Anne-Mie Van Kerckhovens strategische Schau

Kassel. Kassel nutzt die „dokumentarlose Zeit“ für eine Ausstellung von Anne-Mie Van Kerckhoven. Die im Fridericianum gezeigte Schau wird am 9. November eröffnet und läuft bis zum 24. Februar 2019. Die Ausstellung kuratiert von Anders Kreuger, M HKA Antwerpen, versteht sich als letzte Station einer Präsentationstrilogie, die zuvor im M HKA Antwerpen sowie im Kunstverein Hannover und im Museum Abteiberg in Mönchengladbach zu sehen war.

Ihre Initialen setzt Anne-Mie Van Kerckhoven strategisch ein wie den Namen einer globalen Unternehmensmarke. Sie wählt bewusst die distanzierte Anonymität für ihr Schaffen, das in den 40 Jahren seit ihrem Entstehen von den kulturellen Erfindungen des Undergrounds maßgeblich gespeist wurde. Graffiti-artige Zeichnungen gehören ebenso zu ihrem Werk wie schrille Musik und exzentrische Performance. Den Wucherungen des technologischen Fortschritts und der künstlichen Intelligenz stellt sie die Zeitlosigkeit menschlicher Empfindungen gegenüber. Ausgangspunkt des Werkes von Anne-Mie Van Kerckhoven ist und bleibt das menschliche Gehirn mit seinen analytischen wie auch irrationalen Möglichkeiten von Wahrnehmung und Erkenntnis.

Noise-Band „Club Moral“

Van Kerckhoven ist 1951 in Antwerpen geboren, wo sie bis heute lebt und arbeitet. Ihr Werk war immer konsequent interdisziplinär ausgerichtet. 1981 gründete sie mit ihrem Partner, dem Künstler Danny Devos, in Antwerpen die Noise-Band „Club Moral“, die bis 1991 existierte. 2001 ließen die beiden die Band wieder aufleben. Seit 1982 existiert das von beiden herausgegebene Magazin „Force Mental“. 1977 begann eine Zusammenarbeit mit dem Neurowissenschaftler Luc Steels und seit 1982 mit dessen Laboratory for Artificial Intelligence (Brüssel, heute Paris). Dadurch wurden zunehmend Bildsprachen bestimmend, die durch wissenschaftliche Bildverfahren geprägt sind: Diagramm, zeichnerische Animation, Text-Bild-Schema. Solche und andere Kollaborationen waren immer typisch für die Arbeitsweise der Künstlerin. Allem zu Grunde liegt ein klares, ja gnadenloses Bekenntnis zum sozialkritischen Anspruch ihrer Arbeit, hier „outet“ sie sich als Kind der 68er.

Weiblicher Körper im Mittelpunkt

Am Anfang ihrer Arbeit stand vor allem die schnelle, wie hingeworfen und doch fast übernatürlich präzise wirkende Zeichnung. Van Kerckhoven studierte in den 1970er Jahren Grafikdesign in Antwerpen. Mit zackigem Gekrakel skizziert sie ihre Umgebung und verzerrt sie spielerisch-humorvoll ins Groteske. Später kommen großformatige Gemälde dazu, nicht selten in poppiger Reduktion auf Farben und Formen, aber auch in der Kombination verschiedener Materialien und Bildebenen, eher als malereifremd zu betrachten. Dabei steht oft der weibliche Körper im Mittelpunkt, nicht selten geht es um Formen exzessiver Selbst-Beobachtung wie von jemandem, der das feministische Bewusstsein für sich selber denkt. In ihren Videos und Installationen verwendet sie häufig ihre Zeichnungen, aber auch Bilder von Pin-up-Girls, verfremdet Farben und collagiert. Van Kerckhoven‘s Werk besteht aus einem großen Konvolut von Arbeiten, von Zeichnungen, Drucken, Gemälden, Filmen und (Video-) Installationen. Bis heute ist sie in der kreativen Szene Antwerpens eine einflussreiche, aber umstrittene Vorreiterin – diese Rolle wird jetzt auch international bewertet und gewürdigt. pk

 

BU:
Eines der Werke aus dem Konvolut von van Kerkhoven.
Foto: Künstlerin