kassel. Das Gesamtwerk der Antje Siebrecht aber, findet nun im Frauenmuseum in Bonn ein neues Zuhause und bereichert die bereits bestehende Sammlung. Die ersten Ankäufe datieren von 1981, als das FM die Edition der Frauengalerie Barbara Gross, München erwarb. Danach folgten zehn Großformate von Hilla Jablonsky, drei Großfotografien von Annegret Soltau. Laut Bestandsliste: annähernd 1700 Positionen.

BUS:

Gemalte Tagebuchblätter eines Jahreskreises zieren die Wand im Ausstellungs-Kabinett Fotos: Peter Köster

Ein typisches Werk von Antje Siebrecht voller Wärme und Harmonie.
Foto: Peter Köster